Der große Wandel

Barack Obama steht auf einer Bühne in einer Sporthalle, sieht in 500 vor Begeisterung geöffnete Münder und sagt: „Ich bin der Wandel!“ und stöhnt innerlich vor Langeweile, weil er den Spruch schon so oft gesagt hat, dass er ihn selber nicht mehr hören kann.

Thorsten Mayer steht vor seiner Spüle, betrachtet nachdenklich die Teller, Pfannen und Töpfe, die sich aneinader klebend dort stapeln und fragt sich zum wiederholten Mal, ob nicht heute der Tag sein könnte, an dem er doch mal abspült.

In einem Kaufhaus steht Liese Müller vor dem Duschgel-Regal und denkt ernsthaft darüber nach, das mit dem Zitronengras zu nehmen, weil sie weiß, dass ihr Mann es nicht ausstehen kann.

Im Dschungelcamp ist das Essen ausgegangen. Ein gealterter Tierimitator, der so unbekannt ist, dass sein Name selbst hier nicht auftauchen kann, diskutiert mit einem Handmodel, das ähnlich bekannt ist wie er, ob sie jetzt etwa von Ungeziefer leben sollen und dass er sich das als Superstar ja nicht bieten lassen könne und nun ernsthaft darüber nachdenke, seine Karriere zu beenden.

Barack Obama unterdrückt mit Mühe ein Gähnen. In buntesten Farben malt er die hoffnungsvolle Zukunft eines Landes und vermeidet es, den Zuhörern zu sagen, dass es sich dabei nicht um ihr eigenes handelt.

Thorsten Mayer ist in einem furchtbaren Kausalnexus gefangen. Seit zwei Stunden denkt er darüber nach, ob er abspülen soll. Dabei bemerkt er, dass er zu viel nachdenkt und dass ihn genau dieses fortwährende Nachdenken vom Handeln abhält. Er denkt darüber nach, was er gegen das Nachdenken unternehmen könnte.

Liese Müller packt das Shampoo in ihren Einkaufswagen. Es steigt der Verdacht in ihr auf, dass ihr Mann sich nicht über das Shampoo aufregen wird, sondern es genau so ignorieren wie alles andere, das mit ihrer Beziehung zu tun hat.

Der alternde Tierstimmenimitator sitzt vor einer Kamera und verkündet sein Karriereaus. Jemand von der Regie sagt, das würde eh nicht gesendet, er müsse schon dabei weinen oder so und außerdem wäre es ziemlich sinnlos, eine Karriere zu beenden, die niemand interessiere und die wenn überhaupt durch engagierteres Auftreten im Dschungelcamp interessanter werden könnte.

Barack Obama hat keine Lust mehr. Er will den leuten die Wahrheit sagen: Dass es keine Rolle spielt, wer dieses Land in Zukunft regiert, weil jeder neue Präsident Jahre lang damit beschäftigt sein wird, die Fehler seines Vorgängers irgendwie wieder rückgängig zu machen und es bei dieser Wahl eigentlich nur darum geht, dass überhaupt irgendjemand diesen Präsidenten ablöst.

Thorsten Mayer kocht sich einen Johanniskrauttee, will das Denken zügeln, das ihn von wichtigen Dingen abhält. Er kichert dabei albern, weil er vorher eine ordentliche Tüte geraucht hat. Er denkt darüber nach, was er eigentlich in der Küche wollte.

Liese Müller hat eine Lösung gefunden: Sie wird das Shampoo klauen und zwar so, dass man sie dabei garantiert erwischt. Vielleicht schenkt ihr Mann ihr ja mehr Aufmerksamkeit, wenn er fürchten muss, dass sie durchdreht. Die Polizie wird sie nach Hause bringen und ihrem Mann sagen, er solle mal ein bisschen auf sie aufpassen.

Im Dschungelcamp ist ganz schön was los. Der unbekannte Tierstimmenimitator imitiert ein weinendes Eichhörnchen, um sein Karriereende tragischer verkünden zu können. Der Redakteur bereitet seufzend den Beitrag vor für die Rubrik: Wer heute mal wieder seine Karriere aufgegeben hat.

Barack Obama trinkt einen Schluck Wasser. Wenn es egal ist, wer Präsident wird, kann auch er Präsident werden. Präsident sein ist gar nicht so schlecht, auch wenn man seine politischen Ziele nicht erreicht. Barack Obama denkt ganz feste ans weiße Haus und das tolle Badezimmer, das er da haben wird.

Thosten Mayer denkt verzweifelt darüber nach, was er jetzt eigentlich wollte. Aus Langeweile spült er nebenbei das Geschirr ab, das seit Ewigkeiten in der Spüle liegt.

Liese Müller hat das Shampoo geklaut. Der detektiv hat sie wie geplant erwischt und führt sie ab in sein Büro. Strahlend folgt sie ihm.

Barack Obama glaubt nicht mehr an den Wandel, aber er glaubt an seine eigene neue Zukunft. Die Motivation für den Wahlkampf ist zurückgekehrt. In zwei Minuten vom Idealisten zum Materialisten. Er ist von sich selbst begeistert.

Thorsten Mayer setzt sich resigniert vor den Fernseher, er weiß immer noch nicht, was er eigentlich wollte. Er wird es wohl nie schaffen, seine Pläne in die Tat umzusetzen. Er baut sich noch eine Tüte.

Liese Müller steht fassungslos vor dem Kaufhaus. Keine Polizei bei ihr. Der Detektiv hat sie einfach gehen lassen. Hat sie nicht ernst genommen. Meinte: „Ach das haben Sie doch sicher aus Versehen eingesteckt.“ Liese heult und geht in den nächsten Supermarkt, sie muss ja noch Shampoo kaufen.

Der Tierstimmenimitator isst Kakerlaken. Nachdem er sein Karriereende verkündet hat, ist ihm sowieso alles egal. Ist ihm auch egal, dass es jetzt doch wieder was Richtiges zu essen gibt und das Ganze nur ein Spaß von der Regie war. Merkt auf einmal, dass auch Kakerlaken ganz schön komische Geräusche machen. Wird sie imitieren. Geht wieder zur Kamera, um zu verkünden, dass er sich nur eine kurze Auszeit vom Starrummel nehmen musste und dass das jetzt sein Comeback wäre.

Barack Obama steigt von der Bühne. Applaus brandet auf.

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Ein Kommentar

  1. Heiner · Februar 5, 2008

    Mehr als nur ein Schmunzeln zierte meine Lippen beim Lesen dieses Textes – viel Spaß heute im Schlesinger, zeigt dem Wirt, worauf er bald wird verzichten müssen!

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