All die Gefühle

die Gefühle sind zu viel. Und es werden immer mehr. Jedes Jahr, jeden Tag ein neues Gefühl, für das man nur halbherzig Worte findet.

Schon ein Wort für ein Gefühl zu haben, heißt, es ein Stück weit zu bändigen.

Man ordnet die Gefühle in Kategorien ein:

Ich war total aufgebracht.

Ich war total aufgebracht, als es im Supermarkt keinen Parmesan mehr gab.

Aber ehrlicher wäre es doch zu sagen:

Ich hatte das kein.Parmesan-mehr-da-Gefühl. Hatte Entzugserscheinungen.

Dieses Gefühl, dass ich jetzt nicht diesen salzigen Kick haben werde beim Essen,

sondern meine Nudeln mit Tomatensoße einfach nach Nudeln mit Tomatensoße schmecken.

Was soll ich machen? Schokolade drüber raspeln?

Stattdessen sagt man dann: Ich war total aufgebracht.

Und das schreibt man dann in die Beschwerde-Mail.

Nicht, dass ich der Typ wäre, der Beschwerde-Mails schreibt.

Ich bin viel zu träge für so was.

Beim Lesen würde mich meine Beschwerde wohl eher zum Lachen bringen.

Vielleicht sind auch all diese Bewertungen, die man im Internet lesen kann, gar nicht ernst gemeint.

„Wenn man das Licht im Hotelzimmer ausgemacht hat, war es auf einmal dunkel! Unglaublich!“

„In der Dusche war es nach dem Duschen total nass!“

„Wenn man das Fenster aufgemacht hat, kam auf einmal ohne Absprache Frischluft ins Zimmer!“

Nur so ein Gefühl,

wie das Gefühl, wenn mein Rechner anzeigt:

„Ihre Outlook-Einstellungen sind veraltet.“

Wie fühle ich mich denn da?

Überrascht? Verärgert? Schmutzig?

Diese ganzen Geräte und Programme drängen einem Gefühle auf, die sie selber gar nicht haben.

Maschinen sind da echt im Vorteil.

Aber sie fühlen sich davon auch nicht besser.

Heute habe ich ein PDF erstellt. Dabei fragte ich mich: „Erstellt“? Gut, ein PDF „machen“ wäre wohl zu naiv gewesen. Also habe ich es „erstellt“. „Hergestellt“ habe ich es auch nicht, das macht ja der Computer, oder ein Programm, oder …?
Wir erstellen immer mehr Dinge: Tabellen, Konzepte, Doodles. Das Wort scheint sich eher auf Abstraktes, Ungreifbares zu beziehen. Ich stelle eine Datei nicht hin, ich stelle sie nicht ab, ich stelle sie nicht aus, ich stelle sie höchstens irgendwo ein.
„Erstellen“ – nur einen Buchstaben entfernt vom „Verstellen“, „Herstellen“, nur „Zerstellen“ gibt es noch nicht. Oft ist mit „erstellen“ eine Art Umwandlungsprozess, oder Ordnungsvorgang gemeint.
Daten werden in etwas eingefügt, das „erstellt“ wird. Wie viel schöner wäre es, wenn man sagen könnte: „Ich habe ein PDF gebaut.“ oder: „Ich habe eine Tabelle gezimmert.“ oder: „Ich habe ein Doodle gedrechselt.“ Das weist darauf hin, dass wir uns weiter vom Handwerk entfernen und immer mehr nur noch im Virtuellen tun. Bald werden wir vielleicht nichts mehr „erstellen“, sondern nur noch „ersetzen“.
Dann sagt man nur noch: „Heute habe ich einen Film ersetzt.“
Vielleicht sollte ich es nicht so pessimistisch sehen. Ich plädiere dafür, inflationär Gebrauch von alten Worten des Handwerks zu machen:
„Heute habe ich eine Notiz gehämmert.“ „Morgen hobele ich eine Akte.“ „Gestern habe ich einen Post gepflanzt.“ Das könnte unsere moderne Sprache doch bereichern. Zumindest habe ich jetzt mal wieder einen Beitrag gestrickt.

Lass die Worte tanzen.

Versammel sie alle im Ballsaal deiner Seele.

Stell einen Türsteher ein, der sagt:

Nein, du nicht, nicht mit diesen Hyperbeln!

Lass die Worte tanzen.

Wirf dich in den Moshpit der Adjektive.

Suche den Battle zwischen Vers- und Gänsefuß.

Geselle dich zu den Staunenden, die sagen:

Was man mit so ein paar Interjektionen so alles machen kann!

Lass die Sprache tanzen,

sei Dompteur im Flohzirkus fluchtbereiter Füllwörter.

Belächle den Can Can des Konjunktivs.

Verschwinde auf dem Ort der Stille,

um dir ein paar Personalpronomenpillen bei einer Adverbiale abzuholen.

Seh die Verben sich winden,

und freu dich über die ein oder andere geglückte Konjugation.

Lass die Worte tanzen.

Lass sie tanzen,

bis sie auf der papiernen Tanzfläche ineinander verschwimmen,

bis irgendwann das Subjekt sagt:

Der Abend ist jetzt Vorvergangenheit.

Die Sommerpause ist zu Ende.

Ich wache auf.

Auf meiner To-do-Liste steht:

Gewinner haben keine To-do-Liste, sondern eine Erfolgsliste.

Meine Erfolge:

Aufgestanden

Kaffee getrunken

eine Krähe beobachtet, die kurz so aussah, als hätte sie sich vor mir erschreckt.

Es geht wieder los. Montage sind wieder Montage und Wochenenden sind wieder Wochenenden. Emails sind wieder Emails und Wecker sind wieder laut.

Ich habe eine Reise von Vorsätzen. Eigentlich wollte ich schreiben: Ich habe eine „Reihe“ von Vorsätzen, aber eine Reise von Vorsätzen zu haben, ist doch viel besser. Ich werde meine Vorsätze bereisen, mal bei Ihnen vorbeischauen und entscheiden, ob ich länger bleibe.

Ich werde in das unentdeckte Land reisen, das jenseits meiner Vorsätze liegt.

Und ich werde auf Nachsätze verzichten.

Auf meiner Erfolgsliste steht: Einmal wirklich anwesend gewesen.

Auf meiner Set Liste steht: Play.