Kabel sind gefährlich

Gestern Nacht schaute ich beim schreiben so auf meinem Schreibtisch herum und stellte fest: Wenn ich eines besitze, sind es Kabel. Ich habe ein Smartphone-Ladekabel, zwei Kamera-Ladekabel, mehrere Kopfhörer mit Kabeln, Boxen, die man mit einem Kabel an den Rechner anschließt, mehrere USB-Kabel, mit denen man wiederum Festplatten, MP3-Player oder so anschließen kann, außerdem diverse Kabel für Musikinstrumente und am Ende natürlich auch noch die guten alten Stromkabel.
Ich kann mich nicht an dem Moment in meinem Leben erinnern, in dem ich dachte: Wenn es eines gibt, das ich auf dieser Welt wirklich im Überfluss haben will, dann sind das Kabel! Nein, ich bekenne: Ich habe ein völlig langweiliges normales Konsumentenleben geführt. Und selbst die Geräte, die an den Kabeln hängen habe ich zu großen Teilen nur gekauft, weil man so etwas heute eben braucht.
Jetzt sitze ich hier und fummele aus dem Kabelhaufen, wobei man es eher einen Kabelwust nennen müsste, das eine Kopfhörerkabel heraus, mit dem ich am Rechner Musik hören kann. Es ist ja nicht so, als wären die Kabel universell einsetzbar, für jedes Gerät gibt es ein eigenes Kabel. Selbst wenn es sich um eigentlich universell einsetzbare USB-Kabel handelt, haben die gerne am kleineren Ende alle unterschiedliche Formen, damit man ja nicht auf die Idee kommt, die Kamera mit dem gleichen Kabel wie das Smartphone anzuschließen.
Dazu kommt noch: Kabel sind ja nicht etwa besonders ästhetische Gegenstände, sondern einfach nur abgrundtief hässlich. Meine sind fast alle schwarz, das finde ich immer noch besser als dieses Weiß, das nach drei Tagen immer aussieht, als hätte man es durch einen brackigen Tümpel gezogen. Ich habe einen Kollegen, der sich zumindest immer farbige Gitarrenkabel kauft, damit seine von Technik erfüllte Welt nicht ganz so trist ist. Mir fehlt die Zeit, ich bin damit beschäftigt, meine Kabel zu entwirren. Und ich bin zu faul, Kabelbinder zu benutzen.
Worüber beschwere ich mich? ich könnte der Technik entsagen und im Wald leben. Ich könnte alle Kabel durch bunte in Filz verpackte Kabelkunstwerke ersetzen. Ich haber bleibe ein postpostmoderner Konsument und beschwere mich lieber über den Abfall, den meine verschwenderische Existenz mit sich bringt. Da wäre es mir echt lieber, alles würde durch irgendeine Art Kraftfeld miteinander verbunden. Das würde dann wahrscheinlich Kabel in meinem Kopf wachsen lassen, aber die sind da, wie man sieht, ja ohnehin schon.

Wo geht die Reise hin?

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Diese Frage stelle ich mir oft in dieser Zeit. Ich befinde mich an einem Punkt der Weichenstellung und kann noch nichts dazu sagen. So wie auch diese Artikel hier auf nichtssagende Weise vielseitig sind.
Oft frage ich mich, ob die Frage, wo es hingeht, sich nicht immer stellen müsste. Es ist ja so: Man weiß nie, was passiert. Oder wie Wittgenstein sagte: „Dass die Sonne morgen aufgehen wird, ist eine Hypothese; und das heißt: wir wissen nicht, ob sie aufgehen wird.“
Genau genommen könnte jederzeit alles passieren. Die Frage, wo es hingeht, was man tun soll, stellt sich nur manchmal mehr oder weniger. Sie steht dann auf einmal im Raum wie ein unpassendes Möbelstück, das man all die Jahre ignoriert hat.
Ich weiß nur eines: Es wird etwas mit Sprache zu tun haben. Die Wörter gehen mir nicht aus. Ich könnte zum Beispiel einen super Roman schreiben über den Tag, an dem die Worte ausgingen. Der Anfang ginge so: „Und dann gingen auf einmal allen die Wörter aus…“ Der Rest schreibt sich dann von selber.
Man könnte auch sagen: Ist doch albern, sich diese Fragen zu stellen und daraus so ein Ding zu machen. Im Supermarkt verfällt man ja auch nicht in philosophische Betrachtungen darüber, welche Schlange man wählen soll. Wobei, wenn ich es mir recht überlege, könnte das schon sein.
Ich sollte einkaufen gehen….

Wenn die Gondeln Träume tragen

Gondel Winter
Dieser Ausblick offenbarte sich mir jüngst, als ich es wagte, mit einer Gondel einen Gipfel in Österreich zu erklimmen. Ich schwebte den Berg hinauf, wobei es hier eher so aussieht, als schwebte ich ihn hinunter.
Tatsächlich sieht man hier ja gar nicht, wo die Gondel einen hinträgt und auch die Gondel selbst sieht man nicht, nur aus der Anwesenheit der nächsten und dem gespannten Gondelseil kann man schlussfolgern, dass man sich wohl in einer solchen befände.
Das Leben erschließt sich vor allem aus dem, was man außen sieht. Ich sehe den Weg vor mir und schließe, ich müsste irgendwoher gekommen sein. Ich hänge an einem Seil, wobei ich mir nie sicher sein kann, ob ich wirklich daran hänge, oder nicht auch auf den Hängen des Berges unterwegs sein könnte.
Und die Welt? Sie erwartet einen in gebieterischer Kälte voller Erhabenheit. Der Gipfel scheint zugleich Bedrohung und Ziel zu sein.
Sicher wäre es nicht so verwirrend, den Gipfel zu Fuß zu erklimmen. Nur wäre es sehr viel beschwerlicher. Beim Kampf mit den Elementen verlöre man den Genuss der Aussicht und gewänne dafür einen Kragen voll Schnee.
Da gleite ich doch gerne ganz komfortabel durch die Lüfte und bin perspektivisch verwirrt.
Das Leben des modernen Menschen – ein gespanntes Seil über eisige Klüfte in Erwartung des Unglaublichen.

Der Baum aus der Unterwelt

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Dieser Baum begegnete mir vor ein paar Tagen auf dem Heimweg. Er hat die Stadt betreten, um endlich reinen Tisch zu machen. Nun erwartet er neben dem Anwohner-Parkplatz-Schild das entscheidende Duell…
Die Häuser um ihn her kauern im Schatten seiner Macht. Die Tiefe, aus der er sich emporschwang, beherbergt sicher noch Dunkleres als ihn.
Ja, dieser Baum war mir wie der Einbruch des Wahnsinns in die Ordnung der Stadt. Das Leben, das in seiner Urgewalt alles Kleingeistige überwältigt. Ein Ding, das sich in keine Form pressen lässt, dessen Verzweigungen Anfang und Ende nur erahnen lassen, ein Etwas, das sich nicht begrenzen lässt.
Nur weiß ich auch: Dieser Baum ist in unserer Welt kein Protagonist. Er fristet das Dasein eines Abgehängten, dem man gerade noch sein Fleckchen Erde gönnt.
Während unsere Häuser uns alles sind, ist der Baum uns nichts. Wir sehen unser Leben grau werden im Mauerwerk.
Der irre Baum könnte die Rettung sein. Das, was sich der reinen Funktionalität entzieht. Was vielleicht nicht einmal nützlich ist, sondern schaurig schön. Das Lied der Regentropfen könnte der Ruf zum Abenteuer sein.
Also, mein Rat, bevor ich vollends dem Pathos verfalle: Guckt mal Bäume an, das hilft.

Der Gleitschirm

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Als ich heute morgen aus dem Fenster schaute, offenbarte sich mir der Anblick eines Gleitschirms. Oder vielmehr eines Gleitschirmfliegers. Wobei man von ferne natürlich nicht weiß, ob der Gleitschirm auch wirklich bemannt ist, er könnte ja auch ferngesteuert sein, mit einer Gleitschirmdrohne zum Beispiel.
Der Gleitschirm durchmisst die Weite der Luftströmungen, die Viefalt der Atmosphäre und tut nichts, als sich ihren Auftrieb zunutze zu machen. Ein bescheidenes Konzept der Fortbewegung, verglichen mit all den Fliegern, die einen Verbrennungsmotor benötigen.
Vielleicht sollte man so leben: Sich auf die Luftsrömung des Schicksals verlassen und gleiten. Nur muss man damit leben, dass es immer unmerklich ein bisschen tiefer geht.
Bei all der Versunkenheit in dieses Bild der Ruhem fiel mir aber auch ein, wie es sich wohl anfühlen muss, das Ding zu steuern. Wenn ich da oben säße, oder hinge, wäre ich ein von Adrenalin überschwemmtes Nervenbündel. Von anmutigem Gleiten könnte da keine Rede sein.
Und genau so könnte es sich wiederum mit meinem Dasein verhalten: Während ich mich in Panik verliere, wirkt es von außen, als gleite ich anmutig durch Wattewölkchen.

Der Baumstamm mit dem Katzenauge

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Dieses Bild habe ich vor ein paar Monaten gemacht und jetzt sprang es mir gerade aus meinem Mobiltelefon heraus ins Auge der Erinnerung. Das Katzenauge weist dezent auf das Ende des Baumstamms hin, wahrscheinlich, um einen Zusammenstoß zu verhindern. Der moderne Mensch braucht solche Hinweise. Ist es doch alles andere als normal, Baumstämme im öffentlichen Raum anzutreffen.
Baumstämme dürfen zur Zier Fußgängerzonen mit ihrem Erscheinen bereichern. Treten sie anders auf, sorgen sie schnell für Irritation. Man nehme einmal an, so ein Baumstamm beträte auf einmal eine Bäckerei. Der Baumstamm könnte ja gar nicht am normalen Betrieb der Bäckerei teilnehmen. Er wäre außerstande, ein paar Brötchen zu bestellen. Mit etwas Phantasie könnte man sein erscheinen noch interpretieren als den Konsum von Sauerstoff mit Brötchengeruch.
Auch das wäre natürlich allerhand, bzw. aller-Ast. Der Brötchenduft ist ja quasi umsonst. Wenn jetzt aber so ein Baumstamm sich jetzt aber in einer Bäckerei breitmacht, muss er dann nicht zumindest ein bisschen Platzmiete abdrücken? Muss er nicht. Der Baumstamm ist als Baumstamm ja immer ästhetisch. Gibt es einen Zusammenhang, in dem ein Baumstamm hässlich anzusehen wäre? Vielleicht, wenn er sich als Fabrikschlot verkleidet, oder wenn er eine zerrupfte Perücke trägt. Wahrscheinlich wäre auch das eher erheiternd.
Ich finde, dieser Baumstamm sieht auch ein bisschen aus wie die Schnauze eines Nilpferds. Das Katzenauge wäre dann das Nasenloch. Dann ergäbe das Katzenauge auch Sinn. Schließlich ist ein Nilpferd ja noch außergewöhnlicher im öffentlichen Raum als ein Baumstamm.

Kunst und Geld I

„Ich muss ja auch davon leben!“ Diesen Satz sagen wir Künstler allzu gerne, wenn wir unsere Gagenforderungen begründen. Und es stecken einige traurige Wahrheiten in diesem Satz. Zum einen: Man muss von seiner Kunst leben. Muss man das? Kafka hat nicht von seiner Kunst gelebt. Das Geld, das er mit Büchern verdient hat, war nicht der Rede wert. Das Meiste wurde wohl nach seinem Tod erwirtschaftet. Dennoch hat wohl kaum ein Künstler so von der Kunst gelebt wie Kafka. Seine Nächte waren erfüllt vom atemlosen Schreibmarathon des Besessenen. Gar nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn er damit aufgehört hätte.
Nur lebte Kafka in einer Zeit, in der man gar nicht unbedingt erwartet hat, dass ein Künstler von seiner Kunst lebt. So kommt es mir zumindest vor. Heutzutage hat man doch das Gefühl, wenn jemand sich Künstler nennen will, dann muss er oder sie auch davon leben können. Nicht ganz unlogisch. Man sagt ja auch nicht: Ich bin Schreiner! Und arbeitet in Wirklichkeit bei der Post.
Andererseits ist doch der Anspruch von Kunst, auszubrechen aus dem Zwang des Marktes. Warum muss mit etwas Geld verdient werden, das doch ein kleines Universum für sich selber sein soll, Ausdruck des Absoluten in Miniatur? So kommt es auch, dasss man mit seiner Kunst auch nicht allzu beliebig Geld verdienen darf. Wenn man Werbe-Spots dreht, darf man höchstens Schauspieler sein. Unvorstellbar, dass Gerhard Richter das neue Logo von H & M malt, um einfach Geld zu verdienen. Dabei wäre das vielleicht sogar ganz nett. Würde sicher interessant aussehen.
Man muss aber auch von seiner Kunst leben, weil man ja Kunst macht und nebenher nur schwer etwas Anderes machen kann. Es sei denn, man ist Kafka, aber der ist auch jung gestorben. Oder man beschränkt seine Kunst auf einen gewissen Zeitraum. Das wiederum gilt aber vielen dann nur als Hobby, was man gemeinhin auch als minderwertig ansieht.
So macht man dann eben doch Kunst, die Geld verdienen soll. Nur eben nicht gleich für H & M, sondern für kleinere unbekannte Unternehmen, wo es keiner mitbekommt. Oder man versucht einfach direkt, seine Kunst zu verkaufen. Nur wird sie dann zum Produkt und muss die gerade herrschenden Gesetze des Marktes erfüllen. Da macht man dann auch gerne Dinge mit seiner Kunst, die man selber gar nicht mehr gut findet, die aber Absatz garantiert.
Andererseits: Warum darf die Kunst nicht einfach schnöde kapitalistisch und kulturindustriell sein, um als wahre Kunst zu gelten? Sind die Erfinders der Bitcoins nicht auch irgendwie Künstler? Vielleicht mehr als Andere? Schließlich geht es bei ihnen nur noch um Geld. Das ist doch auch eine Art von Performance.
Ich weiß nicht. In mir schlummert trotz allem immer die Sehnsucht, Ausdruckstanz mit Rindenpercussion zu inszenieren. Oder mal ein Stück aufführen, bei dem niemand zuschauen darf. Und dann dafür extrem subventioniert werden. Ich verwickle mich in Widersprüche… Für die Kunst ist das sicher ein gutes Zeichen…
To be continued…