Der Neubau vor meinem Fenster schreitet seiner baulichen Vollendung entgegen. Was schon lange sich so vehement aufdrängend wie ein Telefonanbietervertreter im Raum stand, wird nun unerbittlich traurige Gewissheit: Das Gebäude wird kein schönes werden. Genau genommen hat es mit Schönheit so viel zu tun wie eine Death-Metal-Band mit dem Blockflöte Spielen. Um es auf den Punkt zu bringen: Der Kasten da draußen wird einfach potthässlich, da helfen auch keine lustigen Vergleiche mehr. Offensichtlich wird er eine graue Farbe haben, nicht, rot, grün, blau oder veilchenrosa oder was es sonst noch für unendlich viele tolle Farben gibt, nein, einfach grau.

Ich kann mir schon vorstellen, wie die Herren Architekten da im Meeting saßen und meinten: „Ja gut, das Ding wird kastenförmig, ohne Schnörkel und zu viele Fenster soll es auch nicht haben, aber was für eine Farbe kriegt das Ding?“ „Grau!“ „Was? Grau?“ „Ja Leute, super minimalistisch, grau ist das neue Rosa!““Genial!“ „Wahnsinn!“ So wird sich das abgespielt haben und wenn es sich um einen geschätzten Architekten mit guten Kontakten handelt, werden bald noch zehn so Kästen irgendwo rumstehen und Leute, die zufällig aus ihrem Fenster schauen in tiefste Depressionen stürzen.

Ich kenne jetzt nur noch einen Gedanken: Wo kriege ich möglichst schnell ein Bataillon Graffiti-Sprayer her, die dieses Grau über Nacht in ein farbenfrohes Wandgemälde verwandeln. Vielleicht sollte ich selber zur Sprühdose greifen und einfach mal den Spruch: „Bitte ansprühen – Die Anwohner!“ auf den grauen Mauern hinterlassen.

Das widerliche Haus hat wirklich nur einen einzigen Vorteil: Man fühlt sich daneben garantiert wie der Gott der Schönheit, weil einfach alles besser aussieht als dieses Ding, das die Bezeichnung: „Haus“ oder „Gebäude“ gar nicht verdient hat. Der größte Witz an der Sache ist aber, dass die Stein gewordene Hässlichkeit nicht etwa ein Gefängnis oder ein Endlager für Atommüll beherbergen soll, sondern ein Einkaufszentrum. Da muss wohl jemand Abschreckung und Werbung verwechselt haben, aber wer graue Kästen schön findet, hält wahrscheinlich auch den Irak für ein lohnendes Urlaubsziel.

Related Articles

All articles

  • Kunst Lange Zeit war es ein bisschen still hier. Zeit, mal wieder eine neue Serie zu starten. Ich habe mir überlegt, alles ein bisschen mehr miteinander zu verknüpfen: Die Kinder, die Kunst und alles, was ich sonst noch so mache. Für Fans der alten Beiträge aus der Rubrik „Zu Hause“ soll es auch weiterhin etwas… Read

    , ,

    ·

  • Ich kam wirklich sehr lange nicht zum Schreiben, was auch seine Gründe hatte. Und mit einem Krankenhausaufenthalt. Aber beginnen wir am Anfang. Ich weiß gar nicht mehr, wann der große Sohn krank wurde. Ich schrieb ja schon von Notfallmedikamenten und so. Auf jeden Fall, wurde r, nachdem er gerade wieder gesund war, wieder krank. Die… Read

    , , ,

    ·

  • Das waren etwas dramatische Tage. Der große Sohn hatte mehrere Asthma- und oder Pseudokrupp-Anfälle vor dem Wochenende. Wir haben alle Register gezogen, was die Notfallmedikamente anging, waren kurz davor, ins Krankenhaus zu fahren. Ich habe Nachts jede Stunde die Sauerstoffsättigung gemessen. Jetzt ist zum Glück alles wieder ok. Dafür bin ich jetzt erkältet. Gerade werden… Read

    , , ,

    ·

Get updates

← Zurück

Vielen Dank für deine Antwort. ✨

2 responses to “Moderne Architektur”

  1. Wenn man an das ultrastark besprühte Haus auf dem Weg vom Bahnhof zu dir denkt, könnte man vermuten, dass dieser Plan sogar gelingen könnte :)

  2. Genau! Ich hänge einfach dort mal ein Plakat auf: „Tja, schade, alles schon voll hier, aber es gibt eine Fläche, an der du junger aufstrebender Künstler noch uneingeschränkt tätig werden kannst! Hier: (Wegbeschreibung zum hässlichsten aller Neubauten)“

Antworte auf den Kommentar von harrykienzlerAntwort abbrechen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Entdecke mehr von Harry Kienzler

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen