Es ist Sommer,

ich habe mir einen Band über moderne Kunst gekauft, um damit im Park sitzen zu können.

Ich hätte auch ein anderes Buch kaufen können, um mein Gesicht zu bedecken, aber so ein Kunstband sieht einfach besser aus.

Es ist Sommer,

ich trage kurze Hosen, auch wenn ich meine behaarten Beine nicht für schön halte,

sie sehen aus wie zwei Spargelstangen, die ins Heu gefallen sind.

Warum haben alle an ihren kurzen Hosen diese komisch hochgerollten Hosenaufschläge?

Was bedeutet das? Ich habe mal noch ein bisschen hochgekrempelt, damit man mehr nackte Haut sieht? Oder: Wir krempeln nicht nur die Ärmel hoch, sondern auch die Hosenbeine?

Zumindest lenkt es vielleicht etwas von meinen Beinen ab.

Es ist Sommer,

die Jahreszeit, zu der man zu jeder Tageszeit jedes Getränk trinken kann.

Wenn man sich im Winter um 8 Uhr morgens mit einem Bier auf eine Parkbank setzt, denken alle: Krass. Jetzt denken alle: Ach, Sommer scheißegal.

Es ist Sommer,

überall sind auf einmal so viele Menschen. Wo wohnen die alle? Vielleicht gibt es auch so eine Sommeragentur, die im Sommer immer diese komischen gut aussehenden jungen Sommermenschen in die Stadt karrt.

Es ist Sommer,

wir gehen in die Wilhelma und schauen zu, wie die Elefanten gewaschen werden. Stell dir vor, es würde immer so eine Gruppe kleiner Elefanten zuschauen, wenn du unter der Dusche bist und immer, wenn du deinen Intimbereich wäschst, so was sagen wie „hohoho.“ Oder „ohh“, wenn du deine Augen zumachst, weil dir Shampoo hineinläuft.

Es ist Sommer,

ich wäge ab: Rausgehen und die Sonne genießen oder die neue Staffel „Stranger Things“ gucken? Rausgehen – Stranger Things, Rausgehen – Stranger Things. Das geht zwei Stunden so, in denen ich weder in der Sonne war, noch Stranger Things geguckt habe. Aus Frust gucke ich „Stranger Things“.

Es ist Sommer,

die Rasenmäher laufen um die Wette, morgens mittags abends – und in unserem Fall auch Nachts. Da hat sich ein Nachbar so einen coolen Mähroboter gekauft, der jetzt Nachts mäht. Oder er ist in Urlaub gefahren und hat vergessen, das Ding auszumachen.

Es ist Sommer,

andere Leute machen jetzt Nachts wieder das Fenster zu, damit keine Mücken reinkommen. Ich nicht. Ich bin Mücken egal. Es kann ein ganzer Mückenschwarm im Zimmer sein, ich habe trotzdem höchstens zwei Stiche. Wahrscheinlich schicken sie immer so eine Testmücke vor. Die sticht mich und sagt dann zu den anderen: „Leute, ich hab den da probiert, ich will nicht ins Detail gehen, lasst es einfach.“

Es ist Sommer,

und es könnte ewig so weiter gehen,

weil es immer noch die beste Jahreszeit ist, die wir haben

und weil die Platte in meinem Kopf durch diese Hitze einen Sprung bekommt.

Es ist Sommer.

Denk dir

Denk dir eine Sprache, die ganz bei dir ist.

Eine Sprache wie einen Talisman,

den du vor der Welt ausbreiten kannst.

Eine Sprache, in der Dinge mitschwingen,

als würden trunkne Schmetterlinge mit letzter Kraft mit ihren Flügeln schlagen.

Zum Beispiel.

Wenn du sagst: „Ich hätte gern ein Dinkelbrot.“

hört es sich immer auch ein bisschen an, als hättest du gesagt:

Ich hätte gern ein Stück von deinem Herzen, liebe Bäckereiperson,

um in einsamen Nächten mein eignes Herz mit ein paar Blutstropfen aus deinem zu nähren.“

Und dieser Satz, der schwingt nur mit, obwohl du nicht mehr sagst, als:

Ich hätte gern ein Dinkelbrot.“

Aber irgendwo im „ä“ von hätte oder im „nk“ von Dinkelbrot,

da schwingt diese Botschaft mit wie die Saite einer Gitarre, aus Sektgläsern gebaut.

So dass bei der Bäckereiperson ein Hauch von dieser Botschaft ankommt,

ohne dass irgendwer sich komisch oder bedrängt fühlen muss.

Die Bäckereiperson wird Nachts in ihrem Bettchen liegen und auf einmal dieses Kribbeln spüren,

da an der Stelle am Herzen, wo du gern einen Teil sacht abgebissen hättest,

da wird dieses Flirren und Kitzeln sein,

dass sie ein bisschen später einschlafen lässt

mit einem Lächeln auf den Lippen in der Form des F-Lochs einer Geige.

Denk dir diese Sprache,

sprich diese Sprache, flüster sie ganz nebenbei,

habe einen Sprachfehler der Gefühle, der die Sprache besser macht.

Wünsch der Welt den schönsten Morgen,

an dem sie selbst, der ganze Globus in schönen Träumen noch ein bisschen weiter, eine halbe Stunde schlafen darf.

Ja, wer weiß? Vielleicht gab es schon sehr viele dieser halben Stunden, in denen alle Wecker stillstanden und wir wissen nur nichts davon.

Wäre das nicht schön?

Wenn neben all dem Leben, das sich vor Rechnern und im Schatten neugebauter Pseudohäuser Leben schimpft, noch so ein andres wäre so eine Welt der Lücken, Pausen, Atemzüge.

Denk dir eine Sprache, die nicht laut, nur ihm Geheimen spricht,

lass sie Schwur und Spruch und Losung sein

für jene Pforte, jenes Tor, durch das du heimlich schlüpfst im Schatten geistreicher Gebüsche

und sprich sie schweigend, sprich sie nicht aus, nein sprich sie ein.

Zwei Tiere in einem Gedicht unterzubringen, ist gar nicht so einfach. Aber diese beiden haben auch eine wahrhaft symbiotische Verbindung:

Ne Zecke fällt nem Bär ins Fell

und sagt dazu dann ziemlich hell:

Vom kleinen Kerl zum großen Runden,

ich fühl mich dir echt sehr verbunden!

Das Wetter wechselt. Ich wechsle die Jacke. Das Wetter wechselt. Und zwar in einem Moment. Es ist gleichzeitig kalt und warm. Die Sonne scheint, der Wind weht arktisch. Das Wetter wechselt und ich wechsle die Aussicht. Zeit, neue Perspektiven einzunehmen. Zum Beispiel die des Baumes vor dem Fenster, der dich sieht, wie du schon wieder am Computer sitzt und denkt: Was muss der für Wurzeln haben!

Das Wetter wechselt und ich wechsle die Perspektive. Ich sehe mich mit den Augen meiner Mitmenschen und sehe: Wenig. So viel sieht man gar nicht von dem, was da in mir abgeht. Kein Mensch ahnt, welch Fantasien ich habe, wenn ich im Supermarkt an der Kasse stehe und Müsli kaufe.

Das Wetter wechselt. Es wechselt deine Währung. Dein Gemüt hat einen neuen Kurs, nur weil die Wolken heute anders ziehen. Wolken, Sonne, Hagel, egal. Du hast für jedes Wetter die falsche Jacke. Ist auch ein bisschen viel verlangt von einem Kleidungsstück, dein Leben perfekt zu machen.

Das Wetter wechselt. Ich bleibe unbeständig. Und die Welt bleibt es auch.

Es gibt Dauerregen, es gibt Dauerlutscher und es gibt Dauererkältung. Ich habe letzteres. Da wir von Hause aus gerade regelmäßig mit netten neuen kleinen Viren in Kontakt kommen, erfreue ich mich der Erfahrung, ständig erkältet zu sein. Klingt die eine Erkältung gerade ab, geht die nächste wieder los.

Was bleibt einem da, wenn nicht Haikus schreiben?

Die Nasen laufen

die Taschentücher fallen

wie Herbstlaub vom Dach.

 

Abhärtung für lau

Die liegende Acht hustet

Nasenspray – olé!

 

Zumindest lege ich jetzt die Gewohnheit ab, Erkältungen für eine Krankheit zu halten, bei der man ins Bett gehört, oder so. Ich sehe es jetzt eher als veränderten Aggregatzustand meines Körpers.

Krankenhaus im Kopf

Feueralarm im Herzen

High five mit der Nacht