Heute mal wieder Steuer gemacht. In Zeiten wie diesen hat das auch was Erdendes. Wenn man mal zwischendurch was Anderes macht, als Kinder betreuen, fragt man sich, wie das vorher alles zusammen funktioniert hat.

Der Nachmittag brachte dafür eine ausgedehnte Tour ins Tübinger Hinterland. Unser erstes Ziel war ein kleiner Stall mit Pferden neben der Bahnstrecke. Sensationellerweise teilen sich die Pferde ihren Stall mit Hühnern, was meinen Sohn zu dem kritischen Kommentar veranlasste: „Alles durcheinander.“

Super war, dass wir dann noch einen ausrangierten Traktor vor einem Gewächshaus fanden, in dessen verrosteter Schaufel sich Regenwasser gesammelt hatte, was der Sohn treffend mit: „Da sind Tiere drin.“ beschrieb.

Auf dem Schwärzlocher Hof sagten wir kurz den Kühen hallo und machten uns dann auf die Suche nach den Hasen. Draußen waren sie nicht, dafür aber im Käfig. Mein Sohn sagte: „Hallo ihr Hasen! Was macht ihr?“ Die Hasen schwiegen.

Und dann wollte ich mich eigentlich auch schon wieder auf den Heimweg machen, aber ich hatte die Rechnung ohne den Motorroller gemacht, der an uns vorbeifuhr. Dem mussten wir natürlich ein Stück nachlaufen, während mein Sohn wie im Delirium, Sätze wie diese wiederholte: „Wenn ich groß bin….auch ein Roller…einen Riesenroller hab ich dann.. wenn ich groß bin…ein Roller…nicht mehr lang….“

Das Ganze wurde noch von zwei jungen Männern mit Bierflaschen in der Hand die Rap hörten und Boule spielten. Mein Sohn blieb verzaubert stehen, bis sie ihn fragten, ob er mitspielen wolle. Das verneinte er zwar schüchtern, aber ich weiß jetzt: Er ist auf dem richtigen Weg.

In der niedriger stehenden Sonne dann noch ein philosophischer Moment: Mein Sohn entdeckte seinen Schatten. „Das ist meiner“ sagte er mir drohend, nur für den Fall, dass ich auf die Idee käme, seinen Schatten zu entwenden. Ich erklärte ihm dann, dass jeder seinen eigenen Schatten habe und dieser einen auch immer begleitet. Er probierte es gleich aus.

An einem Zaun wurden dann „Enten gefüttert“. Es waren zwar keine Enten da, aber auch imaginäre Enten kann man eine halbe Stunde lang füttern. Ich ließ ihn gewähren, der Wutanfall vom Vortag war mir genug. Immerhin hatte ich so Gelegenheit, seine kleine Schwester, die übrigens auch dabei war, aus dem Tragetuch zu befreien und zum ersten Mal in ihrem Leben in den Kinderwagen zu setzen. Für sie war es augenscheinlich ein echter Triumph.Dem Gesichtsausdruck nach muss es besser gewesen sein als die Mondlandung.

Erschöpft aber glücklich erreichten wir unsere Wohnung. Ich erfuhr noch ein interessantes Detail über meine Tochter. Sie war müde. Mein Sohn wollte mit ihr spielen. „Ich glaube, sie ist müde.“ sagte ich. „Ja, aber hier ist doch ihr Gerät!“ sagte mein Sohn und schaltete sie mit ein paar unsichtbaren Knöpfen in der Tischplatte wieder an. Schön, dass wir das geklärt haben.

Der Tag beginnt mit einer Kissenschlacht. Zumindest der Teil des Tages, der nach wickeln frühstücken und zehn Puzzlen kommt. „Kissenschlacht“ heißt: Mein Sohn räumt Kissen aus dem kleinen Kinderbett, das er nie benutzt heraus, läst sie mich wieder aufsammeln und in die Zimmerecke schmeißen, wo er sie wieder einsammelt, um sie wieder ins Bett zu werfen und mir dann wieder auszuräumen. Alle begleitet von den begeisterten Schreien meiner Tochter, die ich dabei im Arm habe.

Zum Runterkommen spielen wir noch ein bisschen Fußball in der Wohnung. Und ich bekomme Nachhilfe in Sachen Gender Studies. Ich habe es gewagt, meine Tochter als „Mädchen“ zu bezeichnen. Mein Sohn stellt trocken fest: „Das ist kein Mädchen. Das ist ein Baby.“

Die Tochter macht sich übrigens auch bemerkbar, indem sie sich auf einmal dreht und die Puzzles ihres großen Bruders auseinander nimmt. So wie sie sowieso alles schnappt, was ihr in den Weg kommt. Sie hat einen ausgeprägten Jagdinstinkt. Bücher lesen mit ihr auf dem Arm geht schon lange nicht mehr, weil sie sich sofort auf die Seiten stürzt, um sie sich einzuverleiben oder ordentlich durchzuknittern.

Noch eine Anmerkung zur kindlichen Sprachtheorie. Es geht bei meinem Sohn oft nur darum, dass ich wiederhole, was er sagt:

„Ich habe es aufgemacht!“

„Ja, du hast es aufgemacht.“

„Papa, ich hab es aufgemacht.“

„Ja genau, du hast es aufgemacht.“

„Ich hab es aufgemacht!“

„…“

„Papa?“

„Ja ja, du hast es aufgemacht! Sag ich doch!“

„Ich hab es aufgemacht, haha!“

So kann das stundenlang weiter gehen.

Nach einem langen Heimweg und einem schönen Ausflug an den See zu den Haubentauchern, dann pünktlich vor dem Abendessen, der Super-GAU. Mein Sohn bekommt einen infernalischen Wutanfall, weil ich ihn nicht alleine den Abhang zu den Enten hinunter rennen lasse. Und dann, nach ungefähr hundert begleiteten Rennen den Hügel hinunter, bei denen er immer durch meine Hand an seiner Kapuze gerade so noch vor dem Wasser zum Stehen kommt, fällt mir tatsächlich ein, dass wir jetzt nach Hause gehen, um zu essen, zu trinken und zu schlafen.

Der Heimweg ist ein einziger Ringkampf, bei dem Autos einen großen Bogen um uns machen, weil es mehrmals danach aussieht als würden wir im Hand- und Schreigemenge auf der Straße landen. Passanten gehen an uns vorbei und lächeln mir unsicher zu. So nach dem Motto: „So ist das bei den Kindern in dem Alter.“ Wobei ich nicht weiß, ob sie hinter der nächsten Straße diskutieren, ob sie jetzt die Polizei holen, weil dieser Psycho von einem Vater das Kind so quält oder es wirklich normal finden.

Bis jetzt sitze ich noch hier. Scheint also doch normal zu sein. Zum Glück waren wir dann irgendwann doch zu Hause, meine Frau da und Maultaschen im Kühlschrank, das hat den Tag dann noch irgendwie gerettet. Zum Abendessen lieferte der Sohn dann auch eine logische Erklärung für sein Verhalten: „Ich bin doch schon klein.“

Seine Schwester fand sein Verhalten auf jeden Fall super. Ich habe sie selten so viel lachen hören wie heute.

Habe gerade meine Tochter zu beruhigen versucht. Ich habe gesungen. Für einen kurzen Moment hat es funktioniert. Man probiert dann ja immer, wieder genau die Tonlage zu finden, die passt und das Geschrei beendet. Wenn ich sie herumtrage, suche ich manchmal sogar die richtige Stelle in der Wohnung, die funktionieren könnte. Ganz hinten im Flur ist der Favorit. Und neben der Arbeitsplatte in der Küche hört es auch oft kurz auf.

Ein zusätzliches Problem für meine Tochter ist, dass sie eine so spektakuläre Art hat, sich aufzuregen, dass es schon wieder lustig ist. Ich muss also auch oft lachen, wenn sie schreit und das macht die Sache nicht besser. Ich bin sehr gespannt, wie das wird, wenn sie älter ist.

Mein Sohn hat mir heute erklärt, wie die Fische auf seinem Puzzle heißen: „Das ist der Waasoo-Fisch, das sind die Schimmlis und das.. ist ein Barsch.“ Immer wieder überraschend, was er alles weiß. Ich habe von Fischen keine Ahnung. Es könnte also aus meiner Sicht alles stimmen. Weitere schöne Fischarten: „Pixel-Fische“ – da macht sich wohl die digitale Umwelt bemerkbar, „Lepra-Fische“ – ich glaube, damit waren Zebrafische gemeint und natürlich der gemeine „Lupei“.

Beim Essen noch eine schöner Dialog:

„Mach bitte den Mund zu beim Essen.“

„Aber ich mach doch den Mund zu Papa!“

„Nein, machst du nicht, so sieht man immer das Essen in deinem Mund.“

„Aber..ich mach doch den Mund zu. Guck…Jetzt…Mach…ich…den Mund…zu.“

„Ja, ich meinte, nachdem du gekaut hast….“

Tagsüber waren wir noch am See und mein Sohn hat jedes Mal einen Luftsprung gemacht, wen die Haubentaucher tauchten. Leider hat er es noch nicht so mit Geografie, deshalb gab es ein kleines Drama, als er feststellte, dass nach dem langen langen Heimweg nicht etwa noch mal der See auftaucht, sondern nur unser Haus.

Aber das war auch schnell wieder vergessen. Nach einer halben Stunde. Er hatte aber auch einen anstrengenden Tag. Heute morgen hat er mir erklärt, warum er wie wild einen Ball durch die Wohnung werfen muss: „Ich bin eine Wurf-Ente.“

Der Tag fängt mit einer Operation an. Ein Puzzleteil ist entzwei. Oder wie mein Sohn es formuliert hat: „Guck mal, des ist abgegangen!“ Ich habe geflucht und mich mit Tesafilm und Schere an den Eingriff gemacht. Es gibt so Dinge, bei denen man als Eltern eine merkwürdige Sorgfalt entwickelt. Eines davon ist bei mir Puzzleteile flicken. Ich gebe mir da viel Mühe. Auch weil ich weiß, dass die Puzzles meinen Sohn bei Laune halten.

Nachdem Mutter und Tochter sich erhoben hatten, wurden wir dann alle „gestempelt“. Mit Lego. An der falschen Stelle kann das Schmerzhaft sein. Die Frage, was auf dem Stempel steht, stellt man besser nicht, sonst bekommt man Antworten wie: „Utkaparumbazoi!“ „Was? Das steht da drauf?“ „Ja! Utkaparumbazizoi!“

Zur Entspannung nach einem etwas turbulenten Frühstück durfte ich mit dem Auto flüchten und Großeinkauf machen. Nachdem ich meinen Fluchtwagen abgestellt hatte, bot sich mir im Biomarkt das übliche Bild: Security, die alle nett begrüßte, geklebte Markierungen auf dem Boden und die gleichen engen Gänge wie immer. 1,50 Meter Abstand halten war hier praktisch unmöglich. Weil das niemand zugeben konnte, fuhr ich auf der Suche nach Nüssen zehn mal im Kreis. Einfach umdrehen ging ja nicht, das hätte alle Versuche, Abstand zu halten, vereitelt.

Und dann der große Moment: Es gibt noch Klopapier! Im Gegensatz zu anderen haben wir keinen Vorrat angelegt und darauf vertraut, dass sich das alles bald beruhigt. Nun war es eine Sensation. Wir sind jetzt stolze Besitzer einer Packung Super-Öko-Toilettenpapier aus Bambus. Als ich noch beim Drogeriemarkt nebenan einkaufen war, meinte sogar die Verkäuferin an der Kasse: „Was? Drüben gibt’s noch Klopapier? Super! Da geh ich gleich hin!“

Nach einigen weiteren Einlagen ging der Tag langsam zu Ende. Mein Sohn schlief neben mir ein. Im Einschlafen murmelte er noch etwas, was sich zunächst nach einer fremden Sprache anhörte. Erst dachte ich, er sei vielleicht doch die Reinkarnation eines buddhistischen, Mönches, der Mantras aufsagt, aber dann erkannte ich doch noch, was er da zum Einschlafen wiederholte. Es war das schöne Wort: „Motorroller“.

Der Tag begann mit einem Hochgeschwindigkeitsfrühstück, weil ich noch einen häuslichen Filmdreh vor mir hatte und meine Frau ein Arbeitstreffen. Unter freiem Himmel, wegen Corona. Und dazu kommen wie immer zwei Kinder, die unterschiedlich gute Laune haben.

Meine Tochter hatte keine gute Laune. Vielleicht ist sie auch einfach nicht so der Morgenmensch. Mein Sohn hingegen war zumindest Vormittags besser aufgelegt. Er offenbarte mir seine simple Weisheit, als ich ihn fragte: „Warum muss ich jetzt eigentlich dein Puzzle aufräumen?“ Antwort: „Wenn du aufräumst, räume ich nicht auf.“

Zwischendurch ließ ich ihn Kinderlieder hören und mit Münzen spielen. Tut mir leid, wenn er jetzt deswegen schon in frühen Jahren völlig dem Kapitalismus verfällt, aber mit einem Kind, das es gerade geschafft hat, das Portemonnaie zu plündern, diskutiert man besser nicht, sondern freut sich, dass man die wichtigen Karten noch unbemerkt verschwinden lassen kann.

A propos Verschwinden: Mein linker Schuh war irgendwann weg. Ich halte mich in solchen Fällen an die Regel, die eine Freundin mit Nachwuchs und beigebracht hat: Es taucht alles irgendwann wieder auf. Das stimmt. Gestern haben wir den Piloten vom Hubschauberpuzzle wieder gefunden. Nach zwei Monaten. Mal schauen, wie lange es bei meinem Schuh dauert.

Mein Sohn war mir auf jeden Fall dankbar für die neue Spielmöglichkeit und revanchierte sich mit einer neu erlernten Fähigkeit – Der Schmeichelei. Bei ihm hörte sich das so an: „Du hast lecker gekocht gestern… Das war lecker… Was du gebraten hast… Das war gut… Lecker… Hat gut geschmeckt… Du hast gut gekocht… Papa hat gut gekocht… Lecker… Hmm… Ja, das war gut… Gebraten.“ So ging das fünf Minuten ohne Pause. Irgendwann kam ich mir ein bisschen veralbert vor.

Beim Nachmittagsessen, als meine Frau wieder da war und ich wirklich erleichtert, diese Zeit hinter mich gebracht zu haben, hatte er noch eine Erkenntnis. Auf die Frage, ob er zu seinem Keks und seiner Schokolade auch ein bisschen Mango essen wolle, sagte mein Sohn nur: „Das passt nicht dazwischen.“ Konsequenterweise hat er die Mango zehn Minuten, nachdem er vergessen hatte, dass er sie nicht essen wollte, dann doch gegessen.

Meine Frau war mit den Kindern noch draußen. Ich konnte ja nicht, weil mir ein Schuh gefehlt hat und die Lust. Der Sohn ist dann noch eine halbe Stunde den steilen Hang, also den „Berg“, bei uns um die Ecke hoch gelaufen. Daher die letzte Information von seiner Seite, die man auch nicht alle Tage hört, als es gerade Abendessen geben sollte: „Ich bin müde. ich will schlafen. Jetzt.“

So wurde der Abend noch recht geruhsam. Unsere Tochter hat uns sogar ein bisschen Fernsehen lassen, natürlich nicht ohne jede im Bildschirm auftauchende Person auszulachen und nun müssen wir auch keinen Berg mehr hoch laufen, um festzustellen, dass wir müde sind.