Schlüsselübergabe

Heute habe ich den Schlüssel zu meiner alten WG übergeben. Genau genommen habe ich ihn in das WG-Buch gelegt, weil gerade niemand da war, der so verantwortlich war, ihn versorgen zu können. Man muss dazu sagen: Ich bin seit fast zwei Monaten ausgezogen.
Heute aber war der Tag, an dem ich auch noch den letzten Müll entsorgt habe, der mir eine Ausrede ließ, um dort einfach so aufzutauchen. Ich hatte immer noch ein bisschen Zeug da, das irgendwie weg musste.
Jetzt ist es vorbei. Und seltsamerweise fühlt es sich auch jetzt erst wie ein richtiger Auszug an. Davor dachte ich zwar: Klar, ich bin ausgezogen, wohne jetzt woanders, habe ich total realisiert, aber heute fühlte es sich auch wirklich so an.
Psychologen werden jetzt sicher sagen: Ja klar, Mann, klarer Fall von Schlüsselübergabe-Moment! Hab gerade einen Aufsatz über solche Key-Overgive-Events gelesen! Ich frage mich: Was ist diese menschliche Psyche für ein komisches Teil?
Könnte ich mich vielleicht an jeden Ort der Welt binden, indem ich einfach Schlüssel für alles erwerbe? Gibt es vielleicht irre Menschen, die Schlüssel zu ganz vielen Wohnungen haben, um sich immer mit irgendeinem Ort verbunden zu fühlen?
In diesem Sinne wäre es ja echt eine super Maßnahme, wenn Läden Schlüssel an ihre Kunden vergeben würden. Vielleicht liegt der Vorteil von Online-Shopping auch genau darin, dass man einen eigenen Schlüssel, also einen Account dafür braucht.
Auf jeden Fall besorge ich mir jetzt einen Universal-Schlüssel, wenn ich mit dem die Welt aufschließe, dann kann ich überall zu Hause sein.

Hochdruckreiniger

Vorgestern schrieb ich hier noch von einem beleuchteten, das den Schlaf in unserer Wohnung unmöglich macht, heute ist leider schon wieder eine neue Form des Anwohnerbashings aufgetreten. Heute mal wieder der Klassiker: Die konsequente akustische Attacke. Kaum wähnten wir uns seit einigen Tagen in der glorreichen Zeit nach der lauten Baustelle, wurde heute unser Frühstück prompt von einem dröhnenden Geräusch unterbrochen. Wahrscheinlich ist irgendwer auf die Idee gekommen, dass sich unsere Gegend besonders gut dazu eignet, nervösen Maschinen ein bisschen Auslauf zu verschaffen, anders kann ich mir diese Anhäufung von Krach einfach nicht mehr erklären. Ein Blick aus dem Fenster offenbarte dann die Quelle der schlechten Kopie des Weltuntergangssounds. Ein Handwerker oder Bauarbeiter oder Verrückter reinigte die gegenüberliegende Wand mit einem Hochdruckreiniger.

Weiterlesen „Hochdruckreiniger“

Licht aus!

Die Baustelle bei uns neben dem Haus hat ja inzwischen einem Einkaufszentrum Platz gemacht und ich kann erleichtert mitteilen: Es ist jetzt so ruhig bei uns wie schon lange nicht mehr. Leider ist aber eine neue Form der Belästigung neben dem Lärm aufgetreten: Die superschlauen Leute vom Einkaufszentrum haben nämlich ein Schild aufgehängt, damit man von außen auch gleich erkennt, worum es sich bei dem grauen Kasten handelt.

Ein Schild ist an sich nichts weiter Schlimmes, nur ist dieses Schild leider von innen beleuchtet, es handelt sich also um eine riesige beschriftete Lampe, die die Strahlkraft von circa 15 Supernovas besitzt und nun erbarmungslos durch unsere Fenster scheint. Wir wohnen in einem alten Haus, das den Luxus von dichten Fensterläden nicht kennt und behelfen uns notdürftig mit irgendwelchen Rollos oder Gardinen. Schon vorher war es also in unseren Zimmern nicht besonders dunkel, aber es reichte zumindest um ab einer gewissen Uhrzeit feststellen zu können: Ja, jetzt muss wohl Nacht sein. Weiterlesen „Licht aus!“

Luftballons

Ich schaue aus dem Fenster und sehe eine alte Frau mit einem Luftballon an der Ampel stehen und sehe sie einer anderen Frau gestikulierend etwas erzählen. Sie hat die Schnur des Luftballons in der Hand und er wippt zu jeder ihrer Handbewegungen bekräftigend durch den Herbstwind. Ein lustiges Bild, könnte man meinen, die alte Frau, die auf Stereotypen von wegen Würde des Alters scheißt und sagt, nö, draußen schlechtes Wetter und in den Herzen der Menschen grauer Beton, ich lauf jetzt mit nem Luftballon durch die Gegend! Da sollen die sich mal was dazu einfallen lassen! Genau das versuche ich. Was erzählt eine alte Frau mit einem Luftballon? Bei einem Kind könnte ich mir das noch leichter vorstellen: „Guck mal Mama, mein Luftballon! Ist’n ganz toller Ballon, kann nämmich fliegen und ist besser als alle anderen, weil er nämmich nie aufhört mit Fliegen, ist Zauberluft drin und bleibt auch immer genau bei mir, auch wenn ich ihn loslass: Guck! …Mama! Mein Ballon! Mein Ballohohon!“ Aber was sagt die alte Frau? „Ach ja, schau dir diesen Ballon an, Ballons sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Früher waren das einfach noch Ballons und jetzt sieht das Ding aus wie ein kleiner Zeppelin mit so nem Werbelogo drauf. Außerdem, was soll ich alte Frau mit so nem Scheißballon? Das sieht doch kindisch aus, aber sie haben ihn mir geschenkt und so was kann man ja nicht ablehnen.“ Leider stellt sich bald heraus, dass die alte Frau, die mit dem Ballon ja noch ein recht erheiterndes Bild abgab nur die Vorhut einer Horde von Passanten war, die jetzt alle mit Ballons und ausdruckslosen Gesichtern aus dem neuen Einkaufszentrum nebenan trotten. Alle gehen sie mit stierem Blick ein paar Tüten und diesen albernen Luftballons die Straße runter. Die Ballons werden wohl heute zur feierlichen Eröffnung als Werbegeschenk verteilt. Da hat das Einkaufszentrum mal für einen interessanten Selbstkommentar gesorgt: Unsere Kunden sind unglückliche Konsumenten, aber wir schaffen es, auch noch daraus ein albernes Bild zu kreieren, das nicht nur schlecht, sondern auch noch bemitleidenswert aussieht. Oder: Wir sorgen schon dafür, dass man Sie nicht allzu ernst nimmt. Schade, wie dass erheiternde Bild von der alten Frau mit dem Luftballon durch diese Massen an Ballons und Menschen zunichte gemacht wird. Ich muss mir irgend was einfallen lassen, um dem Ganzen entgegen zu wirken. Vielleicht hänge ich ein Schild aus meinem Fenster: „Ist Ihnen eigentlcih klar, dass Sie ganz schön albern aussehen mit Ihrem Luftballon und es deshalb gar keinen Sinn macht, ein Gesicht zu machen wie zwei Jahre atomarer Winter?“ oder ich häng am besten einfach einen Spiegel draußen auf, vielleicht kommt dann ja jemand auf die Idee über sich selber zu lachen…

Kampf um einen Parkplatz

Die Baustelle nebenan war heute kurz davor, ihre ersten Opfer zu fordern. Der Klempner, der im Erdgeschoss unseres betagten Hauses seine Aktivitäten in einem sympathisch chaotisch eingerichteten Büro koordiniert, hätte heute fast zwei Messbedienstete erschlagen, also so zwei Typen, die mit einem Messgerät und ein paar Stangen zukünftigen Bauwerken ihren Lebensraum abstecken. Nachbar Klempner hat nämlich nicht nur ein Büro unten im Haus, sondern vor allem einen Parkplatz davor und dieser Parkplatz ist ihm heilig. Wenn da mal ein kleines Kind sein Dreirad abstellt, steht zwei Sekunden später ein Abschleppkran daneben, aus Prinzip. Die zwei nichtsahnenden Ausmesser schlugen ganz unbedarft am rande des Parkplatzes ein paar Stangen in den heiligen Boden und wurden fast vom fuchtelnden Zeigefinger des cholerischen Klempners erdolcht, der dann die Stangen aus dem Boden riss wie ein rasender Indianerhäuptling, der die letzten Flecken seines Reservats mit gezogener Streitaxt gegen die Bagger des weißen Mannes verteidigt. Der Klempner befuhr dann weiter schimpfend die ihm bis dato verwehrte Fahrbahn und ließ die beiden Messmännchen erst einmal ziemlich bedröppelt in der umgegrabenen Gegend stehen. Schließlich nahte Hilfe in der wichtigtuerischen Gestalt eines Vorgesetzten, der nach einem Telefonat mit dem Chef der Baustelle, dem großen Zampano, Dr. Mabuse oder wem auch immer befahl, die Stangen zwei Meter weiter drüben einzuschlagen. Ich frage mich jetzt, ob tatsächlich ein kleiner Wutanfall meines Nachbarn reichte, um sämtliche Baupläne zu ändern und ob mein Glaube nicht ausreichen könnte, zwar keine Berge aber wenigstens dieses hässliche Gebäude da draußen ganz weit weg zu versetzen.

Moderne Architektur

Der Neubau vor meinem Fenster schreitet seiner baulichen Vollendung entgegen. Was schon lange sich so vehement aufdrängend wie ein Telefonanbietervertreter im Raum stand, wird nun unerbittlich traurige Gewissheit: Das Gebäude wird kein schönes werden. Genau genommen hat es mit Schönheit so viel zu tun wie eine Death-Metal-Band mit dem Blockflöte Spielen. Um es auf den Punkt zu bringen: Der Kasten da draußen wird einfach potthässlich, da helfen auch keine lustigen Vergleiche mehr. Offensichtlich wird er eine graue Farbe haben, nicht, rot, grün, blau oder veilchenrosa oder was es sonst noch für unendlich viele tolle Farben gibt, nein, einfach grau. Weiterlesen „Moderne Architektur“

Baustelle

Ich wohne neben einer Baustelle. Ein ganzes Jahr lang durfte ich bewundern, wie Bagger mit monströsen Riesenschaufeln, die jeden mutierten Monstermaulwurf vor Neid erblassen lassen hätten, jeden Stein pulverisierten, der noch unschuldig auf der Brachfläche nebenan lag. Die nächsten Monate durfte ich das stetige Wachsen und Gedeihen eines neuen Gebäudekomplexes beobachten, Stein für Stein. Mancher Stein fiel auch mal auf den Boden und machte ein hässliches Geräusch, das ich aber gar nicht mehr hörte, weil meine Ohren schon halb taub waren von dem Geräusch der Planierraupen, die unser Haus erzittern ließen wie Espenlaub bei Windstärke 12. Das hatte durchaus auch seine Vorteile: Ich habe ein ganz neues Verhältnis zur Bausubstanz meiner eigenen Behausung entwickelt und weiß jetzt, dass die Bruchbude zwar äußerlich aus mehr Rissen als geschlossener Oberfläche besteht, aber mit Sicherheit jedes Erdbeben überstehen dürfte. Morgens grüßen die Bauarbeiter fluchend vom Gerüst und dürfen meinen Schlafanzug bewundern und ab und zu klingelt mal einer, um im Telegrammstil nach dem Motto: „Schwarzer VW? Schwarzer VW?“ zu fragen, ob mir das Scheißauto gehört, das da mal wieder im Weg steht und ich darf dann zum tausendsten Mal antworten, dass ich überhaupt kein Scheißauto besitze. Manchmal denke ich noch wehmütig an die Zeit vor der großen Baustelle, da befand sich neben unserem Haus noch ein Schrottplatz, der einen morgens fröhlich mit dem Entladen des Altmetallcontainers weckte, aber das ist eine andere Geschichte…