Das ist der Rat, den ich jeder Person gebe, die mich fragt, wie man auf Ideen kommt. Nach all den Jahren kreativer Arbeit glaube ich gar nicht mehr, dass jemand Ideen hat.

Ich glaube, Ideen gewinnt man eher in einem unendlichen Auswahlprozess. Es kommt eher darauf an, so viel Material wie möglich anzuhäufen. Einen Berg von Notizen zu haben, aus dem man ein paar Zeilen ziehen kann.

Das sind dann vielleicht die sogenannten “Ideen“. Es gibt aber noch einen ganz anderen Grund, warum ich täglich schreibe: Es geschehen magische Dinge.

Keine Angst, ich drehe nicht durch, aber immer, wenn ich mich daran halte, täglich etwas zu schreiben, erledigt sich der Rest des Alltags viel leichter.

Ich kriege mehr auf die Reihe, obwohl ich mir für das Schreiben extra Zeit nehme. Und dabei spielt die Qualität der Texte keine Rolle. Manchmal scheint es mir sogar besser zu sein, einfach so ins Blaue zu schreiben.

Der gute Text, mit dem man dann mehr anfangen kann, erreicht seine Qualität durch Überarbeitung.

Täglich zu schreiben erzeugt einen Flow, der einen viel leichter noch mehr schreiben lässt. Wozu auch dieser Text hier für mich selber beiträgt.

Heute habe ich ein PDF erstellt. Dabei fragte ich mich: „Erstellt“? Gut, ein PDF „machen“ wäre wohl zu naiv gewesen. Also habe ich es „erstellt“. „Hergestellt“ habe ich es auch nicht, das macht ja der Computer, oder ein Programm, oder …?
Wir erstellen immer mehr Dinge: Tabellen, Konzepte, Doodles. Das Wort scheint sich eher auf Abstraktes, Ungreifbares zu beziehen. Ich stelle eine Datei nicht hin, ich stelle sie nicht ab, ich stelle sie nicht aus, ich stelle sie höchstens irgendwo ein.
„Erstellen“ – nur einen Buchstaben entfernt vom „Verstellen“, „Herstellen“, nur „Zerstellen“ gibt es noch nicht. Oft ist mit „erstellen“ eine Art Umwandlungsprozess, oder Ordnungsvorgang gemeint.
Daten werden in etwas eingefügt, das „erstellt“ wird. Wie viel schöner wäre es, wenn man sagen könnte: „Ich habe ein PDF gebaut.“ oder: „Ich habe eine Tabelle gezimmert.“ oder: „Ich habe ein Doodle gedrechselt.“ Das weist darauf hin, dass wir uns weiter vom Handwerk entfernen und immer mehr nur noch im Virtuellen tun. Bald werden wir vielleicht nichts mehr „erstellen“, sondern nur noch „ersetzen“.
Dann sagt man nur noch: „Heute habe ich einen Film ersetzt.“
Vielleicht sollte ich es nicht so pessimistisch sehen. Ich plädiere dafür, inflationär Gebrauch von alten Worten des Handwerks zu machen:
„Heute habe ich eine Notiz gehämmert.“ „Morgen hobele ich eine Akte.“ „Gestern habe ich einen Post gepflanzt.“ Das könnte unsere moderne Sprache doch bereichern. Zumindest habe ich jetzt mal wieder einen Beitrag gestrickt.

Ich lese in letzter Zeit ein bisschen Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ und bin immerhin schon im dritten Band dieses Jahrhundertroman-Mammutwerks angekommen. Warum tu ich mir das an? Einen Roman lesen, der die Memoiren eines Typen wiedergibt, der sein Leben lang nur von einem Salon in den anderen zog, am Strand spazierte und seine Beziehungen verkomplizierte? Es ist die Sprache. Diese langen Sätze, die jeder einzeln eine philosophische Abhandlung sein könnten. Ich denke, ich sollte auch mal ausprobieren, so zu schreiben:

Ich saß vor meinem Schreibtisch, jenem alten Relikt aus Kindertagen, als mein Blick auf die neu erstandene Uhr fiel, die ich mich gekauft hatte, um nicht mehr ständig auf mein Mobiltelefon zu schauen und dachte: Die Zeit, sie geht dahin, steht still, mal lang, mal kurz und rinnt aus den Seiten meines Kalenders wie der Sirup der Ewigkeit, von dem wir Menschen nur Tropfen kosten dürfen, bis auch wir zum Tropfen werden, der im Ozean des Universums aufgeht.
Daneben ein paar Knopfzellen, Batterien, die Münzen gleichen und stets nur im falschen Format vorhanden sind, wie unsere Lebensenergie, das Temperament, das gerade dann ruht, wenn es toben sollte und wütet, wenn Ruhe angebracht.
So schien auch mein Kopf mir ein Akku zu sein, dessen Ladung die Zeit aufbrauchte, um sie im nächsten Moment unverhofft wieder mit Strom zu füllen, wie ein Tintenfass, in das ich die Feder tauchen konnte, mit der ich meine Biografie fortschrieb, um sie sogleich Wirklichkeit werden zu lassen.
Und in jenem Moment wurde ich wieder der Zeiger der Uhr gewahr, des Sekundenzeigers, der vorwärts sprang und Unaufhaltsamkeit rief, während ich mit den Zeilen hier dem Ewigen ein Scherflein abgerungen hatte, das nun frei von mir als Flaschenpost des Geistes durch die Virtualität schwamm wie ein Walfisch, der gerade erst geboren war.

Eine der schönsten Theorien, die ich kenne, ist die des Sprachspiels, von Ludwig Wittgenstein. Inzwischen ist das natürlich aus Sicht der Sprachwissenschaft ein alter Hut, ich finde es aber immer noch treffend.
„Sprachspiel“ bedeutet ungefähr: Wenn zwei Menschen sich unterhalten, etablieren sie eine Art Spiel. Sie legen sozusagen im Gespräch fest, welches Wort welche Bedeutung für sie hat.
Wir könnten also ausmachen, dass „Blumentopf“ für uns eigentlich „Kaffee“ heißt und problemlos darüber sprechen, wie gut unser Blumentopf gerade war, dass wir jetzt eine neue Sorte Blumentopf ausprobieren, die noch kräftiger schmeckt und so. Der Kaffee verändert sich für uns nicht, nur weil wir ein anderes Wort dafür verwenden. Gut, man könnte einwenden, dass wir durch die Assoziation mit Blumentopf manchmal beim Trinken an Blumenerde denken müssen, aber das müssen die Psychologen klären.
In normalen Gesprächen ist es natürlich etwas schwieriger. Wir spielen zwar ein Sprachspiel, aber ohne vorher über die Regeln gesprochen zu haben. Wir nehmen zum Beispiel wahr, was „Spaß haben“ für uns beide bedeutet. „Spaß haben“ könnte ja auch wieder alles sein: Drogen nehmen, Sex haben, Canasta spielen, einen Film sehen, Witze erzählen. Mit guten Freunden weiß man sofort, was so etwas bedeutet. Wenn ich in entsprechender Runde sage: „Jetzt geht die Party los“ und dazu zwinkere, wissen alle, jetzt ist es Zeit die Monster-Karten auszupacken.
So etwas kann auch im öffentlichen Diskurs eine Rolle spielen. „Religion“ hat zum Beispiel für verschiedene Leute ganz verschiedene Bedeutungen. Während die einen darin eher so eine Art schräges Hobby sehen und entsprechend darüber reden, ist es für die anderen integraler Bestandteil ihre Lebens. Es ist kein Wunder, dass die zwei Leute aus diesen verschiedenen Lagern Stress bekommen, wenn sie über Religion reden. Sie müssten erst einmal klären, was das Wort eigentlich für den anderen bedeutet. „Also für mich ist alles: Das Leben, der Tod, …“ „Ach so, ich dachte immer, das wäre mehr wie Minigolf, deshalb habe ich die ganze Aufregung nie verstanden.“
Okay, ganz so einfach ist es nicht. Was bringt einem die Theorie des Sprachspiels? Ich kann mir bewusst machen, dass ich niemals wissen kann, ob ein Gesprächspartner ein Wort auf die gleiche Weise verwendet wie ich. Wenn also demnächst jemand vorbeikommt und sagt: „Einen Blumentopf bitte.“ könnte man ja nachfragen, ob damit nicht doch ein Kaffee gemeint war.

Der Shitstorm tobt, die Welle rollt,
fast schon egal, wer welchem grollt.
Du loggst dich ein und ziehst’s dir rein,
dann denkst du: Ach, ich armes Schwein,
die andern liked man, hier nur Hater
nur weg hier, zwei Sekunden später,
schaust du noch mal, ein Hoffnungsschimmer
und dann ist es noch viel schlimmer.
Da bleibt nur eins: Realität,
das Internet ist auf Diät.
Und du kommst runter in den Garten,
wo ungelikte Pilze warten,
die in den untern Erdgefilden
ihr eignes feines Netzwerk bilden.
So haust du nach der Online-Panne
nun endlich auch wen in die Pfanne.