„Man muss das realistisch sehen“

„Man muss das realistisch sehen.“ Diesen Satz höre ich oft, wenn es gilt, ein vermeintlich aberwitziges Projekt möglichst schnell schon im Keim der Planungsphase zu ersticken.

„Man muss das realistisch sehen.“ Was soll das eigentlich heißen? Eine realistische Haltung zu haben, bedeutet doch, die Welt so zu sehen, wie sie ist, ohne unnötiges metaphysisches Beiwerk. In Bezug auf zu planende Projekte heißt das dann doch, dass man eigentlich noch gar nichts sehen kann, ganz realitsiche betrachtet, weil es noch nichts zu sehen gibt, dazu müsste man seinen Plan ja erst in die Realität umsetzen, um das, was man da sehen könnte, realistisch zu beurteilen.

„Man muss das realistisch sehen.“ wird anscheinend von den vermeintlichen Realisten immer so angewandt, als gäbe es ein dunkles Urprinzip, das die Weltseele durchwirkt und dafür sorgt, dass alles, was scheitern könnte, auch unwiderruflich zum Scheitern verurteilt ist. Damit schafft der vermeintliche Realist also ein metaphysisches Konstrukt, das mit dem Realismus selbst selbst im Entferntesten nichts mehr zu tun hat.

„Man muss das realistisch sehen.“ Ja, genau! will man dem sich Realist Wähnenden entgegenrufen.

„Man muss das realistisch sehen.“ Das heißt, man darf sich keine Illusionen machen, sondern sollte das, was Illusion werden könnte direkt in die Tat umsetzen.

„Man muss das realistisch sehen.“ heißt, man muss das, was man da denkt, auch mal auf dem Reißbrett der Wirklichkeit sehen. Wer könnte behaupten, etwas realistisch zu sehen, wenn er es noch nie gesehen hat?

Ein Verdacht drängt sich auf:

Wer gerne sagt: „Man muss das realistisch sehen.“, bezieht sich damit nicht auf die Realität schlechthin, sondern auf seine eigene Realität, die er nur ungern durch neue Erkenntnisse erschüttert sehen möchte.

So kleingt der Appell: „Man muss das realistisch sehen.“ nun eher wie ein geflüstertes Flehen, das die Wärme des Nestes der eigenen kleinen wohl zurechtgebogenen Welt bedroht sieht udn verzweifelt versucht, das Neue abzuwehren mit dem Argument, dass alles Neue ins Ungewisse führt und das Ungewisse mit Gewissheit weniger Gewissheit böte, als die Gewissheit selbst. Doch genau dieses tautologische Argument offenbart doch den Zustand der Stagnation, den der Zweifelnde zu bewahren versucht, weil er die Totenstarre der eigenen Gewohnheit der lebendigen Bewegung des Veruchens vorzieht.

Wer sagt: „Man muss das relistisch sehen.“, beharrt auf einem zweifelhaften Mantra, das der Bewegung den Krampf vorzieht.

Wer sagt: „Man muss das realistisch sehen.“, hat Angst, Angst, die er von allen anderen geteilt sehen möchte, um sie wieder verdrängen zu können. Doch Angst ist nicht immer berechtigt.

1 Kommentar zu „„Man muss das realistisch sehen““

  1. Hi du!
    Ich gehe momentan oder werde bald ein „vermeintlich aberwitziges Projekt“ angehen und höre von jedem nur „Du musst das realistisch sehen” und es kotzt mich an, mir es immer anhören zu müssen!!!! Das hier ist eine super Aufmunterung! DANKE!!!!!

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