Wenn mir etwas an der Kunst der Improvisation gefällt, dann der Gedanke, unvollständig zu sein.

Wenn man beim Improtheater die Bühne betritt, hat man nichts außer einem Titel. Und man weiß nie, ob es etwas wird.

Warum nicht auch im Leben mehr so handeln? Mir hat der Gedanke dabei geholfen, Telefonate zu führen. Früher hatte ich wirklich Angst davor.

Inzwischen denke ich: Ist doch egal, wenn die Person merkt, dass ich unausgeschlafen, nervös oder inkompetent bin. Es könnte sowieso immer alles schiefgehen. Vielleicht rülpse ich aus Versehen so ekelhaft, dass meinem Gesprächspartner gar nichts übrig bleibt, außer entsetzt aufzulegen.

Wir sollten viel häufiger unsouverän sein. Einfach beim Bäcker sagen: Ein Pfund Gehacktes bitte. Und gucken, was passiert. Oder zum Frisör sagen: Einmal Reifen wechseln.

Sowas befreit. Wenn man selber aus ganzem Herzen scheitert, erträgt man auch die Leute an der Supermarktkasse, denen beim Bezahlen einfällt, dass sie die Hälfte vergessen haben.

Ich gehe jetzt schlafen. Das wird auch nie perfekt.

Heute habe ich ein PDF erstellt. Dabei fragte ich mich: „Erstellt“? Gut, ein PDF „machen“ wäre wohl zu naiv gewesen. Also habe ich es „erstellt“. „Hergestellt“ habe ich es auch nicht, das macht ja der Computer, oder ein Programm, oder …?
Wir erstellen immer mehr Dinge: Tabellen, Konzepte, Doodles. Das Wort scheint sich eher auf Abstraktes, Ungreifbares zu beziehen. Ich stelle eine Datei nicht hin, ich stelle sie nicht ab, ich stelle sie nicht aus, ich stelle sie höchstens irgendwo ein.
„Erstellen“ – nur einen Buchstaben entfernt vom „Verstellen“, „Herstellen“, nur „Zerstellen“ gibt es noch nicht. Oft ist mit „erstellen“ eine Art Umwandlungsprozess, oder Ordnungsvorgang gemeint.
Daten werden in etwas eingefügt, das „erstellt“ wird. Wie viel schöner wäre es, wenn man sagen könnte: „Ich habe ein PDF gebaut.“ oder: „Ich habe eine Tabelle gezimmert.“ oder: „Ich habe ein Doodle gedrechselt.“ Das weist darauf hin, dass wir uns weiter vom Handwerk entfernen und immer mehr nur noch im Virtuellen tun. Bald werden wir vielleicht nichts mehr „erstellen“, sondern nur noch „ersetzen“.
Dann sagt man nur noch: „Heute habe ich einen Film ersetzt.“
Vielleicht sollte ich es nicht so pessimistisch sehen. Ich plädiere dafür, inflationär Gebrauch von alten Worten des Handwerks zu machen:
„Heute habe ich eine Notiz gehämmert.“ „Morgen hobele ich eine Akte.“ „Gestern habe ich einen Post gepflanzt.“ Das könnte unsere moderne Sprache doch bereichern. Zumindest habe ich jetzt mal wieder einen Beitrag gestrickt.

Denk dir

Denk dir eine Sprache, die ganz bei dir ist.

Eine Sprache wie einen Talisman,

den du vor der Welt ausbreiten kannst.

Eine Sprache, in der Dinge mitschwingen,

als würden trunkne Schmetterlinge mit letzter Kraft mit ihren Flügeln schlagen.

Zum Beispiel.

Wenn du sagst: „Ich hätte gern ein Dinkelbrot.“

hört es sich immer auch ein bisschen an, als hättest du gesagt:

Ich hätte gern ein Stück von deinem Herzen, liebe Bäckereiperson,

um in einsamen Nächten mein eignes Herz mit ein paar Blutstropfen aus deinem zu nähren.“

Und dieser Satz, der schwingt nur mit, obwohl du nicht mehr sagst, als:

Ich hätte gern ein Dinkelbrot.“

Aber irgendwo im „ä“ von hätte oder im „nk“ von Dinkelbrot,

da schwingt diese Botschaft mit wie die Saite einer Gitarre, aus Sektgläsern gebaut.

So dass bei der Bäckereiperson ein Hauch von dieser Botschaft ankommt,

ohne dass irgendwer sich komisch oder bedrängt fühlen muss.

Die Bäckereiperson wird Nachts in ihrem Bettchen liegen und auf einmal dieses Kribbeln spüren,

da an der Stelle am Herzen, wo du gern einen Teil sacht abgebissen hättest,

da wird dieses Flirren und Kitzeln sein,

dass sie ein bisschen später einschlafen lässt

mit einem Lächeln auf den Lippen in der Form des F-Lochs einer Geige.

Denk dir diese Sprache,

sprich diese Sprache, flüster sie ganz nebenbei,

habe einen Sprachfehler der Gefühle, der die Sprache besser macht.

Wünsch der Welt den schönsten Morgen,

an dem sie selbst, der ganze Globus in schönen Träumen noch ein bisschen weiter, eine halbe Stunde schlafen darf.

Ja, wer weiß? Vielleicht gab es schon sehr viele dieser halben Stunden, in denen alle Wecker stillstanden und wir wissen nur nichts davon.

Wäre das nicht schön?

Wenn neben all dem Leben, das sich vor Rechnern und im Schatten neugebauter Pseudohäuser Leben schimpft, noch so ein andres wäre so eine Welt der Lücken, Pausen, Atemzüge.

Denk dir eine Sprache, die nicht laut, nur ihm Geheimen spricht,

lass sie Schwur und Spruch und Losung sein

für jene Pforte, jenes Tor, durch das du heimlich schlüpfst im Schatten geistreicher Gebüsche

und sprich sie schweigend, sprich sie nicht aus, nein sprich sie ein.

Liebe mich! Das scheint die Botschaft unserer Zeit zu sein. Das fällt mir gerade zwischen zwei Atemzügen wieder ein. Immer mehr scheint unser Leben, oder zumindest das von vielen, die ich kenne, sich darum zu drehen, geliebt zu werden.
Klar, man kann sagen: War das nicht schon immer so? Sehnten nicht auch die Bauern auf den Feldern des Mittelalters sich nach jemandem, der bemerkte, das sie arbeiteten? Ich denke, sie waren froh zu überleben. Schon gut, dass wir nicht mehr so ums Überleben kämpfen müssen, aber warum dieser irrsinnige Wunsch nach Bestätigung, dem ich ja auch nachgehe, indem ich das hier schreibe?

Liebe in kleinen
Dosen aus dem Cloud-Regal.
Wir sind da – echt jetzt.

Ich existiere
nur durch andere, deren
Blick und Klick mich schafft.

Liebe mich! Es ist ein zu großes Wort. Wirklich geliebt werden wollen wir nicht. Das würde ja heißen, jemand will sein Leben mit uns teilen. Es ist nur dieser kleine Kick, den man spürt, wenn die Userzahlen steigen, wenn unter dem Bild eine größere Zahl von Daumen und Herzen steht. Es heißt: Wir finden das gut, was du da machst. Und damit auch irgendwie dich. Und wir belügen uns automatisch. Wir glauben es. Dabei war ja immer nur das Bild gemeint.
Wir müssten es schaffen, uns auch noch diese Zuneigung einzubilden. Insofern wäre die alte Idee von Berkeley interessant: Was, wenn wir uns all diese Follower, Freunde, oder wie auch immer unsere Internet-Gruppe nun heißt, wenn wir uns all diese Wesen nur einbilden?

Ich klicke hier, ich klicke da,
ich like und du schreist: Hurra!
Hurra! schallt es von mir zurück.
Ja, so einfach ist das Glück.

Ich habe mir gerade fast einen Hexenschuss geholt, als ich die Seite hier mal wieder überarbeitet habe. Wahrscheinlich sind weder mein Stuhl, noch mein Tisch, noch mein Rechner besonders geeignet, meinem Rücken gut zu tun.
Nun habe ich mich wieder an das Stehpult gestellt, das ich seit einiger Zeit mein eigen nenne. Es ist nichts besonderes, aber es erfüllt einigermaßen seinen Zweck. Was es aber nicht kann: Die Versuchung des Sitzens aufheben.
Sobald ich an diesem Ding stehe, habe ich wilde Assoziationen von Stühlen, Sesseln, Fauteuils, in denen ich wunderbar lümmeln könnte, ja ein Stuhl erscheint mir dann fast verlockender als ein Bett.
Woher nur diese Begeisterung für das Sitzen? Angeblich ist diese für uns so typische Körperhaltung ja völlig unnatürlich. Ich frage mich nur: Wenn das Sitzen unserer menschlichen Natur so zuwiderläuft, warum tun wir es dann mit solcher Konsequenz und Begeisterung? Müsste uns Sitzen dann nicht widerlich vorkommen?
Sicher könnte man sagen: Wir sind Opfer des Systems, das uns Sitzen lehrt, oder noch extremer: Opfer der Sitzverschwörung. Man will nicht, dass wir stehen, damit wir nicht auf den Gedanken kommen, auch in anderen Kontexten aufzustehen. Nur ein sitzender Konsument ist ein guter Konsument. Er wird träge und immer bereiter, sich alles reinzuziehen.
So wäre dann das Disruptivste, was man derzeit tun könnte: Aufstehen. Insofern kann ich mich trösten, dass mein Leiden am Stehpult ein wahres revolutionäres Potential hat.