Zwischen den Welten

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Zurzeit schwebe ich zwischen den Welten. In vielerlei Hinsicht. Tag und Nacht, Schlafen, Wach sein, Bühne, Heimkino, Schreibtisch Drogeriemarkt. Es ist ein ständiger Grenzübertritt.
Wie Dschuang Dsi frage auch ich mich, was nun real ist: Der Traum, der mir erscheint wie Wirklichkeit oder umgekehrt. Schon die Erwähnung von Dschuang Dsi zeigt, dass ich vielleicht einfach mal ein bisschen schlafen müsste. Schlaf ist relativ geworden für mich.
Je älter ich werde, desto weniger kann ich selber genau sagen, wann ich überhaupt wirklich geschlafen habe. Früher schlief ich eine Nacht durch und es fühlte sich an, als hätte ich Jahre in einer anderen Welt verbracht. Jetzt gleicht mein Schlaf dem Verzehr eines Döners: Es ist schon ok, aber man bringt es auch schnell hinter sich, um nicht zu viel von der niedrigen Qualität mitzubekommen.
Durch den Schlafmangel aus Gründen des Familienzuwachses erscheint aber auch die Realität oft eher wie ein Traum derselben. Immer öfter sage ich mir: Aber so ein Supermarkt, so ein Ort, an dem man sinnlos durch die Gänge fährt, um Müllbeutel in der richtigen Größe zu finden – so etwas gibt es doch gar nicht. Diese Konsumwelt ist nur eine Einbildung meiner kranken Phantasie. Oder diese Staus – das kann doch nicht echt sein. Kein normaler Mensch würde eine Stunde lang am Leonberger Dreieck stehen, nur um eine Strecke zurückzulegen, die ohne Stau in zwanzig Minuten zu bewältigen wäre. Das ist alles nur Einbildung.
Und dann sehe ich das Gras durch den Asphalt brechen und denke mir: Doch, das ist echt – und schlafe ein.

Shitstorm Therapie

Der Shitstorm tobt, die Welle rollt,
fast schon egal, wer welchem grollt.
Du loggst dich ein und ziehst’s dir rein,
dann denkst du: Ach, ich armes Schwein,
die andern liked man, hier nur Hater
nur weg hier, zwei Sekunden später,
schaust du noch mal, ein Hoffnungsschimmer
und dann ist es noch viel schlimmer.
Da bleibt nur eins: Realität,
das Internet ist auf Diät.
Und du kommst runter in den Garten,
wo ungelikte Pilze warten,
die in den untern Erdgefilden
ihr eignes feines Netzwerk bilden.
So haust du nach der Online-Panne
nun endlich auch wen in die Pfanne.

Kabel sind gefährlich

Gestern Nacht schaute ich beim schreiben so auf meinem Schreibtisch herum und stellte fest: Wenn ich eines besitze, sind es Kabel. Ich habe ein Smartphone-Ladekabel, zwei Kamera-Ladekabel, mehrere Kopfhörer mit Kabeln, Boxen, die man mit einem Kabel an den Rechner anschließt, mehrere USB-Kabel, mit denen man wiederum Festplatten, MP3-Player oder so anschließen kann, außerdem diverse Kabel für Musikinstrumente und am Ende natürlich auch noch die guten alten Stromkabel.
Ich kann mich nicht an dem Moment in meinem Leben erinnern, in dem ich dachte: Wenn es eines gibt, das ich auf dieser Welt wirklich im Überfluss haben will, dann sind das Kabel! Nein, ich bekenne: Ich habe ein völlig langweiliges normales Konsumentenleben geführt. Und selbst die Geräte, die an den Kabeln hängen habe ich zu großen Teilen nur gekauft, weil man so etwas heute eben braucht.
Jetzt sitze ich hier und fummele aus dem Kabelhaufen, wobei man es eher einen Kabelwust nennen müsste, das eine Kopfhörerkabel heraus, mit dem ich am Rechner Musik hören kann. Es ist ja nicht so, als wären die Kabel universell einsetzbar, für jedes Gerät gibt es ein eigenes Kabel. Selbst wenn es sich um eigentlich universell einsetzbare USB-Kabel handelt, haben die gerne am kleineren Ende alle unterschiedliche Formen, damit man ja nicht auf die Idee kommt, die Kamera mit dem gleichen Kabel wie das Smartphone anzuschließen.
Dazu kommt noch: Kabel sind ja nicht etwa besonders ästhetische Gegenstände, sondern einfach nur abgrundtief hässlich. Meine sind fast alle schwarz, das finde ich immer noch besser als dieses Weiß, das nach drei Tagen immer aussieht, als hätte man es durch einen brackigen Tümpel gezogen. Ich habe einen Kollegen, der sich zumindest immer farbige Gitarrenkabel kauft, damit seine von Technik erfüllte Welt nicht ganz so trist ist. Mir fehlt die Zeit, ich bin damit beschäftigt, meine Kabel zu entwirren. Und ich bin zu faul, Kabelbinder zu benutzen.
Worüber beschwere ich mich? ich könnte der Technik entsagen und im Wald leben. Ich könnte alle Kabel durch bunte in Filz verpackte Kabelkunstwerke ersetzen. Ich haber bleibe ein postpostmoderner Konsument und beschwere mich lieber über den Abfall, den meine verschwenderische Existenz mit sich bringt. Da wäre es mir echt lieber, alles würde durch irgendeine Art Kraftfeld miteinander verbunden. Das würde dann wahrscheinlich Kabel in meinem Kopf wachsen lassen, aber die sind da, wie man sieht, ja ohnehin schon.