Das Wetter wechselt. Ich wechsle die Jacke. Das Wetter wechselt. Und zwar in einem Moment. Es ist gleichzeitig kalt und warm. Die Sonne scheint, der Wind weht arktisch. Das Wetter wechselt und ich wechsle die Aussicht. Zeit, neue Perspektiven einzunehmen. Zum Beispiel die des Baumes vor dem Fenster, der dich sieht, wie du schon wieder am Computer sitzt und denkt: Was muss der für Wurzeln haben!

Das Wetter wechselt und ich wechsle die Perspektive. Ich sehe mich mit den Augen meiner Mitmenschen und sehe: Wenig. So viel sieht man gar nicht von dem, was da in mir abgeht. Kein Mensch ahnt, welch Fantasien ich habe, wenn ich im Supermarkt an der Kasse stehe und Müsli kaufe.

Das Wetter wechselt. Es wechselt deine Währung. Dein Gemüt hat einen neuen Kurs, nur weil die Wolken heute anders ziehen. Wolken, Sonne, Hagel, egal. Du hast für jedes Wetter die falsche Jacke. Ist auch ein bisschen viel verlangt von einem Kleidungsstück, dein Leben perfekt zu machen.

Das Wetter wechselt. Ich bleibe unbeständig. Und die Welt bleibt es auch.

Viele mögen irritiert sein, ob eines solchen Ausrufes, aber ich stehe dazu: Der Herbst ist meine liebste Jahreszeit. Es bereitet mir ein unbändiges Vergnügen zu sehen, wie das Alte stirbt, um dem Neuen Platz zu machen. Blatt für Blatt verabschiedet sich der Sommer und endlich ist auch wieder Zeit für Kultur.
Sicher hat der Herbst schon etwas länger angefangen, aber durch den nie enden wollenden Sommer dieses Jahres kamen schon erste Zweifel auf am Erscheinen der nächsten Jahreszeit.
Endliche wieder einen Grund haben, um Tee zu trinken, endlich wieder lesen, endlich wieder Serien gucken, endlich wieder Rilke-Zitate, endlich wieder ein Wetter erleben, das diesen Namen auch verdient. Der Sommer ist die Zeit des sinnlosen Schwelgens, des Gärens im eigenen Saft, der Herbst wirft den Menschen auf sich selbst zurück und zeigt ihm sein Spiegelbild.
Nun kann ich nicht immer behaupten, dass mein Spiegelbild mir gefällt, aber ich mag es, der Wahrheit ins Auge zu sehen. Der Herbst zeigt einem seinen Platz in der Welt und außerdem besuchen die Menschen endlich wieder Konzerte und Theater.
Der Sommer ist der Sonnyboy, den alle lieb haben. Der Herbst ist der gebrochene Held mit ganzem Charakter. Eine Zeit wie der Whisky, den man nun wieder trinken kann.

– Schönes Wetter heute, oder?

– Ja, stimmt, es scheint sogar die Sonne!

– Wow, schönes Wetter und Sonne! Ich werd verrückt!

– Wenn es jetzt auch noch warm wird, dreh ich durch!

– Du, ich glaub, es ist schon warm!

– Verrückt!

– Ja, aber früher war das glaub ich nicht so.

– Nein früher war alles anders.

– Genau, das kommt alles von der Klimaerwärmung.

– Genau, die Amis sind schuld!

– Ja, die Amis, blasen diese Abgase in die Luft und dann machen sie auch noch Krieg!

– Ja, und diese neue komische Musik, die die Kinder heutztage hören, kommt doch auch von denen!

– Ja, früher hätte man keine Musik gehört und schon gar nicht die Kinder, die wären da ja im Krieg gewesen!

– Richtig, und es hätte geregnet. Diese Sonne ist ja schlecht für die Gesundheit.

– Früher hat man sich noch abgehärtet! Mit Regen!

– Ja, Scheißwetter!

– Genau!