„Ich glaube da ist jemand aufgewacht: Ich.“ so der Morgengruß des Sohnes. Schön, wenn man mit so viel Scharfsinn geweckt wird. Im Anschluss hektisches Frühstück, weil der Papa noch Seminar geben musste. Ich verabschiedete mich noch ordentlich von der Familie und dann ging ich in mein Zimmer.

Wer führt eigentlich eine Statistik über die Gehirnzellen, die bei Online-Meetings absterben? Ich fühle mich danach immer dümmer als vorher und die meiste Zeit bin ich damit beschäftigt, zu verstehen, was die Leute sagen. Außerdem ist es sehr kompliziert, jemand dran zu nehmen. In einem echten Seminarraum sieht man ja, wen man jetzt mal zwingen kann, eine Antwort zu geben. Online wird das schwierig.

Ich versuchte später nach einem chaotischen Mittagessen meine Laune zu bessern. Mit Gesangsunterricht. Die erste halbe Stunde waren wir damit beschäftigt, einen Komunikationsweg zu finden. Erst über Skype, dann weiter zu Zoom, zurück zu Skype ohne Ton mit Unterstützung durch das gute alte Telefon. Zum Glück machten wir Atemübungen. So wurde ich doch noch etwas geerdet.

Geerdet genug, um einkaufen zu fahren. Der Familiengroßeinkauf war diesmal meine Sache. Oder, wie meine Frau es so nett formulierte: „Damit du auch mal rauskommst.“ Auf dem Parkplatz beim Supermarkt fiel mir ein, was ich vergessen hatte: Die Maske. So musste dann ein Stilltuch herhalten, das ich cowboymäßig umgeknotet hatte. Der letzte Rest von Würde war dahin.

Zu Hause begrüßte mich der Sohn mit einer neuen Wohnungseinteilung. Das Schlafzimmer ist jetzt der „Kauf-Stand“ und das Kinderzimmer der „Restaurant-Stand“. Da bekommt man Sehnsucht nach einem Street-Food-Festival.

Beim Essen setzte der Sohn seine neu erworbene Fähigkeit des Anweisungen-Gebens fort: „Ja, gut. Trinken nehmen. Gut. Deckel drauf. Ja. Mir geben.“ Er trank mehrere Becher Saftschorle, nur um das immer wieder machen zu können. Und als wir keine Lust mehr hatten, sagte er mit Hundeblick: „Aber, wenn ich keinen Saft mehr bekomme, werde ich doch traurig.“

Zumindest seine Schwester hat er inzwischen auch als vollgültiges Familienmitglied akzeptiert. Sie ist inzwischen die einzige, die noch einen Gute-Nach-Kuss von ihm bekommt. Beim Spaziergang sagte er über seine Schwester: „Sie ist mein bester Freund.“

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