Gestern hetzte ich gerade den immer wieder verblüffend langen Weg von mir zu Hause zum Bahnhof, um nach Stuttgart zur Premiere unserer Lesebühne „7 PS – Eurythmie und Marschmusik“ im Schlesinger  zu fahren, als ein alter vollbärtiger Mann sich mit hilfesuchendem Blick an mich wandte. „Entschuldigen Sie“, sagte er, um dann ganz selbstverständlich fortzufahren: „Es geht mir um eine Ofenrohr.“

Dieser recht merkwürdige Satz riss mich jäh, wenn auch nur für zwei Millisekunden, aus meinen um verpasste Züge und beginnende Schriftstellerkarrieren kreisenden Gedanken. Welch simple und dirkete Formulierung, wobei dieser Satz doch einigen Spielraum für Spekulationen offen ließ: „Es geht mir um ein Ofenrohr.“ hieß das: „Hätten Sie mir mal ein Ofenrohr?“ oder: „Manche reden über Gott, andere über den Weltfrieden, ich finde, wir sollten uns mal über Ofenrohre unterhalten.“?

Doch schon der nächste Satz brachte Licht ins Dunkel der Sprache, wenn auch nur ein spärliches Flämmchen: „Sehen Sie, etwa fünf Minuten von hier liegt ein Ofenrohr und vielleicht könnten Sie mir helfen…also, wenn ich später wiederkomme, ist es vielleicht nicht mehr da…“ Das war also das Anliegen meines wunderlichen Gegenübers, er wollte, dass ich ihm beim Abtransport eines Ofenrohrs behilflich war. Wozu brauchte der Mann ein Ofenrohr? Wollte er damit das alte löchrige Rohr in seiner Dachkammer ersetzen, das seine ganze Klause samt seiner Lunge mit einer dichten rußigen Schicht überzog und ihn schlimmer husten ließ als einen alten Zechenkumpel? Oder wollte er das Rohr ganz profan beim nächsten Altmetallhändler in schnöden Mammon verwandeln?

Meine eigenen Pläne rissen mich aus diesen Überlegungen und ich war froh, der Verpflichtung, den Armen und Alten zu helfen, durch meine Entschuldigung entgehen zu können: „Es tut mir sehr leid, aber ich muss auf meinen Zug!“ So stapfte ich zügig weiter und tröstete mich mit der Vorstellung, dass die harmlos anmutende Anfrage des Alten auch ein Hinterhalt hätte sein können. Womöglich hatte der Kauz nur vor, mir mit dem omonösen Ofenrohr eins überzuziehen, um mich dann auszurauben oder auf dem nächsten Sklavenmarkt zu verscheuern.

Ich erreichte meinen Zug und fuhr neuen Abenteuern entgegen, auch wenn mir der Gedanke keine Ruhe ließ, dass sich abseits des geraden Weges, den ich zielstrebig verfolgte, im Unterholz der Städte Geschichten abspielten, die mir mehr Stoff geliefert hätten als dieser kleine Zwischenfall.

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One response to “Der alte Mann und das Ofenrohr”

  1. “Es tut mir sehr leid, aber ich muss auf meinen Zug!”

    Bist du dann wirklich auf den Zug gestiegen oder vielleicht doch in den Zug hinein?

    Wenn übrigens tatsächlich alle Menschen in den Straßen wohnen würden, wie sie immer behaupten, wäre die Kanalisation ziemlich überbevölkert.

    Außerdem will ich unbedingt auf deine Blogroll. In meiner bist du schon.

    Man sieht sich in Heidelberg, auf der Mannheimer Bühne!

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