Die Haare wachsen. Ich wollte eigentlich noch vor dem Urlaub zum Frisör, aber da war ich etwas erkältet und dachte: Macht nichts, gehst du halt gleich, wenn du wieder da bist. Jetzt habe ich schon einen deutlichen Vorsprung, was die rausgewachsene Frisur angeht. Angeblich darf man ja noch zum Frisör. Bin gespannt, wann sich das ändert. Oder wann die Frisörinnen sagen: Moment mal! Wie soll das gehen mit zwei Metern Abstand? Das wäre dann ein Fall für eine völlig neue Berufsgruppe: Den Ninja-Frisör.

Zur Ablenkung mache ich Tai Chi. Mache ich immer. Nur in den letzten Tagen mache ich noch mehr Fehler als sonst. Ich vergesse die Wolkenhände, den Fächer, die Peitsche an allen möglichen Stellen. Normalerweise wird das im Training korrigiert, aber das gibt es ja nicht mehr. Wenn das hier vorbei ist, habe ich vielleicht meine eigene Tai-Ch-Form geschaffen.

Heute wieder mit meiner kleinen Tochter gesungen. Johnny Cash kann man super a cappella singen. Ich habe ja das Kind auf dem Arm. Am liebsten mochte sie glaube ich „Ghost Riders in the Sky“, da habe ich mir auch Mühe gegeben wie ein Pferd zu traben. Sie selber singt noch nicht, aber sie macht immer Quietschlaute wie eine Robbe im Stimmbruch.

Immerhin habe ich es geschafft, nicht so oft aufs Smartphone zu starren. Morgens natürlich erstmal beim Aufstehen in die Routine verfallen: Flugmodus aus – Spiegel Online – Zeit – Tagblatt – Facebook. 9000irgendwas ist die aktuelle Zahl. Danach war bis Mittag Nachrichtenpause.

In „Gegen den Tag“ haben sie im Luftschiff eine Art Funkgerät ausprobiert, das kryptische Anweisungen von sich gibt. Ich bin hier in meinem eigenen Luftschiff unterwegs. Zu gerne würde ich die Innenstadt sehen. Ist es da leer? Machen alle Party? Im Internet ist abwechselnd von ausgestorbenen Städten und unverantwortlichem Feiern die Rede. Jetzt zeigt sich, wie wenig man selber von der Realität noch mitbekommt. Immer noch das Gefühl, Teil eines Films zu sein.

Ich dachte heute auch: Komisch, der Hubschrauber fliegt so oft bei uns übers Haus. Dann dachte ich: Alles Einbildung. Vorhin dann die Aufklärung im Netz: Jemand wurde vermisst. Meine Sinne funktionieren also noch tiptop.

Ich flirte mit der Haarschneideschere. Wenn ich versuche, mir die Haare zu schneiden und es versaue, bleibt ja genug Zeit, bis es wieder rausgewachsen ist. Sowieso eine gute Zeit, um alle Looks auszuprobieren, mit denen man nie nach draußen gehen würde.

Ganz schnell schreibe ich in einer Lücke zwischen den Zeiten. Ich denke an Zenon von Elea und seine Paradoxa. Wenn man die Zeit immer mehr unterteilt, vermehrt sie sich. Das ist meine These.
Gerade jetzt hätte ich wohl gar nicht geschrieben, wenn ich nicht schlicht versuchen würde, eine kleine Lücke in der Zeit zu finden, ein Fenster zwischen Mittagessen und Familienspaziergang.

Zwei Haikus dazu:

Ich habe keine
Zeit. Ich schaffe Zwischenraum.
Vakuum im All

Schon fragt die Welt nach
mir. Sie zieht mich nach draußen.
Das Drinnen kommt mit.

So, mehr Zeit ist nicht.
Aber ich persönlich finde, ich habe die zwei Minuten, die ich jetzt hatte, gut genutzt. Wenn man jede Minute sparen würde, in der man sonst sinnlose Dinge tut, wie den täglichen Coffee to go kaufen, um die Hälfte dann wieder wegzuschütten und dabei nicht zu trinken, sondern noch etwas Anderes zu tun, dann wäre man steinreich. Und das ganz ohne an Geld denken zu müssen.

Eine der schönsten Theorien, die ich kenne, ist die des Sprachspiels, von Ludwig Wittgenstein. Inzwischen ist das natürlich aus Sicht der Sprachwissenschaft ein alter Hut, ich finde es aber immer noch treffend.
„Sprachspiel“ bedeutet ungefähr: Wenn zwei Menschen sich unterhalten, etablieren sie eine Art Spiel. Sie legen sozusagen im Gespräch fest, welches Wort welche Bedeutung für sie hat.
Wir könnten also ausmachen, dass „Blumentopf“ für uns eigentlich „Kaffee“ heißt und problemlos darüber sprechen, wie gut unser Blumentopf gerade war, dass wir jetzt eine neue Sorte Blumentopf ausprobieren, die noch kräftiger schmeckt und so. Der Kaffee verändert sich für uns nicht, nur weil wir ein anderes Wort dafür verwenden. Gut, man könnte einwenden, dass wir durch die Assoziation mit Blumentopf manchmal beim Trinken an Blumenerde denken müssen, aber das müssen die Psychologen klären.
In normalen Gesprächen ist es natürlich etwas schwieriger. Wir spielen zwar ein Sprachspiel, aber ohne vorher über die Regeln gesprochen zu haben. Wir nehmen zum Beispiel wahr, was „Spaß haben“ für uns beide bedeutet. „Spaß haben“ könnte ja auch wieder alles sein: Drogen nehmen, Sex haben, Canasta spielen, einen Film sehen, Witze erzählen. Mit guten Freunden weiß man sofort, was so etwas bedeutet. Wenn ich in entsprechender Runde sage: „Jetzt geht die Party los“ und dazu zwinkere, wissen alle, jetzt ist es Zeit die Monster-Karten auszupacken.
So etwas kann auch im öffentlichen Diskurs eine Rolle spielen. „Religion“ hat zum Beispiel für verschiedene Leute ganz verschiedene Bedeutungen. Während die einen darin eher so eine Art schräges Hobby sehen und entsprechend darüber reden, ist es für die anderen integraler Bestandteil ihre Lebens. Es ist kein Wunder, dass die zwei Leute aus diesen verschiedenen Lagern Stress bekommen, wenn sie über Religion reden. Sie müssten erst einmal klären, was das Wort eigentlich für den anderen bedeutet. „Also für mich ist alles: Das Leben, der Tod, …“ „Ach so, ich dachte immer, das wäre mehr wie Minigolf, deshalb habe ich die ganze Aufregung nie verstanden.“
Okay, ganz so einfach ist es nicht. Was bringt einem die Theorie des Sprachspiels? Ich kann mir bewusst machen, dass ich niemals wissen kann, ob ein Gesprächspartner ein Wort auf die gleiche Weise verwendet wie ich. Wenn also demnächst jemand vorbeikommt und sagt: „Einen Blumentopf bitte.“ könnte man ja nachfragen, ob damit nicht doch ein Kaffee gemeint war.

Und noch eine neue Kategorie: Philosophie. Ich will schon seit Ewigkeiten etwas über meine Sicht auf Philosophie schreiben, jetzt denke ich mir: Was soll’s, ich fange einfach an, auch wenn das Ergebnis meinem perfektionistischen Anspruch nie gerecht werden kann. Und dabei habe ich ja nur ein Staatsexamen. Ich bin nicht Doktor oder Professor, ich habe das Ganze nur mal studiert und irgendwie zu Ende gebracht.
Gut, fangen wir an. Am Anfang. Philosophie beginnt, wie man oft hört, mit dem Staunen. Ich möchte es eher den „Moment-mal-Effekt“ nennen.
Für mich ist der Ausgangspunkt von Philosophie genau das: Man erlebt etwas, ist irgendwo und denkt: Moment mal, was soll das eigentlich alles? Man bestellt einen Kaffee in einem dieser typischen Kaffee-Läden, bleibt plötzlich in der Schlange stehen und sagt sich: Moment mal, was mache ich hier? Was soll das? Warum trinke ich meinen Kaffee nicht einfach zu Hause? Warum stehen wir alle hier in dieser Schlange und gieren nach Kaffee wie nach einer Droge? Warum knutschen wir nicht alle? Oder singen?
Oder man sitzt in einem Seminar, einer Fortbildung, hört sich an, was die Dozentenperson sagt und denkt: Moment mal, stimmt das überhaupt, was mir hier erzählt wird?
So was kann natürlich anstrengend sein. Philosophen sind anstrengend. Wir sind die Leute, die kurz vor dem Betreten des Kinos, in dem ihr mit uns einen netten Film sehen wolltet, sagen: Moment mal, warum sollten wir uns jetzt „Percy Jackson und die Götter des Olymp“ anschauen? Wie kamen wir überhaupt auf diese Idee?
Oder noch schlimmer: Ihr seid in einem Club, bietet jemand ein Getränk an, wollt einfach Spaß haben und die Person sagt: Moment mal, was soll das? Warum feiern wir überhaupt?
Ja, Philosophen können wirklich nerven, aber in anderen Momenten kann so eine Einstellung schon nützlich sein. Es ist nicht das Verkehrteste manchmal jemand dabei zu haben, der den Kaufvertrag für das Haus wirklich liest und „Moment mal“ sagt. Oder wenn die Mehrheit auf einmal findet, es wäre ganz toll, einen Diktator an die Macht zu bringen, weil er verspricht, alle Probleme zu lösen. Philosophen wissen, dass man niemals alle Probleme lösen kann.
Was ich liebe an Philosophie sind nicht die einzelnen Theorien, die großen Worte großer Köpfe, es ist diese Moment-mal-Einstellung. Oft wirkt es, als wolle man damit nur etwas ausbremsen, ein Problem sehen, wo es keines gibt. Diese Moment-mal-Haltung kann einen aber auch genau im richtigen Moment dazu bringen, sein Leben zu überdenken. Und sie kann einem auch sagen, dass man sich küssen sollte, anstatt Kaffee zu trinken.

Was das Schreiben und Lesen angeht, habe ich eine Schwäche: Ich liebe das Absurde. Es gibt nichts Schöneres für mich als eine Geschichte über einen Hydranten zu lesen, der auf Wanderschaft geht, um das olympische Feuer zu interviewen.
Mir ist klar, dass viele Menschen angesichts eines solchen Szenarios die Augenbrauen hochziehen und sagen: Okay, alles klar… und einen dann in die Kategorie „bekloppt“ einordnen.
Woher diese Lust am Abgefahrenen? Dieses Suchen des Abwegigen? Was mich begeistert an solchen Geschichten oder sagen wir besser Bildern ist gerade ihre Unkonventionalität. Ich habe eine Menge Bücher gelesen, Filme gesehen, Literatur studiert und was soll ich sagen: Ich kann nachvollziehen, warum man sich eine stringente Geschichte, ein klares Thema, eine Bezug zur Realität wünscht.
Ich aber suche eine Herausforderung in der Literatur. Etwas, das jenseits der ausgetretenen Pfade liegt. Sicher lese auch ich gerne mal ein normales Buch. So ein bisschen Realitätsbezug schadet bestimmt nicht. Den größten Eindruck auf mich machen aber die Bücher, die im Kopf einen Sturm von verwirrenden Bildern auslösen, die einen mir einem großen „Hä?“ zurücklassen.
Die Suche nach dieser Verwirrung, diesem Moment, in dem man wirklich gar nichts mehr versteht, ist gerade der Reiz dieser Geschichten. Seien es Kurzgeschichten von Borges, Romane von Pynchon, das große Wagnis „Naked Lunch“ von William S. Burroughs. – Diese Werke haben mir viel Freude und Verstörung gebracht.
Vielleicht ist es nur der Ausflug in eine Absurdität, die sich selbst genügt, während unser Leben, dieser Alltag auf ganz andere Art und Weise absurd sein kann. Das Genießen von absurder Kunst ist vielleicht eine radikalere Herangehensweise an den Satz von Rilke: „Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein. „