Zu Hause – Tag 4

Die Haare wachsen. Ich wollte eigentlich noch vor dem Urlaub zum Frisör, aber da war ich etwas erkältet und dachte: Macht nichts, gehst du halt gleich, wenn du wieder da bist. Jetzt habe ich schon einen deutlichen Vorsprung, was die rausgewachsene Frisur angeht. Angeblich darf man ja noch zum Frisör. Bin gespannt, wann sich das ändert. Oder wann die Frisörinnen sagen: Moment mal! Wie soll das gehen mit zwei Metern Abstand? Das wäre dann ein Fall für eine völlig neue Berufsgruppe: Den Ninja-Frisör.

Zur Ablenkung mache ich Tai Chi. Mache ich immer. Nur in den letzten Tagen mache ich noch mehr Fehler als sonst. Ich vergesse die Wolkenhände, den Fächer, die Peitsche an allen möglichen Stellen. Normalerweise wird das im Training korrigiert, aber das gibt es ja nicht mehr. Wenn das hier vorbei ist, habe ich vielleicht meine eigene Tai-Ch-Form geschaffen.

Heute wieder mit meiner kleinen Tochter gesungen. Johnny Cash kann man super a cappella singen. Ich habe ja das Kind auf dem Arm. Am liebsten mochte sie glaube ich „Ghost Riders in the Sky“, da habe ich mir auch Mühe gegeben wie ein Pferd zu traben. Sie selber singt noch nicht, aber sie macht immer Quietschlaute wie eine Robbe im Stimmbruch.

Immerhin habe ich es geschafft, nicht so oft aufs Smartphone zu starren. Morgens natürlich erstmal beim Aufstehen in die Routine verfallen: Flugmodus aus – Spiegel Online – Zeit – Tagblatt – Facebook. 9000irgendwas ist die aktuelle Zahl. Danach war bis Mittag Nachrichtenpause.

In „Gegen den Tag“ haben sie im Luftschiff eine Art Funkgerät ausprobiert, das kryptische Anweisungen von sich gibt. Ich bin hier in meinem eigenen Luftschiff unterwegs. Zu gerne würde ich die Innenstadt sehen. Ist es da leer? Machen alle Party? Im Internet ist abwechselnd von ausgestorbenen Städten und unverantwortlichem Feiern die Rede. Jetzt zeigt sich, wie wenig man selber von der Realität noch mitbekommt. Immer noch das Gefühl, Teil eines Films zu sein.

Ich dachte heute auch: Komisch, der Hubschrauber fliegt so oft bei uns übers Haus. Dann dachte ich: Alles Einbildung. Vorhin dann die Aufklärung im Netz: Jemand wurde vermisst. Meine Sinne funktionieren also noch tiptop.

Ich flirte mit der Haarschneideschere. Wenn ich versuche, mir die Haare zu schneiden und es versaue, bleibt ja genug Zeit, bis es wieder rausgewachsen ist. Sowieso eine gute Zeit, um alle Looks auszuprobieren, mit denen man nie nach draußen gehen würde.

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