Fahrradständer und Nazis

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An diesen Fahrradständern komme ich oft vorbei, wenn ich es eilig habe. Diese Ständer sind mein Leben gerade: Eine Reihe noch zu erledigender Dinge. Vielleicht müsste ich mal meine Festplatte defragmentieren. So sehe ich Fragmente, Spuren von verschiedenen Ichs, die alle einem Zeitplan hinterherhecheln, den sie nicht erfüllen können. Und dann ist irgendwo immer noch irgendwas mit Nazis.
Sorry, dass ich das jetzt erwähne, aber genau so fühlt es sich an. Irgendwo ist irgendwas, mit dem man sich auch noch mehr beschäftigen müsste. Schreiben, Vater sein, Werbung machen, auftreten und irgendwas gegen Nazis.
Es liegt bestimmt am Internet. Das ist doch die beste Entschuldigung heutzutage: Mangelnde Konzentrationsfähigkeit, Kapitalismus, Nazis – da ist alles das Internet schuld.
Und vielleicht stimmt das sogar. Wenn das Internet so etwas ist wie ein Abbild der Welt, dann wird man die Schuldigen in diesem Bild sicher irgendwo finden. Auf jeden Fall gibt es dort eine Menge Nazis.
Jetzt wird das so ein Nazi-Artikel. Dabei wollte ich über Fahrradständer schreiben. Wenn man sich nämlich vor diese Ständer stellt und auf die Knie geht und dann hindurchschaut, dann sieht man die Welt. Und dann sind die Ständer auf einmal großartig egal. Dann zählt nur die Straße, die dahinterkommt.
Hoffentlich ohne Nazis.

Schlüsselübergabe

Heute habe ich den Schlüssel zu meiner alten WG übergeben. Genau genommen habe ich ihn in das WG-Buch gelegt, weil gerade niemand da war, der so verantwortlich war, ihn versorgen zu können. Man muss dazu sagen: Ich bin seit fast zwei Monaten ausgezogen.
Heute aber war der Tag, an dem ich auch noch den letzten Müll entsorgt habe, der mir eine Ausrede ließ, um dort einfach so aufzutauchen. Ich hatte immer noch ein bisschen Zeug da, das irgendwie weg musste.
Jetzt ist es vorbei. Und seltsamerweise fühlt es sich auch jetzt erst wie ein richtiger Auszug an. Davor dachte ich zwar: Klar, ich bin ausgezogen, wohne jetzt woanders, habe ich total realisiert, aber heute fühlte es sich auch wirklich so an.
Psychologen werden jetzt sicher sagen: Ja klar, Mann, klarer Fall von Schlüsselübergabe-Moment! Hab gerade einen Aufsatz über solche Key-Overgive-Events gelesen! Ich frage mich: Was ist diese menschliche Psyche für ein komisches Teil?
Könnte ich mich vielleicht an jeden Ort der Welt binden, indem ich einfach Schlüssel für alles erwerbe? Gibt es vielleicht irre Menschen, die Schlüssel zu ganz vielen Wohnungen haben, um sich immer mit irgendeinem Ort verbunden zu fühlen?
In diesem Sinne wäre es ja echt eine super Maßnahme, wenn Läden Schlüssel an ihre Kunden vergeben würden. Vielleicht liegt der Vorteil von Online-Shopping auch genau darin, dass man einen eigenen Schlüssel, also einen Account dafür braucht.
Auf jeden Fall besorge ich mir jetzt einen Universal-Schlüssel, wenn ich mit dem die Welt aufschließe, dann kann ich überall zu Hause sein.

Hochdruckreiniger

Vorgestern schrieb ich hier noch von einem beleuchteten, das den Schlaf in unserer Wohnung unmöglich macht, heute ist leider schon wieder eine neue Form des Anwohnerbashings aufgetreten. Heute mal wieder der Klassiker: Die konsequente akustische Attacke. Kaum wähnten wir uns seit einigen Tagen in der glorreichen Zeit nach der lauten Baustelle, wurde heute unser Frühstück prompt von einem dröhnenden Geräusch unterbrochen. Wahrscheinlich ist irgendwer auf die Idee gekommen, dass sich unsere Gegend besonders gut dazu eignet, nervösen Maschinen ein bisschen Auslauf zu verschaffen, anders kann ich mir diese Anhäufung von Krach einfach nicht mehr erklären. Ein Blick aus dem Fenster offenbarte dann die Quelle der schlechten Kopie des Weltuntergangssounds. Ein Handwerker oder Bauarbeiter oder Verrückter reinigte die gegenüberliegende Wand mit einem Hochdruckreiniger.

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Licht aus!

Die Baustelle bei uns neben dem Haus hat ja inzwischen einem Einkaufszentrum Platz gemacht und ich kann erleichtert mitteilen: Es ist jetzt so ruhig bei uns wie schon lange nicht mehr. Leider ist aber eine neue Form der Belästigung neben dem Lärm aufgetreten: Die superschlauen Leute vom Einkaufszentrum haben nämlich ein Schild aufgehängt, damit man von außen auch gleich erkennt, worum es sich bei dem grauen Kasten handelt.

Ein Schild ist an sich nichts weiter Schlimmes, nur ist dieses Schild leider von innen beleuchtet, es handelt sich also um eine riesige beschriftete Lampe, die die Strahlkraft von circa 15 Supernovas besitzt und nun erbarmungslos durch unsere Fenster scheint. Wir wohnen in einem alten Haus, das den Luxus von dichten Fensterläden nicht kennt und behelfen uns notdürftig mit irgendwelchen Rollos oder Gardinen. Schon vorher war es also in unseren Zimmern nicht besonders dunkel, aber es reichte zumindest um ab einer gewissen Uhrzeit feststellen zu können: Ja, jetzt muss wohl Nacht sein. Weiterlesen „Licht aus!“

Luftballons

Ich schaue aus dem Fenster und sehe eine alte Frau mit einem Luftballon an der Ampel stehen und sehe sie einer anderen Frau gestikulierend etwas erzählen. Sie hat die Schnur des Luftballons in der Hand und er wippt zu jeder ihrer Handbewegungen bekräftigend durch den Herbstwind. Ein lustiges Bild, könnte man meinen, die alte Frau, die auf Stereotypen von wegen Würde des Alters scheißt und sagt, nö, draußen schlechtes Wetter und in den Herzen der Menschen grauer Beton, ich lauf jetzt mit nem Luftballon durch die Gegend! Da sollen die sich mal was dazu einfallen lassen! Genau das versuche ich. Was erzählt eine alte Frau mit einem Luftballon? Bei einem Kind könnte ich mir das noch leichter vorstellen: „Guck mal Mama, mein Luftballon! Ist’n ganz toller Ballon, kann nämmich fliegen und ist besser als alle anderen, weil er nämmich nie aufhört mit Fliegen, ist Zauberluft drin und bleibt auch immer genau bei mir, auch wenn ich ihn loslass: Guck! …Mama! Mein Ballon! Mein Ballohohon!“ Aber was sagt die alte Frau? „Ach ja, schau dir diesen Ballon an, Ballons sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Früher waren das einfach noch Ballons und jetzt sieht das Ding aus wie ein kleiner Zeppelin mit so nem Werbelogo drauf. Außerdem, was soll ich alte Frau mit so nem Scheißballon? Das sieht doch kindisch aus, aber sie haben ihn mir geschenkt und so was kann man ja nicht ablehnen.“ Leider stellt sich bald heraus, dass die alte Frau, die mit dem Ballon ja noch ein recht erheiterndes Bild abgab nur die Vorhut einer Horde von Passanten war, die jetzt alle mit Ballons und ausdruckslosen Gesichtern aus dem neuen Einkaufszentrum nebenan trotten. Alle gehen sie mit stierem Blick ein paar Tüten und diesen albernen Luftballons die Straße runter. Die Ballons werden wohl heute zur feierlichen Eröffnung als Werbegeschenk verteilt. Da hat das Einkaufszentrum mal für einen interessanten Selbstkommentar gesorgt: Unsere Kunden sind unglückliche Konsumenten, aber wir schaffen es, auch noch daraus ein albernes Bild zu kreieren, das nicht nur schlecht, sondern auch noch bemitleidenswert aussieht. Oder: Wir sorgen schon dafür, dass man Sie nicht allzu ernst nimmt. Schade, wie dass erheiternde Bild von der alten Frau mit dem Luftballon durch diese Massen an Ballons und Menschen zunichte gemacht wird. Ich muss mir irgend was einfallen lassen, um dem Ganzen entgegen zu wirken. Vielleicht hänge ich ein Schild aus meinem Fenster: „Ist Ihnen eigentlcih klar, dass Sie ganz schön albern aussehen mit Ihrem Luftballon und es deshalb gar keinen Sinn macht, ein Gesicht zu machen wie zwei Jahre atomarer Winter?“ oder ich häng am besten einfach einen Spiegel draußen auf, vielleicht kommt dann ja jemand auf die Idee über sich selber zu lachen…