Verrückter Morgen. Der Sohn will nur eine Milch trinken, was ich ja gut finde und ist dann erstmal aktiv. Bis ziemlich genau nach unserem Frühstück. Es ist aber auch unterhaltsam ihm zuzuhören, wenn er mit zwei Metallklammern in der Hand zwei Hexen spielt, die sich gegenseitig anschreien.

Anschreien hat er auch seiner kleinen Schwester beigebracht. Er ist der Überzeugung, es wäre das Größte für sie, wenn er sehr laut „Kikeriki!“ ruft. Er könnte recht haben. Zumindest lacht die Kleine sich immer kaputt, während uns das Trommelfell platzt. Die Kleine macht sowieso sehr gerne Geräusche. Sie quietscht immer lauter und hat auch so eine Art Geheul entwickelt, das kein echtes Weinen ist, aber trotzdem schlechte Laune ausdrücken soll. Seit sie mir bei meinen Gesangsübungen zugehört hat, ist es noch schlimmer geworden. Ich sehe sie schon als Sängerin einer Death-Metal-Band.

Nachmittags dann ein lustiges Spiel. Mein Sohn und ich schieben Karten unter der Tischstütze durch. Ich habe mir das Spiel nicht ausgedacht. Es ist sehr wichtig, dass jede Karte einzeln unter der Tischstütze durchgeschoben wird, bis man den Vorgang von der anderen Seite wiederholen kann. Mein Sohn kommentiert es mit Gemurmel wie: „Ja, das gehört dahin, das ist der Schalter, hier muss der Bauer hin…“ Ich frage ihn also: „Und was machen wir hier genau?“ und erwarte eine Antwort wie: „Wir tauschen Bodenproben auf der internationalen Raumstation aus.“ Mein Sohn sagt: „Wir schieben Karten da durch.“

Abends gibt es Pfannkuchen. Damit kann man doch allen immer eine Freude machen. Mein Sohn findet die Pfannkuchen auch super. Wenn man Zimt und Zucker drauf macht, kann man den super wieder davon ablecken. Ein Tag voller Entdeckungen also.

Und ich bin endlich mal wieder aufgetreten. Bei der Reimpatrouille Corona. Schön war’s. Kann man sich immer noch anschauen.

Heute hatte ich mal ein bisschen frei. So eine gute Stunde. Ein bisschen Zeit, um mal so etwas Verrücktes zu machen wie einfach nur Musik zu hören. Bin bei Ella Fitzgerald hängen geblieben. Gerade brauche ich wohl so was ganz solides und zeitloses.

In den Medien ist die Rede von der „Ruhe vor dem Sturm“. Hier fühlt es sich eher so an, als würden zwei kleine Tornados in regelmäßigen Abständen in der Wohnung vorbei schauen. Immerhin habe ich es mal geschafft, die Gitarre auszupacken und die Punk-Version von der „Vogelhochzeit“ darzubieten. Das kleine Hauskonzert ging eine Ewigkeit. Also zehn Minuten. Aber die waren echt schön.

Wir haben noch einen kleinen Ausflug gemacht. Auch andere Menschen kommen auf kreative Ideen in diesen seltsamen Zeiten. Bei uns in der Nähe ist so eine Art Hall of Fame, also so eine Wand auf der man sprayen darf. Normalerweise stehen da so coole Jungs und sprühen ihre Tags zu Rap-Mucke an die Wand. Heute stand da ein Vater, der vom Look her eher nach CDU aussah und ließ seine Kinder im Alter von so ungefähr sechs Jahren die Wand besprühen. Vielleicht wird diese Welt ja durch das Ganze doch ein besserer Ort.

Heute Abend nach dem Essen hat mein Sohn dann noch durchgesetzt, dass er in der Tiefgarage Dreirad fahren darf. So wie er vorher auch schon einen Keks ergaunert hat. Er sagt dann so Sachen wie: „Lieber Papa, liebe Mama, könnte ich bitte bitte noch einen Keks haben, ja?“ Und guckt dabei wie ein Eichhörnchen, das einen mit seiner Anmut hypnotisiert. So kommt man überallhin, oder zumindest in die Tiefgarage. Ich hab ihm gefühlte hundert Mal das Dreirad die Einfahrt hochgetragen. Seinem Gesichtsausdruck nach muss es sich angefühlt haben wie Achterbahn fahren.

In „Gegen den Tag“ von Thomas Pynchon geht es gerade um Sadomaso-Sex auf einer Pferderanch. Ich lass das mal so stehen.

Heute habe ich es gewagt: Ich bin einkaufen gegangen. So viele Leute werden hoffentlich nicht unterwegs sein, dachte ich mir. Tatsächlich war einfach gar niemand unterwegs. Kein Wunder, bei dem Wetter. Da hätte man schon extrem husten müssen, um jemand anzustecken.

Bisher hielt ich die Fotos von leeren Regalen ja für einen Witz, aber es war tatsächlich kein Mehl mehr da. Da haben wohl noch mehr Leute gedacht: Wisst ihr was? Wir backen einfach die ganze Zeit! Oder wir machen selber Nudeln! Dann sind wir autark im deutschen Nudelmarkt, haha! Vollkornnudeln gab es noch.

Meine Frau war auch shoppen, und zwar Sand. Und einen Sandkasten. Nachdem wir jetzt schon ein Heimklettergerüst von Bekannten ausgeliehen haben, existiert jetzt ein Mini-Spielplatz in unserer Wohnung. Vielleicht sollte ich mir noch so eine Art Kneipe bauen.

Ansonsten kann ich sagen: Ich weiß wie es sich anfühlt, wenn man die gleichen vier Puzzle mit 24 Teilen zu den Themen Bauernhof und Feuerwehr hundert mal hintereinander macht. Da sehnt man sich echt nach Abwechslung – zum Beispiel dem 35-Teile-Puzzle zum Thema Reitausflug.

Bester Moment des Tages: Jetzt. Mit ganz viel Schokolade.

Heute morgen war ich zum ersten Mal wieder etwas entspannter. Viel krasser können die Nachrichten jetzt nicht mehr werden. In „Die Liebeshandlung“ von Jeffrey Eugenides sind gerade zwei College-Absolventen in Paris angekommen. Auf dem Flug kämpft einer von beiden mit den Folgen einer Impfung. Sie ziehen bei der Geliebten des einen ein und diskutieren Gender Studies.

Das Buch wirkt jetzt wie ein Relikt aus einer fernen Zeit. Und dabei sind wir noch am Anfang dieser Geschichte. Ich versuche, den Tag sinnvoll zu nutzen und neben Kinderbetreuuung zu lesen, zu schreiben, neue Projekte auszuhecken. Meine News-Sucht hält mich immer wieder davon ab. Ich checke noch häufiger die Nachrichten, als ich es ohnehin schon tue. Es passiert ja auch ständig was. Ein Fest für Menschen, die Nachrichten lieben.

Schönster Moment des Tages: Ich singe meiner kleinen Tochter „Amazing Grace“ vor. Gospels passen doch gerade gut. Danach schauen wir uns den Harlem Gospel Choir auf Youtube an und Aretha Franklin Ich weine ein bisschen vor Ergriffenheit. So eine Krise bringt einen endlich mal wieder so richtig in Kontakt mit den eigenen Gefühlen

Singen wird sicher helfen in den nächsten Tagen. Ansonsten werde ich mir mit meinem Sohn das ein oder andere Märchen ausdenken. Wie das vom Pandabären, der der Schildkröte hilft, Salat anzupflanzen. Oder vom Fuchs, der das Eichhörnchen sucht und auf dem Weg den Dachs, den Frosch und die Schnecke trifft. So viele Tiere – so viele Möglichkeiten.