Ich schaue aus dem Fenster und sehe eine alte Frau mit einem Luftballon an der Ampel stehen und sehe sie einer anderen Frau gestikulierend etwas erzählen. Sie hat die Schnur des Luftballons in der Hand und er wippt zu jeder ihrer Handbewegungen bekräftigend durch den Herbstwind. Ein lustiges Bild, könnte man meinen, die alte Frau, die auf Stereotypen von wegen Würde des Alters scheißt und sagt, nö, draußen schlechtes Wetter und in den Herzen der Menschen grauer Beton, ich lauf jetzt mit nem Luftballon durch die Gegend! Da sollen die sich mal was dazu einfallen lassen! Genau das versuche ich. Was erzählt eine alte Frau mit einem Luftballon? Bei einem Kind könnte ich mir das noch leichter vorstellen: „Guck mal Mama, mein Luftballon! Ist’n ganz toller Ballon, kann nämmich fliegen und ist besser als alle anderen, weil er nämmich nie aufhört mit Fliegen, ist Zauberluft drin und bleibt auch immer genau bei mir, auch wenn ich ihn loslass: Guck! …Mama! Mein Ballon! Mein Ballohohon!“ Aber was sagt die alte Frau? „Ach ja, schau dir diesen Ballon an, Ballons sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Früher waren das einfach noch Ballons und jetzt sieht das Ding aus wie ein kleiner Zeppelin mit so nem Werbelogo drauf. Außerdem, was soll ich alte Frau mit so nem Scheißballon? Das sieht doch kindisch aus, aber sie haben ihn mir geschenkt und so was kann man ja nicht ablehnen.“ Leider stellt sich bald heraus, dass die alte Frau, die mit dem Ballon ja noch ein recht erheiterndes Bild abgab nur die Vorhut einer Horde von Passanten war, die jetzt alle mit Ballons und ausdruckslosen Gesichtern aus dem neuen Einkaufszentrum nebenan trotten. Alle gehen sie mit stierem Blick ein paar Tüten und diesen albernen Luftballons die Straße runter. Die Ballons werden wohl heute zur feierlichen Eröffnung als Werbegeschenk verteilt. Da hat das Einkaufszentrum mal für einen interessanten Selbstkommentar gesorgt: Unsere Kunden sind unglückliche Konsumenten, aber wir schaffen es, auch noch daraus ein albernes Bild zu kreieren, das nicht nur schlecht, sondern auch noch bemitleidenswert aussieht. Oder: Wir sorgen schon dafür, dass man Sie nicht allzu ernst nimmt. Schade, wie dass erheiternde Bild von der alten Frau mit dem Luftballon durch diese Massen an Ballons und Menschen zunichte gemacht wird. Ich muss mir irgend was einfallen lassen, um dem Ganzen entgegen zu wirken. Vielleicht hänge ich ein Schild aus meinem Fenster: „Ist Ihnen eigentlcih klar, dass Sie ganz schön albern aussehen mit Ihrem Luftballon und es deshalb gar keinen Sinn macht, ein Gesicht zu machen wie zwei Jahre atomarer Winter?“ oder ich häng am besten einfach einen Spiegel draußen auf, vielleicht kommt dann ja jemand auf die Idee über sich selber zu lachen…

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