Die Schiebetüren der Götter

Beim Spiegel kann man derzeit lesen, wie die Priester antiker Tempel, die staunenden Gläubigen zu begeistern wussten: Mit Tempeltüren, die sich automatisch öffneten, wie von Geister- bzw. Götterhand. Eine Apparatur, die mit Wasserdampf arbeitete ließ die Türen aufschwingen und die Menge vor Bewunderung aufjauchzen.

Zu Beginn wenigstens. Studenten und Gelehrte wussten sowieso, wie die Apparatur funktioniert und die Gläubigen, die tatsäschlich öfters in den Tempel gingen, sagten nach einiger Zeit wahrscheinlich auch nur noch: „Ach so, die Götter machen mal wieder die Tür auf. Die könnten sich auch mal was Neues einfallen lassen. Seit dem Trojanischen Krieg haben die ja nicht mehr viel zustande gebracht und der ist ja auch nicht so toll gelaufen.“

Heute kommt ja kein Mensch mehr darauf, angesichts einer Schiebetür in Verzückung zu geraten: „Haben Sie das gesehen? Die Tür! Einfach so aufgegangen! Verrückt! Und jetzt geht sie einfach wieder zu! Und klemmt den kleinen Zwergdackel da ein! Verrückt! Das müssen die Götter sein! Die Götter!“

Für uns ist es ja völlig normal, dass jede Form von Tempel, seien es nun Konsumtenpel, Bankentempel oder Sonnenstudiotempel, eine Tür hat, die zischend vor uns aufgeht. „Ja klar, Lichtschranke, weißte?“ erklärt man dann den anfänglich noch staunenden Kindern. Den allerkleinsten sagt man dann vielleicht noch, neben der Tür in der Wand stünden zwei kleine Weihnachtsmänner, die das Ding auf und zu schieben, das wars dann aber auch schon mit der Übernatürlichkeit.

Ich geh jetzt raus in die Sonne. Dass ich die nun doch noch genießen darf, dass grenzt zumindest für mich an ein Wunder, an dessen Erfüllung ich gar nicht mehr geglaubt hätte.

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