Winterschlaf

Die letzten Tage führten mir wieder einmal vor Augen wie auch ich ansonsten hoch vergeistigtes Wesen an meine animalischen Ursprünge gebunden bin. Kaum begann ich zu realisieren, dass die Sonne nun doch merklich früher als an schillernden Sommertagen hinter dem Horizont zu versinken pflegte, machten sich schon die ersten Anzeichen des nahenden Winters bemerkbar. Zunächst fielen mir ein paar äußerliche Anzeichen ins Auge: Es schneite und in den Regalen des Supermarktes häuften sich die Kapuzenmänner.
Doch meine Abneigung gegen die kalte Jahreszeit líeß mich diese Warnsignale abtun mit einigen dürftigen Argumenten, die mir zu Beginn jedoch recht plausibel erschienen: Zum einen hätte dieser Schnee ja auch den nahenden chaotischen April ankündigen können und zum anderen gibt es Weihnachtsmänner doch inzwischen fast das ganze Jahr über zu kaufen.
Doch dann meldete sich auch mein Körper mit eigentümlichen Reaktionen zu Wort. Abgesehen von einer gewissen Kälteempfindung, musste ich auch einen zunehmenden Drang zur vermehrten Nahrungsaufnahme bemerken. Die anfängliche Vermutung, ich könnte schwanger sein, hielt nicht lange, da ich zumindest anatomisch wohl ein männliches Exemplar unserer Gattung bin. Auch eine zunehmende Schläfrigkeit war bald nicht mehr von der Hand zu weisen.
So blieb also nur eine Schlussfolgerung: Der Winter naht und mein Körper tat instinktiv, was er sollte: Sich auf den Winterschlaf vorbereiten. Es gibt nur ein Problem bei der Sache: Winterschlaf ist nicht besonders zeitgemäß. Der Chef schätzt es nicht besonders, wenn man sich Ende November für die nächsten drei Monate abmeldet mit der Information, in dringenden Notfällen sei man in seiner Miethöhle anzutreffen. Nein, die moderne Zeit verlangt es von ihren Dienstleisern allzeit bereit zu sein für jede Anfrage und sich ihrer eigenen Natur zu entfremden. Kein Wunder, dass das dem ein oder anderen Gemüt nicht gut tut und die Aggression sich den Winter über aufstaut, um sich an einzelnen Punkten explosionsartig zu entladen, wie dem rituellen Familienkrach, den man im Volksmund auch Weihnachten nennt oder dem sinnlosen Versuch, die erlittenen Qualen im Vollrausch zu ertränken, den man manchmal auch Silvester nennt.
Es gibt bisher kein bekanntes Mittel, das es erlauben würde, die Qualen der Winterschlafverdrängung zu umgehen und so wird auch mir nur übrig bleiben, mich den üblichen Ritualen hinzugeben. Sollte es überhand nehmen, werde ich mir nur erlauben, zumindest in Gedanken das ein oder andere Nickerchen einzulegen und meine animalische Seite ein bisschen verwöhnen, vielleicht auf einer der nahenden Weihnachtsfeiern.

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