Letzte Nacht hatte ich einen Traum: Ich soll irgendwo auftreten. In einem riesenhaften Gebäude. Es ist eine Art Poetry Slam. Ich bin als letzter dran. Vor dem Auftritt irre ich durch labyrinthische Gänge, höre aber aus Lautsprechern immer, was vor sich geht. Ich bin gleich dran. Ich suche meinen Text. Finde ihn nicht. Na gut, ich kann ja auch freestylen, ist ja meine geheime Spezialität. Hoffentlich wird das so angsagt. Der Moderator sagt: „Er ist vor allem auch für seine genialen Freestyles bekannt“ – Ein Hoffnungsschimmer. Das Publikum ist vorbereitet.

Ich trete ins Freie. Jetzt sehe ich, dass ich in einem Stadion bin. Ich versuche die Bühne zu betreten, verheddere mich aber in einem Absperrband, wie man es bei Kriminalfällen verwendet. Ich stolpere auf die Bühne, die aber keine Bühne ist, sondern eine Mischung aus Hüpfburg und Wasserbett. Ich versuche, irgendwie auf die Beine zu kommen, greife nach dem Mikroständer, taumele – und wache auf.

So fühlt sich das an, wenn alle Auftritte auf einmal wegbrechen. Heute Abend dann noch die Nachricht über die Verordnung, die das öffentliche Leben einschränkt. Enddatum: 15. Juni. Es tröstet mich etwas, dass mir mehrere Leute sagen, solche Verordnungen bräuchten irgendein Enddatum. Es könnte auch früher wieder losgehen. Dabei wird hier nur andeutungsweise ausgesprochen, was wir Bühnenkünstler*Innen schon ahnen: Bis zur Sommerpause geht nichts mehr.

Seit ich mit Slam angefangen habe vor 16 Jahren, hatte ich niemals so eine lange Auftrittspause. Ich weiß nicht, was passieren wird. Immerhin habe ich zwei kleine Kinder. Außerdem muss ich mich nicht fragen, was ich die nächsten Monate tun werde. Ich beneide meine kinderlosen Kollegen nicht.

Jetzt beneide ich sie doch. Meine kleine Tochter schreit wie am Spieß. Könnte sein, dass sie Zähne bekommt. Oder sie merkt einfach, dass etwas Unheimliches im Gange ist.

Immerhin waren wir spazieren. Das darf man ja noch. Das Verrückte ist, dass es alles gerade erst anfängt. Vielleicht ist zu Hause rumhängen ja auch total geil! Ich war schon immer viel zu Hause. Macht mir nichts aus. Aber bisher war ich es freiwillig. Keine Kanzlerin hat verkündet, dass Spielplätze jetzt von Ordnungskräften kontrolliert werden. Und es hat selten jemand Zähne bekommen.

Nachher noch „Gegen den Tag“ von Pynchon lesen. Ich verstehe kaum etwas. Eine Art Aushilfselektriker kämpft sich durch eine Westernszenerie. Es geht auch um Dynamit und Agenten und Nicola Tesla. Völlig harmlos im Vergleich zur Realität.

Zum Glück habe ich Philosophie studiert. Eines der wenigen Fächer, das einen zwar nicht auf einen Job, aber genau auf solche Situationen bestens vorbereitet. Nun erleben wir das Erhabene. Wir sehen, wie wenig wir in der Hand haben. Und das ist auch gut so. Der Mensch erkennt sich erst im Spiegel des Chaos. Ich werde müde. Mein Heuschnupfenmittel beginnt zu wirken.

Die Kleine schreit nicht mehr.

Ich schreibe das hier kurz vor dem Weg ins Bett. Zwischen den Zeilen meiner raren Stunden. Die Zeit verrinnt wie Sand und ich ringe ihr ein paar Körner ab, um sie der Welt ins Auge zu streuen, oder zumindest dem Bildschirm.
Und ich wünsche gute Träume. Gute Träume sind wichtig, sie könnten in Erfüllung gehen. Und wenn nicht, hat man wenigstens gut geschlafen. Die meisten meiner Träume waren immer so: Hä? Warum druckt der Fahrkartenautomat, der seltsamerweise auf den Gleisen steht, mein Ticket nur leer aus? Immer wieder? Ich müsste doch längst den Zug nehmen, in dem ich vorher schon war. Und warum taucht jetzt ein riesiger Hahn auf?
Ich wünsche Träume, in denen alles klappt. In denen man endlich den Sex hat, den man immer wollte und er keine Enttäuschung ist. Träume, in denen man geliebte Menschen trifft, die nicht ihre Gesichter wechseln, sondern treu mit einem durch das Schlaraffenland laufen.
Träume, in denen man zu Musical-Musik durch rosa Wolken fliegt.
Träume, in denen man auch einfach mal so einen Kaffee trinken kann, ohne dass irgendetwas besonderes passiert.
Träume, in denen man sich in eine Praline verwandelt, die man selber mit Genuss essen darf.
Träume, in denen gar nichts passiert, sondern einen nur ein endloses Glücksgefühl durchwabert.
Träume, die besser als die Realität sind und dann einfach weiter gehen.
Oder Träume, die einen erkennen lassen, dass die Welt, in der man aufwachen wird, schon immer die beste war und man das nur noch nie so gesehen hat.
Mit diesem Gefühl kann man doch schlafen gehen. Gute Nacht. Oder Guten Morgen.