Heute durfte ich Zeuge eines ungewöhnlichen Schauspiels werden, das mich auf ganz besondere Art und Weise mit der Kunst versöhnte. Auf der Brücke, die über den Fluss führt, der das kleine Studentenstädtchen, das ich bewohne, so fotogen zu teilen weiß, spielte eine Straßenmusikantin anmutige Weisen. Wer nun schon gähnend weitergeklickt hat, verpasst aber den entscheidenden Aspekt der ganzen Geschichte:

Es handelte sich nicht etwa um eine versprengte Indianerin oder eine exhumierte Hippiebraut. Nein, die schwäbische Sonntagnachmittagseinöde wurde durchbrochen vom ausdauernden Spiel einer Japanerin. Wie gerade eben erst einem Kung-Fu-Film entsprungen stand sie da im Kimono, zupfte auf diesem kleinen Saiteninstrument, dessen Namen ich nicht kenne und hauchte den bekannten asiatischen Singsang in die pollenverteilenden Frühlingslüftchen.

Die Musik hatte etwas Hypnotisches und tatsächlich sah sich fast jeder Passant aus seinem buchtsäblichen Sonntagstrott gerissen, sobald die Klänge sein mit Straßenmusikantenmainstreammusik verdorbenes Öhrchen erreichten. Da war er wieder: Der verzauberte Glanz in den Augen, den man zum letzten Mal in der verdrängten Kindheit hatte, asl man zum ersten Mal einen dieser selbstlosen Künstler betrachten durfte, die sich nicht ins Dunkel stickiger Bühnenräume zurückziehen, sondern unter freiem Himmel jeden an ihrer Kunst teilhaben lassen.

Doch schon beim Anblick dieser so ungewohnten Figur, drängte sich wohl jedem schon die böse Vorahnung auf: Bald schon werden ganze Postwurfsendungen von japanischen Saiteninstrumentspielerinnen die Fußgängerzonen bevölkern und die meisten von ihnen werden sich nach genauerem Hinsehen als die vormals verdrängten und nun umgeschulten Indianer und Hippiebräute entpuppen, die den neuen Trend gewittert haben.

So will ich denn von hier der Künstlerin zurufen: Liebe kleine japanische Saiteninstrumentspielerin im schönen Kimono mit der weichen Stimme! Lass es bei dem einen Auftritt bewenden, auf dass er etwas Besonderes bleibe! Verkleide dich als Indianerhippiebraut und verdiene dein Geld, bis der Tag gekommen ist, an dem du erneut für einen kurzen Moment den Schleier lüftest!

Wer weiß? Vielleicht gab schon einer vor mir, dir diesen Rat und ich durfte nun Zeuge sein des einen Tages in zehn Jahren, an dem du für einen Moment zurückkehrst aus der musikalischen Verbannung.

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