Mein Sohn macht mal wieder ein Puzzle. „Helfen! Du musst helfen!“ sagt er. Ich frage: „Wieso? Was klappt denn nicht. Ernster Blick seinerseits: „Das Helfen klappt nicht.“ Ist aber auch etwas demotivierend, wenn man ihm dann doch hilft und er, sobald man ihm soweit geholfen hat, dass er das Puzzle alleine zu Ende machen kann, sagt: „Du weg! Du darfst nicht! Ich!“

Seine Schwester entdeckte dafür heute unseren Vorhang. Es versöhnt einen für vieles, wenn man sieht wie die kleine den super modernen Stoff, der ein bisschen aussieht wie ein Fischernetz aus Papier, mit Genuss durchkaut und sich langsam darin verfängt. In ein zwei Wochen ist sie stark genug, um ihn runter zu reißen.

Wir haben es geschafft, die Wohnung sauber zu machen. Ich habe gehört bei den Singles, die gerade alleine in der Wohnung sitzen ist das so ein super Ritual, um den Tag zu strukturieren. Bei uns ist es eher so eine Art Expedition in der eigenen Wohnung, an der alle, egal welchen Alters beteiligt werden müssen, damit man irgendwie damit fertig wird. Mein Sohn durfte wieder sein Zimmer saugen. Natürlich nachdem ich es gesaugt hatte.

Zur Belohnung gab es heute Abend Sushi, das uns eine gute Seele geschenkt hatte. Mein Sohn hat seine Portion spontan und sehr schwäbisch „Päckle“ genannt. „Des sind so Päckle. Mit Fisch.“ War auch sehr nett, dass er seinen eigenen Sushi-Teller bekommen hat, samt Panda-Bär-Sushi.

Vorher musste ich mit ihm noch zur Baustelle um die Ecke. Das hatte ich ihm schon gestern versprochen. Jetzt gab es keine Ausreden mehr. Auf dem Bagger auf der Baustelle thronte ein Geschenk für den Baggerfahrer. Ich tippe auf eine Kühlbox mit Bier. Mein Sohn war sich aber sicher zu wissen, was da drin war für den Baggerfahrer „Ein Schokohase.“

All die Gefühle

die Gefühle sind zu viel. Und es werden immer mehr. Jedes Jahr, jeden Tag ein neues Gefühl, für das man nur halbherzig Worte findet.

Schon ein Wort für ein Gefühl zu haben, heißt, es ein Stück weit zu bändigen.

Man ordnet die Gefühle in Kategorien ein:

Ich war total aufgebracht.

Ich war total aufgebracht, als es im Supermarkt keinen Parmesan mehr gab.

Aber ehrlicher wäre es doch zu sagen:

Ich hatte das kein.Parmesan-mehr-da-Gefühl. Hatte Entzugserscheinungen.

Dieses Gefühl, dass ich jetzt nicht diesen salzigen Kick haben werde beim Essen,

sondern meine Nudeln mit Tomatensoße einfach nach Nudeln mit Tomatensoße schmecken.

Was soll ich machen? Schokolade drüber raspeln?

Stattdessen sagt man dann: Ich war total aufgebracht.

Und das schreibt man dann in die Beschwerde-Mail.

Nicht, dass ich der Typ wäre, der Beschwerde-Mails schreibt.

Ich bin viel zu träge für so was.

Beim Lesen würde mich meine Beschwerde wohl eher zum Lachen bringen.

Vielleicht sind auch all diese Bewertungen, die man im Internet lesen kann, gar nicht ernst gemeint.

„Wenn man das Licht im Hotelzimmer ausgemacht hat, war es auf einmal dunkel! Unglaublich!“

„In der Dusche war es nach dem Duschen total nass!“

„Wenn man das Fenster aufgemacht hat, kam auf einmal ohne Absprache Frischluft ins Zimmer!“

Nur so ein Gefühl,

wie das Gefühl, wenn mein Rechner anzeigt:

„Ihre Outlook-Einstellungen sind veraltet.“

Wie fühle ich mich denn da?

Überrascht? Verärgert? Schmutzig?

Diese ganzen Geräte und Programme drängen einem Gefühle auf, die sie selber gar nicht haben.

Maschinen sind da echt im Vorteil.

Aber sie fühlen sich davon auch nicht besser.

Lass die Worte tanzen.

Versammel sie alle im Ballsaal deiner Seele.

Stell einen Türsteher ein, der sagt:

Nein, du nicht, nicht mit diesen Hyperbeln!

Lass die Worte tanzen.

Wirf dich in den Moshpit der Adjektive.

Suche den Battle zwischen Vers- und Gänsefuß.

Geselle dich zu den Staunenden, die sagen:

Was man mit so ein paar Interjektionen so alles machen kann!

Lass die Sprache tanzen,

sei Dompteur im Flohzirkus fluchtbereiter Füllwörter.

Belächle den Can Can des Konjunktivs.

Verschwinde auf dem Ort der Stille,

um dir ein paar Personalpronomenpillen bei einer Adverbiale abzuholen.

Seh die Verben sich winden,

und freu dich über die ein oder andere geglückte Konjugation.

Lass die Worte tanzen.

Lass sie tanzen,

bis sie auf der papiernen Tanzfläche ineinander verschwimmen,

bis irgendwann das Subjekt sagt:

Der Abend ist jetzt Vorvergangenheit.

Es ist Sommer,

ich habe mir einen Band über moderne Kunst gekauft, um damit im Park sitzen zu können.

Ich hätte auch ein anderes Buch kaufen können, um mein Gesicht zu bedecken, aber so ein Kunstband sieht einfach besser aus.

Es ist Sommer,

ich trage kurze Hosen, auch wenn ich meine behaarten Beine nicht für schön halte,

sie sehen aus wie zwei Spargelstangen, die ins Heu gefallen sind.

Warum haben alle an ihren kurzen Hosen diese komisch hochgerollten Hosenaufschläge?

Was bedeutet das? Ich habe mal noch ein bisschen hochgekrempelt, damit man mehr nackte Haut sieht? Oder: Wir krempeln nicht nur die Ärmel hoch, sondern auch die Hosenbeine?

Zumindest lenkt es vielleicht etwas von meinen Beinen ab.

Es ist Sommer,

die Jahreszeit, zu der man zu jeder Tageszeit jedes Getränk trinken kann.

Wenn man sich im Winter um 8 Uhr morgens mit einem Bier auf eine Parkbank setzt, denken alle: Krass. Jetzt denken alle: Ach, Sommer scheißegal.

Es ist Sommer,

überall sind auf einmal so viele Menschen. Wo wohnen die alle? Vielleicht gibt es auch so eine Sommeragentur, die im Sommer immer diese komischen gut aussehenden jungen Sommermenschen in die Stadt karrt.

Es ist Sommer,

wir gehen in die Wilhelma und schauen zu, wie die Elefanten gewaschen werden. Stell dir vor, es würde immer so eine Gruppe kleiner Elefanten zuschauen, wenn du unter der Dusche bist und immer, wenn du deinen Intimbereich wäschst, so was sagen wie „hohoho.“ Oder „ohh“, wenn du deine Augen zumachst, weil dir Shampoo hineinläuft.

Es ist Sommer,

ich wäge ab: Rausgehen und die Sonne genießen oder die neue Staffel „Stranger Things“ gucken? Rausgehen – Stranger Things, Rausgehen – Stranger Things. Das geht zwei Stunden so, in denen ich weder in der Sonne war, noch Stranger Things geguckt habe. Aus Frust gucke ich „Stranger Things“.

Es ist Sommer,

die Rasenmäher laufen um die Wette, morgens mittags abends – und in unserem Fall auch Nachts. Da hat sich ein Nachbar so einen coolen Mähroboter gekauft, der jetzt Nachts mäht. Oder er ist in Urlaub gefahren und hat vergessen, das Ding auszumachen.

Es ist Sommer,

andere Leute machen jetzt Nachts wieder das Fenster zu, damit keine Mücken reinkommen. Ich nicht. Ich bin Mücken egal. Es kann ein ganzer Mückenschwarm im Zimmer sein, ich habe trotzdem höchstens zwei Stiche. Wahrscheinlich schicken sie immer so eine Testmücke vor. Die sticht mich und sagt dann zu den anderen: „Leute, ich hab den da probiert, ich will nicht ins Detail gehen, lasst es einfach.“

Es ist Sommer,

und es könnte ewig so weiter gehen,

weil es immer noch die beste Jahreszeit ist, die wir haben

und weil die Platte in meinem Kopf durch diese Hitze einen Sprung bekommt.

Es ist Sommer.