Weihnachten – High Noon

Der Tag des Tannebaums naht und alle zählen die Tage. Wieder werden wir alle uns begegnen an einem Fest der Liebe, das diesen Namen nicht zu Unrecht trägt: Liebe kann schön und furchtbar sein.
In den Fußgängerzonen wedeln Menschen mit Geldscheinen, um von Händlern mit möglichen Geschenken beworfen zu werden. Backöfen schmelzen durch anhand der Plätzchenmassen, die man mit ihnen produziert.
Die Stadt ist ein einziger Markt, wenn man überall Glühwein trinken würde, wo man Glühwein trinken kann, wäre man schon tot. Ständig sind Feiern und Treffen und Jubiläen, Menschen marodieren in Grupen durch Theater und Restaurants.
Eine großartige Zeit. Das letzte Gefecht von Kultur und Gesellschaft. Alle wollen es noch einmal wissen. Wollen wissen, wem sie noch keine Karte geschrieben haben und wen sie an Weihnachten noch treffen könnten.
Andere bauen Mauern aus Kissen und Decken vor ihrer Tür auf, wappnen sich für den Sturm, mit dem sie nichts zu tun haben wollen und gerade dadurch so viel mehr zu tun haben.
Ich frage mich jede Weihnachten, ob ich das jetzt furchtbar oder ganz großartig finden soll. Ich denke, es ist eine Art Initiationsritual, das uns alle noch menschlicher macht, als wie schon sind. Es kehrt die guten und schlechten Seiten gleichermaßen nach außen: Gesangskünste, Tischsitten, Tannenbaumbehängungsstrategien… Wenn man das alles durchlaufen hat, kann das neue Jahr auf jeden Fall kommen.
Und außerdem ist es ja auch ein religiöses Fest, aber dafür bin ich kein Experte…Wir sehen uns unterm Weihnachtsbaum oder in der Fußgängerzone…

Der verdammte November

Der verdammte November ist vorüber. Der November, der mich echt an meine Grenzen brachte. Der November, der sagte: Ich habe mir eine Menge für dich überlegt… Es war ein guter November.
Ein November, den man in der Steppe an einer Bar trifft, der von alten Gefechten im Präriesand erzählt und einen dann mitnimmt auf ein neues Abenteuer. Und die ganze Reise über denkt man: November – auf wessen Seite stehst du? Und ganz am Ende, wenn man dann mehr tot als lebendig, aber dennoch lebendig in die Abendröte reiten darf, erkennt man: Er war die ganze Zeit auf meiner Seite.
Diesen November stellt man niemandem als Freund vor. Er ist der Typ, den man braucht, aber nicht gerne hat. Der in all seiner Härte aber ein gutes warmes Herz in sich trägt. Einer, der selber ein Pferd reitet, das alle anderen schon erschossen hätten.
Ob es wohl Leute gibt, deren November anders aussieht? Ein November, der durch den Regen tanzt? Kann ich mir nicht vorstellen. Mein November wäre zu schwer dafür. Aber vielleicht gibt es da draußen Leute, deren November sogar Drinks am Strand serviert. Den würde ich auch gerne mal treffen.
Ich denke, auf lange Sicht bleibe ich meinem November treu. Ich habe viel von ihm gelernt.

Morgengedicht

Der Morgen ists, wenn wir verdrängen,
wie unsre alten Wangen hängen,
wie grau die Wolken sich nun färben,
die Blätter an den Bäumen sterben.
Wenn wir erinnern: Es gab gestern
und ein Duell naht wie im Western
mit dem Tag, der nun beginnt,
an dem man selbst wie alles spinnt.
Dann wird uns selber jetzt auch klar,
dass eigentlich schon Mittag war.

Kürbissuppe 2.0

Ist dir das Leben gerade schnuppe,
koch dir eine Kürbissuppe.
Sie wärmt von innen, lässt dich dampfen,
man kann sie ohne Zähne mampfen.
Und ein Genuss, nicht zu verachten,
ist auch, den Kürbisleib zu schlachten.
Kein Tier muss dafür daran glauben,
wenn wir den Kürbis heut entlauben,
nicht jeden muss man damit quälen,
doch bei den meisten heißt es: Schälen.
Dies Schälen ist vielmehr ein Hacken,
und wenn wir dann den Kürbis backen
oder kochen und pürieren,
wird uns keiner mehr düpieren.
Und wer die Prüfung überstand
ist nun bekannt für starke Hand
Drum, weißt du nicht, was tun im Leben
lass dir so einen Brocken geben,
der dir die Hinrichtung verzeiht
und mache aus ihm Flüssigkeit.
Denn wenn dein Herz grad eher mürb is,
rettet dich der heiße Kürbis.

Frag mich bloß nicht nach dem Weg!

Heute wieder passiert: Eine Studentin fragt mich nach dem Weg zum Bahnhof. Ich weiß nicht, ob das bei anderen auch so ist, aber ich werde wirklich oft nach dem Weg gefragt. Vielleicht weil ich einigermaßen harmlos aussehe.
Wenn ich dann zur Wegbeschreibung ansetze, ändert sich der Eindruck immer. Ich neige dazu, dann in eine Art atemlosen Vortrag auszubrechen, wo es jetzt lang geht, wobei ich immer rechts und links verwechsle, also jeden zweiten Halbsatz verbessern muss mit: „Und dann recht, nein links, also links, ja links, oder nein rechts!“. Außerdem beschreibe ich die örtlichen Gegebenheiten gerne genau. „Da ist so ein Spielplatz und dann kommt ein Glascontainer und dann dieses verbeulte Schild und dann muss man rechts, nein links…“
Am Ende der Beschreibung bin ich mir immer sicher, dass die Person nur noch schnell weiter will und auf jeden Fall nochmal jemand nach dem Weg fragt, weil es so konfus war. Es tut mir echt leid. Geografie und räumliche Orientierung sind einfach nicht meine Stärke. Wobei ich mich selber selten verlaufe. Ich weiß ja, wo das verbeulte Schild, der Spielplatz und der Baumstumpf sind, an denen ich vorbei muss.
Andererseits finde ich es toll, dass Menschen überhaupt noch nach dem Weg fragen, anstatt immer nur auf ihr Smartphone zu schauen. Vielleicht denken sie auch: „Ah, der sieht verrückt aus, mal schauen, was er für eine Wegbeschreibung zu bieten hat.“ Das wäre sowieso mal eine Idee: Einfach Leute nach dem Weg fragen. Wahllos. Und dann alle Beschreibungen nebeneinander legen. Man könnte seine Stadt ganz neu kennen lernen. Und die Menschheit. Und den Unterschied zwischen links und rechts.