Es gibt Dauerregen, es gibt Dauerlutscher und es gibt Dauererkältung. Ich habe letzteres. Da wir von Hause aus gerade regelmäßig mit netten neuen kleinen Viren in Kontakt kommen, erfreue ich mich der Erfahrung, ständig erkältet zu sein. Klingt die eine Erkältung gerade ab, geht die nächste wieder los.

Was bleibt einem da, wenn nicht Haikus schreiben?

Die Nasen laufen

die Taschentücher fallen

wie Herbstlaub vom Dach.

 

Abhärtung für lau

Die liegende Acht hustet

Nasenspray – olé!

 

Zumindest lege ich jetzt die Gewohnheit ab, Erkältungen für eine Krankheit zu halten, bei der man ins Bett gehört, oder so. Ich sehe es jetzt eher als veränderten Aggregatzustand meines Körpers.

Krankenhaus im Kopf

Feueralarm im Herzen

High five mit der Nacht

Ich schreibe das hier kurz vor dem Weg ins Bett. Zwischen den Zeilen meiner raren Stunden. Die Zeit verrinnt wie Sand und ich ringe ihr ein paar Körner ab, um sie der Welt ins Auge zu streuen, oder zumindest dem Bildschirm.
Und ich wünsche gute Träume. Gute Träume sind wichtig, sie könnten in Erfüllung gehen. Und wenn nicht, hat man wenigstens gut geschlafen. Die meisten meiner Träume waren immer so: Hä? Warum druckt der Fahrkartenautomat, der seltsamerweise auf den Gleisen steht, mein Ticket nur leer aus? Immer wieder? Ich müsste doch längst den Zug nehmen, in dem ich vorher schon war. Und warum taucht jetzt ein riesiger Hahn auf?
Ich wünsche Träume, in denen alles klappt. In denen man endlich den Sex hat, den man immer wollte und er keine Enttäuschung ist. Träume, in denen man geliebte Menschen trifft, die nicht ihre Gesichter wechseln, sondern treu mit einem durch das Schlaraffenland laufen.
Träume, in denen man zu Musical-Musik durch rosa Wolken fliegt.
Träume, in denen man auch einfach mal so einen Kaffee trinken kann, ohne dass irgendetwas besonderes passiert.
Träume, in denen man sich in eine Praline verwandelt, die man selber mit Genuss essen darf.
Träume, in denen gar nichts passiert, sondern einen nur ein endloses Glücksgefühl durchwabert.
Träume, die besser als die Realität sind und dann einfach weiter gehen.
Oder Träume, die einen erkennen lassen, dass die Welt, in der man aufwachen wird, schon immer die beste war und man das nur noch nie so gesehen hat.
Mit diesem Gefühl kann man doch schlafen gehen. Gute Nacht. Oder Guten Morgen.

Der Pausenpost: Ein kurzer Text zwischen zwei anderen Aktivitäten. Da ich wenig Zeit habe zur Zeit, schreibe ich nun kurz, was mich beschäftigt. Zum Beispiel: Haikus.
Die Zeit läuft weiter
Ich schreibe dagegen an wie
Sand im Stundenglas
Eine schöne Form. Sollte man viel öfter im Leben machen.
Statt in der Schlange stehen und sich ärgern, schreiben:
Ich stehe in der
Schlange und ärgere mich
ah, es geht weiter
Ich finde das Leben ist grundsätzlich zu arm an sinnlosen Beschäftigungen.
Während wir versuchen, möglichst sinnvoll zu existieren, aus allem viel rauszuholen, verpassen wir das Beste: Den zufälligen Blödsinn.
Ich sitze am Schreib
tisch und zähle die Silben
der Haikus, wie gut.
Selten bessere Pausen gehabt.

Ich lese in letzter Zeit ein bisschen Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ und bin immerhin schon im dritten Band dieses Jahrhundertroman-Mammutwerks angekommen. Warum tu ich mir das an? Einen Roman lesen, der die Memoiren eines Typen wiedergibt, der sein Leben lang nur von einem Salon in den anderen zog, am Strand spazierte und seine Beziehungen verkomplizierte? Es ist die Sprache. Diese langen Sätze, die jeder einzeln eine philosophische Abhandlung sein könnten. Ich denke, ich sollte auch mal ausprobieren, so zu schreiben:

Ich saß vor meinem Schreibtisch, jenem alten Relikt aus Kindertagen, als mein Blick auf die neu erstandene Uhr fiel, die ich mich gekauft hatte, um nicht mehr ständig auf mein Mobiltelefon zu schauen und dachte: Die Zeit, sie geht dahin, steht still, mal lang, mal kurz und rinnt aus den Seiten meines Kalenders wie der Sirup der Ewigkeit, von dem wir Menschen nur Tropfen kosten dürfen, bis auch wir zum Tropfen werden, der im Ozean des Universums aufgeht.
Daneben ein paar Knopfzellen, Batterien, die Münzen gleichen und stets nur im falschen Format vorhanden sind, wie unsere Lebensenergie, das Temperament, das gerade dann ruht, wenn es toben sollte und wütet, wenn Ruhe angebracht.
So schien auch mein Kopf mir ein Akku zu sein, dessen Ladung die Zeit aufbrauchte, um sie im nächsten Moment unverhofft wieder mit Strom zu füllen, wie ein Tintenfass, in das ich die Feder tauchen konnte, mit der ich meine Biografie fortschrieb, um sie sogleich Wirklichkeit werden zu lassen.
Und in jenem Moment wurde ich wieder der Zeiger der Uhr gewahr, des Sekundenzeigers, der vorwärts sprang und Unaufhaltsamkeit rief, während ich mit den Zeilen hier dem Ewigen ein Scherflein abgerungen hatte, das nun frei von mir als Flaschenpost des Geistes durch die Virtualität schwamm wie ein Walfisch, der gerade erst geboren war.

Der Morgen ists, wenn wir verdrängen,
wie unsre alten Wangen hängen,
wie grau die Wolken sich nun färben,
die Blätter an den Bäumen sterben.
Wenn wir erinnern: Es gab gestern
und ein Duell naht wie im Western
mit dem Tag, der nun beginnt,
an dem man selbst wie alles spinnt.
Dann wird uns selber jetzt auch klar,
dass eigentlich schon Mittag war.