Das Wetter wechselt. Ich wechsle die Jacke. Das Wetter wechselt. Und zwar in einem Moment. Es ist gleichzeitig kalt und warm. Die Sonne scheint, der Wind weht arktisch. Das Wetter wechselt und ich wechsle die Aussicht. Zeit, neue Perspektiven einzunehmen. Zum Beispiel die des Baumes vor dem Fenster, der dich sieht, wie du schon wieder am Computer sitzt und denkt: Was muss der für Wurzeln haben!

Das Wetter wechselt und ich wechsle die Perspektive. Ich sehe mich mit den Augen meiner Mitmenschen und sehe: Wenig. So viel sieht man gar nicht von dem, was da in mir abgeht. Kein Mensch ahnt, welch Fantasien ich habe, wenn ich im Supermarkt an der Kasse stehe und Müsli kaufe.

Das Wetter wechselt. Es wechselt deine Währung. Dein Gemüt hat einen neuen Kurs, nur weil die Wolken heute anders ziehen. Wolken, Sonne, Hagel, egal. Du hast für jedes Wetter die falsche Jacke. Ist auch ein bisschen viel verlangt von einem Kleidungsstück, dein Leben perfekt zu machen.

Das Wetter wechselt. Ich bleibe unbeständig. Und die Welt bleibt es auch.

Liebe mich! Das scheint die Botschaft unserer Zeit zu sein. Das fällt mir gerade zwischen zwei Atemzügen wieder ein. Immer mehr scheint unser Leben, oder zumindest das von vielen, die ich kenne, sich darum zu drehen, geliebt zu werden.
Klar, man kann sagen: War das nicht schon immer so? Sehnten nicht auch die Bauern auf den Feldern des Mittelalters sich nach jemandem, der bemerkte, das sie arbeiteten? Ich denke, sie waren froh zu überleben. Schon gut, dass wir nicht mehr so ums Überleben kämpfen müssen, aber warum dieser irrsinnige Wunsch nach Bestätigung, dem ich ja auch nachgehe, indem ich das hier schreibe?

Liebe in kleinen
Dosen aus dem Cloud-Regal.
Wir sind da – echt jetzt.

Ich existiere
nur durch andere, deren
Blick und Klick mich schafft.

Liebe mich! Es ist ein zu großes Wort. Wirklich geliebt werden wollen wir nicht. Das würde ja heißen, jemand will sein Leben mit uns teilen. Es ist nur dieser kleine Kick, den man spürt, wenn die Userzahlen steigen, wenn unter dem Bild eine größere Zahl von Daumen und Herzen steht. Es heißt: Wir finden das gut, was du da machst. Und damit auch irgendwie dich. Und wir belügen uns automatisch. Wir glauben es. Dabei war ja immer nur das Bild gemeint.
Wir müssten es schaffen, uns auch noch diese Zuneigung einzubilden. Insofern wäre die alte Idee von Berkeley interessant: Was, wenn wir uns all diese Follower, Freunde, oder wie auch immer unsere Internet-Gruppe nun heißt, wenn wir uns all diese Wesen nur einbilden?

Ich klicke hier, ich klicke da,
ich like und du schreist: Hurra!
Hurra! schallt es von mir zurück.
Ja, so einfach ist das Glück.

Gerade ist es mal wieder passiert. Infolge der Veröffentlichung der Collections 1-5 darf ich mal wieder meine Passwörter erneuern. Angeblich waren welche davon irgendwo im Netz zu sehen – zumindest theoretisch. Ich bin noch nie gehackt worden, könnte es also ruhig angehen lassen und mir sagen: Nur weil jetzt jemand mein Passwort für irgendeinen Postkartenservice im Internet kennt, muss ich ja nicht gleich alles ändern, oder?
Aber ich bin ängstlich, nicht nur, was das angeht. Ich stelle mir vor, wie ich eines Tages diese eine Mail oder diesen einen Anruf bekomme, in dem jemand mir droht: Pass auf, Kienzler, wenn du uns nicht sofort eine Riesensumme überweist, dann erzählen wir allen Leuten, dass du letztes Jahr auf Amazon ein echt geschmackloses Meditationskissen gekauft hast.
Da könnte ich echt nicht umhin, was zu tun. Ich will ja nicht, dass so was öffentlich wird. Ich verstehe zwar nicht, warum Supergangster, die angeblich alle Daten klauen können, nicht einfach von meinem Konto abbuchen, aber vielleicht sind es ja auch nur gelangweilte Schüler, die sich ein Taschengeld verdienen wollen.
Jetzt sitze ich wieder hier und sauge mir Passwortideen aus den Fingern: Was hat meine Grundschullehrerin zu mir damals im Schwimmunterricht gesagt, was mich so traumatisiert hat? Wie lauten die Anfangsbuchstaben der Worte dieses Satzes? Und wie rechne ich die jetzt in Zahlen und Sonderzeichen um?
Und deshalb bin ich dafür, Passwörter abzuschaffen. Schluss mit diesem Quatsch. Nur noch Daumenabdrücke und Gesichtserkennung. Bis mir jemand meinen Daumen und mein Gesicht klaut, oder sie im 3D-Drucker kopiert.
Vielleicht sollte man seine Konten einfach gar nicht mehr schützen. Alles offen legen. Dann sehen die Gangster vielleicht, dass sich der Hack in den meisten Fällen gar nicht lohnt.
Es gibt natürlich noch eine andere Methode. Die betreibe ich schon seit Jahren. Immer, wenn ich mich irgendwo neu anmelde, vergebe ich ein tolles neues Passwort. Und vergesse es sofort wieder. Und drücke auf den tollen Link „Passwort vergessen“.

Der Tag des Tannebaums naht und alle zählen die Tage. Wieder werden wir alle uns begegnen an einem Fest der Liebe, das diesen Namen nicht zu Unrecht trägt: Liebe kann schön und furchtbar sein.
In den Fußgängerzonen wedeln Menschen mit Geldscheinen, um von Händlern mit möglichen Geschenken beworfen zu werden. Backöfen schmelzen durch anhand der Plätzchenmassen, die man mit ihnen produziert.
Die Stadt ist ein einziger Markt, wenn man überall Glühwein trinken würde, wo man Glühwein trinken kann, wäre man schon tot. Ständig sind Feiern und Treffen und Jubiläen, Menschen marodieren in Grupen durch Theater und Restaurants.
Eine großartige Zeit. Das letzte Gefecht von Kultur und Gesellschaft. Alle wollen es noch einmal wissen. Wollen wissen, wem sie noch keine Karte geschrieben haben und wen sie an Weihnachten noch treffen könnten.
Andere bauen Mauern aus Kissen und Decken vor ihrer Tür auf, wappnen sich für den Sturm, mit dem sie nichts zu tun haben wollen und gerade dadurch so viel mehr zu tun haben.
Ich frage mich jede Weihnachten, ob ich das jetzt furchtbar oder ganz großartig finden soll. Ich denke, es ist eine Art Initiationsritual, das uns alle noch menschlicher macht, als wie schon sind. Es kehrt die guten und schlechten Seiten gleichermaßen nach außen: Gesangskünste, Tischsitten, Tannenbaumbehängungsstrategien… Wenn man das alles durchlaufen hat, kann das neue Jahr auf jeden Fall kommen.
Und außerdem ist es ja auch ein religiöses Fest, aber dafür bin ich kein Experte…Wir sehen uns unterm Weihnachtsbaum oder in der Fußgängerzone…

Der verdammte November ist vorüber. Der November, der mich echt an meine Grenzen brachte. Der November, der sagte: Ich habe mir eine Menge für dich überlegt… Es war ein guter November.
Ein November, den man in der Steppe an einer Bar trifft, der von alten Gefechten im Präriesand erzählt und einen dann mitnimmt auf ein neues Abenteuer. Und die ganze Reise über denkt man: November – auf wessen Seite stehst du? Und ganz am Ende, wenn man dann mehr tot als lebendig, aber dennoch lebendig in die Abendröte reiten darf, erkennt man: Er war die ganze Zeit auf meiner Seite.
Diesen November stellt man niemandem als Freund vor. Er ist der Typ, den man braucht, aber nicht gerne hat. Der in all seiner Härte aber ein gutes warmes Herz in sich trägt. Einer, der selber ein Pferd reitet, das alle anderen schon erschossen hätten.
Ob es wohl Leute gibt, deren November anders aussieht? Ein November, der durch den Regen tanzt? Kann ich mir nicht vorstellen. Mein November wäre zu schwer dafür. Aber vielleicht gibt es da draußen Leute, deren November sogar Drinks am Strand serviert. Den würde ich auch gerne mal treffen.
Ich denke, auf lange Sicht bleibe ich meinem November treu. Ich habe viel von ihm gelernt.