Der verdammte November

Der verdammte November ist vorüber. Der November, der mich echt an meine Grenzen brachte. Der November, der sagte: Ich habe mir eine Menge für dich überlegt… Es war ein guter November.
Ein November, den man in der Steppe an einer Bar trifft, der von alten Gefechten im Präriesand erzählt und einen dann mitnimmt auf ein neues Abenteuer. Und die ganze Reise über denkt man: November – auf wessen Seite stehst du? Und ganz am Ende, wenn man dann mehr tot als lebendig, aber dennoch lebendig in die Abendröte reiten darf, erkennt man: Er war die ganze Zeit auf meiner Seite.
Diesen November stellt man niemandem als Freund vor. Er ist der Typ, den man braucht, aber nicht gerne hat. Der in all seiner Härte aber ein gutes warmes Herz in sich trägt. Einer, der selber ein Pferd reitet, das alle anderen schon erschossen hätten.
Ob es wohl Leute gibt, deren November anders aussieht? Ein November, der durch den Regen tanzt? Kann ich mir nicht vorstellen. Mein November wäre zu schwer dafür. Aber vielleicht gibt es da draußen Leute, deren November sogar Drinks am Strand serviert. Den würde ich auch gerne mal treffen.
Ich denke, auf lange Sicht bleibe ich meinem November treu. Ich habe viel von ihm gelernt.

Schreiben wie Proust

Ich lese in letzter Zeit ein bisschen Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ und bin immerhin schon im dritten Band dieses Jahrhundertroman-Mammutwerks angekommen. Warum tu ich mir das an? Einen Roman lesen, der die Memoiren eines Typen wiedergibt, der sein Leben lang nur von einem Salon in den anderen zog, am Strand spazierte und seine Beziehungen verkomplizierte? Es ist die Sprache. Diese langen Sätze, die jeder einzeln eine philosophische Abhandlung sein könnten. Ich denke, ich sollte auch mal ausprobieren, so zu schreiben:

Ich saß vor meinem Schreibtisch, jenem alten Relikt aus Kindertagen, als mein Blick auf die neu erstandene Uhr fiel, die ich mich gekauft hatte, um nicht mehr ständig auf mein Mobiltelefon zu schauen und dachte: Die Zeit, sie geht dahin, steht still, mal lang, mal kurz und rinnt aus den Seiten meines Kalenders wie der Sirup der Ewigkeit, von dem wir Menschen nur Tropfen kosten dürfen, bis auch wir zum Tropfen werden, der im Ozean des Universums aufgeht.
Daneben ein paar Knopfzellen, Batterien, die Münzen gleichen und stets nur im falschen Format vorhanden sind, wie unsere Lebensenergie, das Temperament, das gerade dann ruht, wenn es toben sollte und wütet, wenn Ruhe angebracht.
So schien auch mein Kopf mir ein Akku zu sein, dessen Ladung die Zeit aufbrauchte, um sie im nächsten Moment unverhofft wieder mit Strom zu füllen, wie ein Tintenfass, in das ich die Feder tauchen konnte, mit der ich meine Biografie fortschrieb, um sie sogleich Wirklichkeit werden zu lassen.
Und in jenem Moment wurde ich wieder der Zeiger der Uhr gewahr, des Sekundenzeigers, der vorwärts sprang und Unaufhaltsamkeit rief, während ich mit den Zeilen hier dem Ewigen ein Scherflein abgerungen hatte, das nun frei von mir als Flaschenpost des Geistes durch die Virtualität schwamm wie ein Walfisch, der gerade erst geboren war.

Philosophie – Das Sprachspiel und das Missverständnis

Eine der schönsten Theorien, die ich kenne, ist die des Sprachspiels, von Ludwig Wittgenstein. Inzwischen ist das natürlich aus Sicht der Sprachwissenschaft ein alter Hut, ich finde es aber immer noch treffend.
„Sprachspiel“ bedeutet ungefähr: Wenn zwei Menschen sich unterhalten, etablieren sie eine Art Spiel. Sie legen sozusagen im Gespräch fest, welches Wort welche Bedeutung für sie hat.
Wir könnten also ausmachen, dass „Blumentopf“ für uns eigentlich „Kaffee“ heißt und problemlos darüber sprechen, wie gut unser Blumentopf gerade war, dass wir jetzt eine neue Sorte Blumentopf ausprobieren, die noch kräftiger schmeckt und so. Der Kaffee verändert sich für uns nicht, nur weil wir ein anderes Wort dafür verwenden. Gut, man könnte einwenden, dass wir durch die Assoziation mit Blumentopf manchmal beim Trinken an Blumenerde denken müssen, aber das müssen die Psychologen klären.
In normalen Gesprächen ist es natürlich etwas schwieriger. Wir spielen zwar ein Sprachspiel, aber ohne vorher über die Regeln gesprochen zu haben. Wir nehmen zum Beispiel wahr, was „Spaß haben“ für uns beide bedeutet. „Spaß haben“ könnte ja auch wieder alles sein: Drogen nehmen, Sex haben, Canasta spielen, einen Film sehen, Witze erzählen. Mit guten Freunden weiß man sofort, was so etwas bedeutet. Wenn ich in entsprechender Runde sage: „Jetzt geht die Party los“ und dazu zwinkere, wissen alle, jetzt ist es Zeit die Monster-Karten auszupacken.
So etwas kann auch im öffentlichen Diskurs eine Rolle spielen. „Religion“ hat zum Beispiel für verschiedene Leute ganz verschiedene Bedeutungen. Während die einen darin eher so eine Art schräges Hobby sehen und entsprechend darüber reden, ist es für die anderen integraler Bestandteil ihre Lebens. Es ist kein Wunder, dass die zwei Leute aus diesen verschiedenen Lagern Stress bekommen, wenn sie über Religion reden. Sie müssten erst einmal klären, was das Wort eigentlich für den anderen bedeutet. „Also für mich ist alles: Das Leben, der Tod, …“ „Ach so, ich dachte immer, das wäre mehr wie Minigolf, deshalb habe ich die ganze Aufregung nie verstanden.“
Okay, ganz so einfach ist es nicht. Was bringt einem die Theorie des Sprachspiels? Ich kann mir bewusst machen, dass ich niemals wissen kann, ob ein Gesprächspartner ein Wort auf die gleiche Weise verwendet wie ich. Wenn also demnächst jemand vorbeikommt und sagt: „Einen Blumentopf bitte.“ könnte man ja nachfragen, ob damit nicht doch ein Kaffee gemeint war.

Storytelling oder der GG-Trick

Und noch eine neue Kategorie: Ich gebe seit einiger Zeit ein Seminar über Storytelling an der Uni Tübingen. Jetzt will ich auch hier mal ein bisschen Einblick geben in meinen Werkzeugkasten.
Eine der simpelsten Methoden, um in kürzester Zeit zu einer Geschichte zu kommen, nenne ich den GG-Trick. Sicher wissen die meisten, dass man für eine Geschichte große Gefühle braucht. Was man aber auch braucht, ist ein Thema, also einen Gegenstand. Und das ist der GG-Trick: Gefühl – Gegenstand.
Diese simple Kombination erzeugt immer den Ansatz zu einer Story, vor allem wenn man sie kreativ einsetzt. (Einen Rest Kreativität braucht man also auch mit so einem Trick, das kann ich niemandem nehmen.)
Nehmen wir zum Beispiel Eis. Wir alle mögen Eis. Man könnte also Eis mit Spaß kombinieren, aber das wäre ja langweilig. Also kombinieren wir Eis mit Angst. Wir erfinden eine Figur, die Angst vor Eis hat. Und schon haben wir die Geschichte: Sie kriegt Panik, wenn Eis in ihrer Nähe ist, der Sommer ist die schlimmste Jahreszeit für sie, als Kind war sie mal aus Versehen in einem Kühlhaus eingesperrt. Irgendwann verliebt sie sich in den Eismann und muss ihre Angst überwinden, sie stellt sich todesmutig dem Verspeisen einer Kugel Schokoladeneis.
Oder nehmen wir ein anderes Beispiel: Waschmaschine – verrückt. Die Waschmaschine spielt verrückt, weil sie sich zu viel gedreht hat, haha. Sie lässt Kleidungsstücke verschwinden, ändert die Farbe und geht nicht mehr auf. Der Waschmaschinentherapeut muss kommen, er redet mit ihr über ihre Kindheit, wie Vater Waschmaschine ihr zu früh den Turbowaschgang beigebracht hat etc.
Was geht noch? Natürlich die Liebe. Ladegerät und Smartphone lieben sich, aber sie können nur zusammen sein, wenn beim Smartphone der Akku leer ist. Es wird von den Menschen ausgenutzt. Smartphone und Ladegerät überlegen, was sie tun könnten, um öfter zusammen zu sein. Dann kommen sie darauf: Sie müssen den Akku von Smartphone so manipulieren, dass er immer schneller leer wird. Die Menschen wundern sich, warum sie das Smartphone immer häufiger aufladen müssen. Smartphone und Ladegerät freuen sich. Sie können jetzt immer öfter zusammen sein. Und schließlich gehen sie für ihre gemeinsame Liebe in den Tod…
Okay, ich gebe zu, nicht jede dieser Geschichten ist die ganz große Literatur, aber wenn man geschickt damit umgeht, funktioniert der GG-TRick und es kommt eine Story dabei heraus.

Philosophie oder der Moment-mal-Effekt

Und noch eine neue Kategorie: Philosophie. Ich will schon seit Ewigkeiten etwas über meine Sicht auf Philosophie schreiben, jetzt denke ich mir: Was soll’s, ich fange einfach an, auch wenn das Ergebnis meinem perfektionistischen Anspruch nie gerecht werden kann. Und dabei habe ich ja nur ein Staatsexamen. Ich bin nicht Doktor oder Professor, ich habe das Ganze nur mal studiert und irgendwie zu Ende gebracht.
Gut, fangen wir an. Am Anfang. Philosophie beginnt, wie man oft hört, mit dem Staunen. Ich möchte es eher den „Moment-mal-Effekt“ nennen.
Für mich ist der Ausgangspunkt von Philosophie genau das: Man erlebt etwas, ist irgendwo und denkt: Moment mal, was soll das eigentlich alles? Man bestellt einen Kaffee in einem dieser typischen Kaffee-Läden, bleibt plötzlich in der Schlange stehen und sagt sich: Moment mal, was mache ich hier? Was soll das? Warum trinke ich meinen Kaffee nicht einfach zu Hause? Warum stehen wir alle hier in dieser Schlange und gieren nach Kaffee wie nach einer Droge? Warum knutschen wir nicht alle? Oder singen?
Oder man sitzt in einem Seminar, einer Fortbildung, hört sich an, was die Dozentenperson sagt und denkt: Moment mal, stimmt das überhaupt, was mir hier erzählt wird?
So was kann natürlich anstrengend sein. Philosophen sind anstrengend. Wir sind die Leute, die kurz vor dem Betreten des Kinos, in dem ihr mit uns einen netten Film sehen wolltet, sagen: Moment mal, warum sollten wir uns jetzt „Percy Jackson und die Götter des Olymp“ anschauen? Wie kamen wir überhaupt auf diese Idee?
Oder noch schlimmer: Ihr seid in einem Club, bietet jemand ein Getränk an, wollt einfach Spaß haben und die Person sagt: Moment mal, was soll das? Warum feiern wir überhaupt?
Ja, Philosophen können wirklich nerven, aber in anderen Momenten kann so eine Einstellung schon nützlich sein. Es ist nicht das Verkehrteste manchmal jemand dabei zu haben, der den Kaufvertrag für das Haus wirklich liest und „Moment mal“ sagt. Oder wenn die Mehrheit auf einmal findet, es wäre ganz toll, einen Diktator an die Macht zu bringen, weil er verspricht, alle Probleme zu lösen. Philosophen wissen, dass man niemals alle Probleme lösen kann.
Was ich liebe an Philosophie sind nicht die einzelnen Theorien, die großen Worte großer Köpfe, es ist diese Moment-mal-Einstellung. Oft wirkt es, als wolle man damit nur etwas ausbremsen, ein Problem sehen, wo es keines gibt. Diese Moment-mal-Haltung kann einen aber auch genau im richtigen Moment dazu bringen, sein Leben zu überdenken. Und sie kann einem auch sagen, dass man sich küssen sollte, anstatt Kaffee zu trinken.