Der arme Unirechner

Jähzorn ist schon eine schlimme Sache, kann aber auch ganz lustig sein, wenn man selbst nicht direkt davon betroffen ist. Neulich war ein Computer von Jähzorn betroffen, ein armer Uni-Rechner, der von einem der Bedienung elektronischer Geräte Unfähigen völlig zu Unrecht beleidigt wurde: „Scheißding!“ Folgendes war passiert: Unsere Unirechner haben manchmal eine kleine Macke, d. h. es bringt nichts, sich einfach mit einem Code einzuloggen, sondern man muss den Rechner einmal richtig ausmachen und wieder hochfahren. Kennt man ja eigentlich von zu Hause, aber aus irgendeinem Grund gibt es viele Menschen, die glauben, sobal sie vor einem Unirechner sitzen, müsste der doch immer funktionieren. Absurd, bei den normalen Erfahrungen mit der Uni müsste man eigentlich eher das Gegenteil annehmen und sich darüber wundern, dass überhaupt irgend etwas funktioniert, aber manche denken wohl: Oh, die große Autorität der Alma Mater liegt über uns wie der Mantel eines großen Riesenkönigs, der für alles verantwortlich ist… Ich war gerade kurz davor, dem armen Menschen zu helfen, als er dann tatsächlich anfing auf den armen Unirechner einzuhauen: „Scheißding, nichts funktioniert hier!“ Ah, da war sie die alte Erkenntnis, dass an der Uni nichts funktioniert. Ich nahm Abstand von meinem Vorhaben, dem schäumenden Kommilitonen zu helfen, schließlich ist mein Gehäuse weniger gut gegen gezielte Fausschläge geschützt, als das eines Unirechners. Schließlich zog der Zürnende unverrichteter Dinge von dannen und fluchte vor sich hin.

Mich beschlich der Verdacht, dass es eigentlich gar nicht um den Rechner gegangen war. Angesichts einer solchen Lapallie wie eines vermeintlich nicht funktionierenden Rechners so auszuflippen, deutete eher darauf hin, dass der gute junge Mann auf alles Mögliche so zu reagieren pflegte. Ich konnte es mir regelrecht vorstellen wie der Irre in ähnlichen Situationen reagierte: „Wie der Zug kommt zu spät? Was ist denn jetzt los? So was gibt es doch gar nicht! Nichts funktioniert!“ Oder: „Wie? Das Plastikspielzeug, das ich mir vor zehn Jahren aus dem Kaugummiautomat geholt habe, ist kaputt gegangen? Das kann doch nicht sein!“ Oder: „Wie das Benzin ist teurer geworden? Hä? Was ist denn jetzt kaputt?“ Oder: „Wieso ich hab nicht im Lotto gewonnen? Aber das war fest eingeplant! Wollt ihr mich eigentlich verarschen?“ Oder: „Was soll denn das heißen, der Hauptdarsteller ist bei einem Unfall ums Leben gekommen? Dann spielen die das Stück jetzt halt ohne ihn! Ich hab Eintritt bezahlt!Passt doch auch gut zu dem traurigen Stück, da müssen die Schauspieler nicht mal so tun, als wären sie schlecht drauf…“ Oder: „Wie das Spiel kann nicht stattfinden, weil Lava über das Spielfeld läuft? Na und? Die werden doch gut bezahlt und das ist ja auch kein Mädchensport hier! Quält euch ihr Scheißmillionäre!“ Oder: „Hä? Wenn ein Fußgänger mir vors Auto springt, soll ich anhalten? Geht’s noch? Der soll halt gucken, wo er hinläuft, das dient doch nur der natürlichen Selektion! Ja, immer auf die Kleinen!“

Tja, zumindest ist das Leben solcher Leute bestimmt nicht langweilig. Muss schon hart sein, in einer Welt zu leben, in der nichts so funktioniert, wie es sollte…

Das andere Extrem, die totale Akzeptanz, kann natürlich auch schwierig sein: „Ach so, ich bin fristlos entlassen, na ja, so was kommt vor…“ „Hmm, da wird jemand ausgeraubt, ach, die können das Geld sicher gut gebrauchen, wahrscheinlich ist das gar kein Überfall, sondern ein ritualisiertes Tauschgeschäft, bei dem es dazugehört, das man dem anderen seine Waffe zeigt, um seinen sozialen Rang anzuzeigen oder so…“ „Ach so ich soll diesen Knebelvertrag unterschreiben, den ich eigentlich gar nicht brauche, weil ich schon bei zehn anderen Internetanbietern bin, ja klar, einer mehr kann auch nicht schaden, falls der andere Anbieter mal nicht kann oder so…“ „Ach so, du hast mich betrogen und warst mit jemand anderem im Bett…und wars schön?“

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