Du redest,

die ganze Zeit redest du. Ich weiß alles über deine Vorliebe für Koala-Bären, dein Projekt, bei dem ihr Filmszenen mit Waschmaschinen nachstellt, diese Heldenreise durch die Kanalisation, die echt teuer war und deine selbst gebastelte Eingangstür.

Die ganze Zeit, während ich dir zuhöre, frage ich mich: Wer bist du?

Was ist passiert, mit dir, mit mir, dass wir glauben, nichts wert zu sein, ohne mindestens erzählen zu können, dass man jetzt auch diese neue Batterien-Diät macht?

Wo sind die unbedarften Gespräche meiner Jugend?

„Hast du gestern ‚Wetten dass…‘ gesehen?“

„Ja.“

„War langweilig, oder?“

„Hmm, ich hol mir ne Cola beim Bäcker.“

„Geile Idee!“

Unsere Gespräche waren Mist, selbst wenn sie tiefgründig waren, aber wir hatten füreinander Bedeutung.

Irgendwo auf dem Weg ging die Begeisterung für Bullshit verloren.

Ich würde lieber ein Gespräch wie dieses führen:

„Komisches Wetter heute.“

„Wetter? Wie geil ist das denn, du redest über Wetter!“

„Ja, ich wollte nur ein Gespräch anfangen.“

„Ein Gespräch! ich feier dieses Gespräche-Ding! Ich sag auch mal was: Was! Haha!“

„Wir können auch über was Anderes reden…“

„Was für ne Idee! Anderes! Geht das überhaupt?“

„Klar, die Einrichtung hier ist toll.“

„Ja! Die Stühle sind so retro. Und die haben echt an einer Wand eine andere Farbe als an der anderen!“

So könnte das für mich ewig weitergehen.

„Ewig! Weitergehen! Abgefahren!“

Stiehl Zeit,

hol dir den Verlust zurück aus all den Netzen der Vernetzung.

Stiehl Zeit,

sag Netflix, Facebook, Instagram: Wir haben eine Rechnung offen.

Stiehl Zeit,

betrachte Kratzer in den Bänken der Bushaltestellen,

fotografiere Wolkenwanderung,

atme den Duft der Landviehexkremente.

Stiehl Zeit,

leg einfach auf, wenn wieder Unbekannte anrufen, die dich beschenken wollen,

leg dich hin, wenn keiner damit rechnet – Wenn eine Warteschlange im Supermarkt sich hinlegt, machen sie mindestens noch eine Kasse auf.

Leg dich auf die Lauer. Jage das Lächeln unsteter Passanten.

Leg dich an mit allem, was dir Arbeit macht, oder was manche heute Arbeit nennen: Erstellen, eintragen, abrufen, abspeichern.

Leg ein Wort ein für die Pausenclowns der Straße.

Stiehl Zeit, stiehl Licht, stiehl Atemzug

und wenn du nicht gerne ein Dieb bist,

schenk Zeit ein in Becher, die zu lange trocken waren,

aber nicht in dumpfbackige Datenflüsse.

Ich schaue gerade ein bisschen den Livestream der Impeachment-Anhörung in den USA. Das ist an sich schon eine lustige Erfahrung, weil man Politiker dabei sieht, wie sie sich durch komplexe Formulierungen hangeln müssen, ohne jemals ihre Meinung direkt sagen zu dürfen. Wie eine Talk Show auf Valium. Als Pause war, sah man immerhin einen der Abgeordneten Cola aus einem Pappbecher trinken und dann den Eiswürfel zerkauen.

Aber das beschäftigt mich gar nicht so sehr. Was ich interessant finde, ist eher das Phänomen des Livestreams an sich. Habt ihr schon mal einen Livestream angeschaut und erst später gemerkt, dass ihr falsch geklickt hattet und alles um eine Stunde verschoben war? Der Livestream also nicht live, sondern schon total veraltet? Mir ist das schon häufiger passiert.

Es war nicht live, aber es fühlte sich so an. Leider kann man das nicht künstlich herstellen. Sonst könnte man Fußballspiele auch eine Woche später anschauen und immer noch das Gefühl haben, voll dabei zu sein.

Ich habe noch nie ein Fußballspiel angeschaut, wenn es schon vorbei war. Nur Zusammenfassungen. So spannend sind die meisten Spiele dann doch nicht. Wie diese Anhörung im Repräsentantenhaus. Man quält sich da nur durch, wenn man keine Wahl hat, weil es live ist. Oder man glaubt, dass es live ist.

Bevor es Streaming gab, konnte Fernsehen auch viel schlechter sein. Was hätte man tun sollen? Auf eines der anderen zwei Programme umschalten? So was müsste man mal wieder herstellen. Jemand könnte uns einen Riesengefallen tun und verkünden, dass das Internet gecrasht ist. Wir könnten endlich wieder mit Genuss die schönsten Bahnstrecken Deutschlands anschauen.

 

1. Meditieren und sich dabei vorstellen, man schwämme in einem Topf voll Schokolade.

2. Versuchen, wie lange man ohne Unterbrechung pfeifen kann.

3. Sich im Supermarkt neben den Kassenbereich setzen und einfach nur zuschauen.

4. Den Müll runterbringen – auch wenn es gar keinen gibt.

5. Zu Walgesängen tanzen.

6. Das Fenster anhauchen und dann den Mond einkreisen.

7. Seine Rauhfasertapete streicheln.

8. Die Wolken filmen.

9. Tee kochen, warten, bis er abkegühlt ist, damit die Blumen gießen, neuen Tee kochen.

10. Deutsches Fernsehen.