Der Morgen war ein episches Drama. Der Sohn und ich sind gleichermaßen Morgenmuffel. Ich quälte mich aus dem Bett, war aber wenig überzeugend, als ich aus der Dusche kam und sagte: „Los, aufstehen…“ Ist auch schwer, wenn man selber dabei denkt: „Aufstehen, so ein Quatsch. Warum muss überhaupt irgendjemand irgendwann aufstehen?“

Unter Tränen und Protest wurde der Sohn angezogen. Ich musste ihn vor der Kita-Tür noch seine Milch zu Ende trinken lassen. Selbst in der Kita wollte er erst nicht bleiben. Ich setzte mich mit ihm und der Tochter auf eine Bank. Nach zwei Minuten sagte ich versuchsweise: „Jetzt geht es aber, oder? Sagen wir mal Tschüss.“ Ich glaubte nicht an Erfolg, aber der Sohn stand auf und sagte: „Ja, Tschüss.“ und von da an war alles gut.

Ich cruiste mit der Tochter im Kinderwagen durch die Altstadt von einem kleinen Einkauf zum nächsten. Einen Teil der Zeit verbrachte sie wieder auf dem Arm, weil der Kinderwagen immer noch nicht ganz ihr Ding ist, aber es wird besser.

Nachmittags holten wir den Sohn ab. Er war wie ausgewechselt im Vergleich zum Morgen. Kein Wunder. Ich fragte ihn: „Was habt ihr gemacht heute in er Kita?“ „Geschlafen und gegessen und gespielt.“ Mehr kann man vom Leben nicht verlangen.

Die abendliche Pizza kommentierte der Sohn mit: Die ist aber hart. Wie Knäckebrot.“ Ich ging guten Gewissens die Improtruppe trainieren, die ich früher mal jeden Montag trainiert habe. Endlich wieder Szenenabläufe analysieren und vor allem Indiaka spielen. Es war sehr schön, bis die Mücken kamen. Jetzt sitze ich glücklich mit zerstochenen Beinen vor dem Rechner.

Die Tochter zermantschte Bananen und eine Erdbeere wie eine kleine Aktionskünstlerin. Es stellte sich heraus, dass sie wie ich keine Bananen mag. Erdbeeren schon eher. Die Tochter hatte heute volle Aufmerksamkeit, weil der Sohn bei den Großeltern war.

Morgen darf der Sohn wieder in die Kita, nachdem der Schnupfen langsam abgeklungen ist. Nach unseren Informationen ist mindestens die halbe Kita krank geworden. So viel zum Sinn und Unsinn mancher Hygiene-Maßnahmen.

Die Tochter probierte über den Boden rollend neue Laute aus. Mittags hatte sie ihren bisher spektakulärsten Wutanfall, weil wir gewagt hatten, ihr Karottenbrei anzubieten. Mit einem Brot beruhigte sie sich dann wieder. Es kann aber auch daran gelegen haben, dass die Mutter sie nicht weiter mit der Teebeutelverpackung spielen ließ, die sie davor in der Hand hatte.

Abends gingen wir noch essen. Der Sohn hatte eine klare Antwort auf die Frage, was er essen wolle: „Pommes mit Bolonese!“ Nach dem Essen war er so müde, dass ich dachte: Hey, er schläft sicher in zwei Minuten ein. Nach einem kurzen Luftholen stand er aber quietschfidel nochmal auf. Ich war selber so fertig, dass ich ihn alleine spielen ließ.

Großer Fehler. ich konnte ja auch nicht ahnen, dass: „Ich wasche jetzt den Eisbär.“ nicht bedeutet, dass er jetzt so tut, als würde er den Eisbär waschen. Stattdessen wurde der Eisbär mit meinem Fußdesinfektionsspray getränkt, bis der Geruch mich darauf brachte, dass vielleicht etwas komisch sein könnte. Ich werde heute Nacht in einer Wolke aus Seifenduft schlafen. Immerhin ist die Bettstatt gut desinfiziert.

Ich sagte heute Morgen: „Hier, deine Milch.“ Der Sohn sagte: „Stell sie einfach auf den Klotz im Schlafzimmer.“ und machte ungerührt sein Puzzle weiter. Manchmal schafft er es, dass man sich fühlt wie sein persönlicher Assistent.

Nach einem etwas öden Vormittag. Nur unterbrochen von Beschwerden der Tochter, ging ich mit den Kindern auf große Mission: Käse kaufen und zur Apotheke. Das klingt harmlos. Wir brauchten trotzdem zwei Stunden länger als geplant, bis wir das Haus überhaupt verließen. Meine Frau war auf einer Fortbildung.

Nachdem wir den Käse und die Medikamente hatten, kam der erste Höhepunkt des Tages für meinen Sohn: „Da ist ja der Piratenspielplatz!“ Ja, wir gingen auf den Piratenspielplatz am Anlagensee, der sonst zehn Minuten zu weit weg ist, um auf die Idee zu kommen, da einfach mal hinzugehen. Das zentrale Klettergerüst ist einem Piratenschiff nachempfunden.

Der Sohn kletterte, rutsche, schaukelte und führte mich nacheinander in verschiedene kleine Häuschen, die ohne besondere Funktion am Rande des Spielplatzes stehen. Der größte Spaß war es offenbar, in eins der Häuschen zu gehen, sich für zwei Millisekunden dort auf eine Bank zu setzen und dann weiterzuziehen ins nächste Häuschen.

Auf dem Heimweg blieben wir am Neckar hängen: Tretboote und Stocherkähne sind wieder unterwegs. Da kann man auch mal eine halbe Stunde zuschauen: „Und was ist das da?“ „Das ist ein Tretboot.“ „Und das da?“ „Das ist auch ein Tretboot.“ „Und das da?“ „Ein Stocherkahn.“ „Und was ist das?“ „Wieder eine Tretboot.“

Als wir heimkehrten, war auch die Mutter wieder da. Ich fuhr Familiengroßeinkauf machen, die Mutter ging mit den Kindern später wieder auf den Spielplatz. Vorher wurde in meiner Abwesenheit noch im Schlafzimmer gebaut. Eine Waschanlage für den Eisbär. Der Eisbär wurde „gebürstet und gewürstet“, ihm wurden die Krallen geschnitten und natürlich die Zähne geputzt.

Ich kam mit reicher Beute zurück. Endlich hatte ich für die Tochter einen Latz mit Ärmeln besorgt. Wobei ich in weiser Voraussicht auch einen für den Sohn mitgebracht hatte. Meine Frau stellte die richtige Frage: „Warum gibt es solche Latze eigentlich nicht für Eltern?“ Vielleicht hat es was mit Würde zu tun.

Zu guter Letzt schreckte ich nochmal kurz auf, weil der Sohn mit der Nagelschere durch die Wohnung rannte. Dann waren sogar die Kinder müde. Und schafften es irgendwie ins Bett.

„Was willst du zum Frühstück?“ fragte die Mutter. „Maultaschen!“ sagte der Sohn. Er war sehr überzeugend. Und aß sie dann doch nicht. Ähnlich konfus ging der Vormittag weiter. Ich erinnere mich nicht mehr an viel, nur an das: In einem Moment der Ruhe lag ich mit meinem Sohn und meiner Tochter auf einer Matratze, einen rechts im Arm, eine links im Arm. Wir ruhten uns zwei Minuten aus. Dann rollte die Tochter von der Matratze und der Sohn musste das natürlich auch machen.

Ich hatte ein bisschen Ruhe, als die Restfamilie sich aufmachte, um beim O2-Shop vorbeizuschauen. Solche völlig trivialen Unternehmungen sind genau das Richtige, um mit den Kindern nochmal rauszugehen. Geschieht Leuten in so Handyläden ganz recht, wenn man bei Ihnen mit zwei schlecht gelaunten Kindern auftaucht.

Vorher musste ich den Sohn noch davon überzeugen, dass es bei dem Wetter keine gute Idee ist, die extra dicke Jogginghose anzuziehen. Die Tochter beschwerte sich in einem fort und wollte weder essen noch trinken. Sie kann jetzt schon in vorwurfsvollem Ton: „Da da da!“ sagen. Es klingt richtig beleidigt. Meine Frau meinte, gestern Abend hätte sie ihr so einen richtigen Vortrag gehalten.

Als alle wieder zu Hause waren, machte die Tochter eine neue Entdeckung: Das Rückwärtsrobben. Sie liegt dabei auf dem Rücken und stößt so mit ihren Füßen in die Luft, dass der Rückstoß sie über den glatten Boden schiebt. Sehr witzig, wenn sie so durchs halbe Zimmer gleitet.

Der Sohn fuhr währenddessen Dreirad und sagte völlig wahrheitsgemäß: „Hier geht’s doch gar nicht nach China!“ Der Rest des Abends war geprägt von kollektiver Müdigkeit.

Die Tochter aß zum Frühstück Erdbeeren. Danach sieht es immer etwas so aus, als hätte ein kleiner Vampir sein blutiges Mahl zu sich genommen. Sie scheint auch mehr Interesse daran zu haben, die Erdbeeren in ihre Einzelteile zu zerlegen, als sie wirklich zu essen. Der Sohn schloss sich an, zumindest was die Grundsubstanz anging und aß ein Brot mit Erdbeermarmelade.

Noch waren beide krank, aber auf dem Weg der Besserung. Ich spielte Memory mit dem Sohn, was für ihn gerade heißt, die Memorykarten in die Pappform wieder einzufügen, in der sie beim ersten Auspacken noch steckten. Er fügte eine Maus, einen Zug und ein Auto zusammen und sagte: „Die Maus ist in Urlaub. Das ist ein Urlaubsbild.“

Später baute er in meinem Büro eine Absperrung aus einem Kabel. Danach lud er mit dem Kabel sein Dreirad auf. Er ist ganz vorne mit dabei beim Thema Elektromobilität. Die Tochter kommt auf ihren Wanderungen durchs Wohnzimmer immer weiter und zog ihren Stubenwagen durch die Gegend, indem sie sich an eines der Räder hängte.

Nachdem die Wohnung aus meiner Sicht ausreichend bespielt war, wollten wir auf den Spielplatz um einen Freund des Sohnes zu treffen, aber er sagte: „Ich muss arbeiten, weil ich hier bleiben muss.“ Irgendwie überzeugte ich ihn dann davon, dass man auch auf dem Spielplatz Absperrungen bauen kann.

Auf dem Spielplatz waren die Freunde sehr schüchtern und noch gezeichnet von der Erkältung, die inzwischen die ganze Kita einmal durchgemacht hat, wie wir von anderen Eltern erfuhren, die ihre rotzenden Kinder ebenfalls zum Spielplatz brachten.

Es war sehr voll und sehr laut. Der Sohn machte wenig und wollte am Schluss trotzdem auf keinen Fall gehen. Ich überredete ihn und schließlich saßen wir wieder zu Hause und die Tochter aß Erdbeeren.

Als die Mutter von der Arbeit heimkehrte, durfte ich ins Sudhaus, um bei der Open Stage ‚du darfst‘ aufzutreten. Das war sehr schön, weil ich Auftritt und Konzertbesuch in einem bekam und ich verdrückte das ein oder andere Tränchen in Erinnerung an Zeiten, in denen das alles völlig normal und gewöhnlich für uns war. Die kommen bestimmt wieder.