Hahn tropft

Ich komme nach Hause. Ich gehe ins Badezimmer, um nachzuschauen, ob mein Gesicht noch im Spiegel zu sehen ist. Der Boden ist nass. Es tropft. Ich fange an, ein bisschen zu zittern. Es tropft. Ich rede mir ein, dass das Tropfen gleich wieder aufhören wird. Es tropft. Ich schaue nach, wo das unheilvolle Tropfen herkommt. Es tropft. Unten aus dem Rohr am Waschbecken.

Na ja, sage ich mir, dann tropft es halt ein bisschen, stellt man halt einen Eimer drunter. Da steht schon ein Eimer. Es tropft. Es tropft auch aus dem Eimer, denn er ist schon übergelaufen. Die alte Eimer-Nummer kann man also vergessen. Es tropft. Kein Problem, drehe ich halt das Eckventil zu, weiß doch, wie das geht, als ehemaliger Zivi-Hausmeister. Es tropft. Das Eckventil ist alt und verkalkt und eher eine Ventilatrappe, das kriegt kein Mensch mehr zu. Es tropft.

Meine Mitbewohner sind genauso ratlos wie ich. Es tropft. Es ist Wochenende. Wir müssen wohl den Notdienst holen. Es tropft. Unser Vermieter bestreitet am Telefon die Existenz von Notdiensten, die wir jetzt holen könnten. „Da kommt doch niemand am Wochenende!“. Es tropft. Klar, warum soll ein Notdienst auch kommen, wenn es einen Notfall gibt. Es tropft. Ich schraube am Waschbecken herum, ich bin ein Mann, irgendwie krieg ich das mit Kraft schon hin. Es tropft nicht mehr. Es spritzt.

Wir gehen in den Keller und drehen den Haupthahn zu. Zum Glück war der nur halb verkalkt. Es tropft, aber nur aus dem Haupthahn, der ist ja schon im Keller, kann er ruhig ein bisschen tropfen in die Brühe, die da vom letzten Regen noch rumschwimmt. Unser Vermieter ist ein sparsamer Mensch.

Am nächsten Tag kommt er tatsächlich vorbei, am Sonntag. Er holt einen Freund. Der Freund schraubt am Waschbecken herum, er ist ein Mann, mit ein bisschen Kraft kriegt er es tatsächlich hin. Er hat das Eckventil halb abgebrochen mit der Rohrzange, aber es ist zu. Wir können das Wasser wieder andrehen. Nächste Woche soll dann der Klempner kommen.

Ich stehe am nächsten Morgen auf. Es tropft. War wohl doch nicht so kräftig der Freund. Hat das Eckventil wohl nur halb zugedreht, oder es ist einfach am Arsch. Es tropft. Jetzt brauchen wir wirklich einen Klempner. Es tropft. Es ist kurz vor Weihnachten. Ob da wohl noch ein Klempner kommt? Es tropft.

Mein Mitbewohner hat den Vermieter angerufen. Ein Klempner soll kommen. Es tropft. Am nächsten Tag kommt tatsächlich ein Klempner. Er stinkt ein bisschen nach Alkohol, aber er kriegts hin. Es tropft nicht mehr, wir haben wieder Wasser, die Welt ist schön und bald ist Weihnachten!

Am nächsten Morgen gehe ich unter die Dusche. Der Duschschlauch platzt. Das muss ein Bild für die Götter sein, wie ich da halb eingeseift unter dem letzten Rest des Duschschlauchs knie und versuche, mich abzuduschen. Jetzt ist auch schon alles scheißegal. Ich hole den Duschschlauch, den wir noch in Reserve habe, tausche ihn aus und warte auf neue Abenteuer. Es passiert natürlich nichts mehr.

1 Kommentar zu „Hahn tropft“

  1. Nun haben wir 2 neue Wässerhähne und einen funktionierenden Duschschlauch, im Prinzip müsste der Vermieter darum nur ein neues Haus bauen und alles wäre gut :)

    In diesem Sinne, frohe Weihnachten.

    Und bevor ich es vergesse, mein Kühlschrankfach ist zur Plünderung freigegeben, naja, zumindest das, was noch über ist ;)

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