Philosophie – Das Sprachspiel und das Missverständnis

Eine der schönsten Theorien, die ich kenne, ist die des Sprachspiels, von Ludwig Wittgenstein. Inzwischen ist das natürlich aus Sicht der Sprachwissenschaft ein alter Hut, ich finde es aber immer noch treffend.
„Sprachspiel“ bedeutet ungefähr: Wenn zwei Menschen sich unterhalten, etablieren sie eine Art Spiel. Sie legen sozusagen im Gespräch fest, welches Wort welche Bedeutung für sie hat.
Wir könnten also ausmachen, dass „Blumentopf“ für uns eigentlich „Kaffee“ heißt und problemlos darüber sprechen, wie gut unser Blumentopf gerade war, dass wir jetzt eine neue Sorte Blumentopf ausprobieren, die noch kräftiger schmeckt und so. Der Kaffee verändert sich für uns nicht, nur weil wir ein anderes Wort dafür verwenden. Gut, man könnte einwenden, dass wir durch die Assoziation mit Blumentopf manchmal beim Trinken an Blumenerde denken müssen, aber das müssen die Psychologen klären.
In normalen Gesprächen ist es natürlich etwas schwieriger. Wir spielen zwar ein Sprachspiel, aber ohne vorher über die Regeln gesprochen zu haben. Wir nehmen zum Beispiel wahr, was „Spaß haben“ für uns beide bedeutet. „Spaß haben“ könnte ja auch wieder alles sein: Drogen nehmen, Sex haben, Canasta spielen, einen Film sehen, Witze erzählen. Mit guten Freunden weiß man sofort, was so etwas bedeutet. Wenn ich in entsprechender Runde sage: „Jetzt geht die Party los“ und dazu zwinkere, wissen alle, jetzt ist es Zeit die Monster-Karten auszupacken.
So etwas kann auch im öffentlichen Diskurs eine Rolle spielen. „Religion“ hat zum Beispiel für verschiedene Leute ganz verschiedene Bedeutungen. Während die einen darin eher so eine Art schräges Hobby sehen und entsprechend darüber reden, ist es für die anderen integraler Bestandteil ihre Lebens. Es ist kein Wunder, dass die zwei Leute aus diesen verschiedenen Lagern Stress bekommen, wenn sie über Religion reden. Sie müssten erst einmal klären, was das Wort eigentlich für den anderen bedeutet. „Also für mich ist alles: Das Leben, der Tod, …“ „Ach so, ich dachte immer, das wäre mehr wie Minigolf, deshalb habe ich die ganze Aufregung nie verstanden.“
Okay, ganz so einfach ist es nicht. Was bringt einem die Theorie des Sprachspiels? Ich kann mir bewusst machen, dass ich niemals wissen kann, ob ein Gesprächspartner ein Wort auf die gleiche Weise verwendet wie ich. Wenn also demnächst jemand vorbeikommt und sagt: „Einen Blumentopf bitte.“ könnte man ja nachfragen, ob damit nicht doch ein Kaffee gemeint war.

Philosophie oder der Moment-mal-Effekt

Und noch eine neue Kategorie: Philosophie. Ich will schon seit Ewigkeiten etwas über meine Sicht auf Philosophie schreiben, jetzt denke ich mir: Was soll’s, ich fange einfach an, auch wenn das Ergebnis meinem perfektionistischen Anspruch nie gerecht werden kann. Und dabei habe ich ja nur ein Staatsexamen. Ich bin nicht Doktor oder Professor, ich habe das Ganze nur mal studiert und irgendwie zu Ende gebracht.
Gut, fangen wir an. Am Anfang. Philosophie beginnt, wie man oft hört, mit dem Staunen. Ich möchte es eher den „Moment-mal-Effekt“ nennen.
Für mich ist der Ausgangspunkt von Philosophie genau das: Man erlebt etwas, ist irgendwo und denkt: Moment mal, was soll das eigentlich alles? Man bestellt einen Kaffee in einem dieser typischen Kaffee-Läden, bleibt plötzlich in der Schlange stehen und sagt sich: Moment mal, was mache ich hier? Was soll das? Warum trinke ich meinen Kaffee nicht einfach zu Hause? Warum stehen wir alle hier in dieser Schlange und gieren nach Kaffee wie nach einer Droge? Warum knutschen wir nicht alle? Oder singen?
Oder man sitzt in einem Seminar, einer Fortbildung, hört sich an, was die Dozentenperson sagt und denkt: Moment mal, stimmt das überhaupt, was mir hier erzählt wird?
So was kann natürlich anstrengend sein. Philosophen sind anstrengend. Wir sind die Leute, die kurz vor dem Betreten des Kinos, in dem ihr mit uns einen netten Film sehen wolltet, sagen: Moment mal, warum sollten wir uns jetzt „Percy Jackson und die Götter des Olymp“ anschauen? Wie kamen wir überhaupt auf diese Idee?
Oder noch schlimmer: Ihr seid in einem Club, bietet jemand ein Getränk an, wollt einfach Spaß haben und die Person sagt: Moment mal, was soll das? Warum feiern wir überhaupt?
Ja, Philosophen können wirklich nerven, aber in anderen Momenten kann so eine Einstellung schon nützlich sein. Es ist nicht das Verkehrteste manchmal jemand dabei zu haben, der den Kaufvertrag für das Haus wirklich liest und „Moment mal“ sagt. Oder wenn die Mehrheit auf einmal findet, es wäre ganz toll, einen Diktator an die Macht zu bringen, weil er verspricht, alle Probleme zu lösen. Philosophen wissen, dass man niemals alle Probleme lösen kann.
Was ich liebe an Philosophie sind nicht die einzelnen Theorien, die großen Worte großer Köpfe, es ist diese Moment-mal-Einstellung. Oft wirkt es, als wolle man damit nur etwas ausbremsen, ein Problem sehen, wo es keines gibt. Diese Moment-mal-Haltung kann einen aber auch genau im richtigen Moment dazu bringen, sein Leben zu überdenken. Und sie kann einem auch sagen, dass man sich küssen sollte, anstatt Kaffee zu trinken.

Die Liebe zum Absurden

Was das Schreiben und Lesen angeht, habe ich eine Schwäche: Ich liebe das Absurde. Es gibt nichts Schöneres für mich als eine Geschichte über einen Hydranten zu lesen, der auf Wanderschaft geht, um das olympische Feuer zu interviewen.
Mir ist klar, dass viele Menschen angesichts eines solchen Szenarios die Augenbrauen hochziehen und sagen: Okay, alles klar… und einen dann in die Kategorie „bekloppt“ einordnen.
Woher diese Lust am Abgefahrenen? Dieses Suchen des Abwegigen? Was mich begeistert an solchen Geschichten oder sagen wir besser Bildern ist gerade ihre Unkonventionalität. Ich habe eine Menge Bücher gelesen, Filme gesehen, Literatur studiert und was soll ich sagen: Ich kann nachvollziehen, warum man sich eine stringente Geschichte, ein klares Thema, eine Bezug zur Realität wünscht.
Ich aber suche eine Herausforderung in der Literatur. Etwas, das jenseits der ausgetretenen Pfade liegt. Sicher lese auch ich gerne mal ein normales Buch. So ein bisschen Realitätsbezug schadet bestimmt nicht. Den größten Eindruck auf mich machen aber die Bücher, die im Kopf einen Sturm von verwirrenden Bildern auslösen, die einen mir einem großen „Hä?“ zurücklassen.
Die Suche nach dieser Verwirrung, diesem Moment, in dem man wirklich gar nichts mehr versteht, ist gerade der Reiz dieser Geschichten. Seien es Kurzgeschichten von Borges, Romane von Pynchon, das große Wagnis „Naked Lunch“ von William S. Burroughs. – Diese Werke haben mir viel Freude und Verstörung gebracht.
Vielleicht ist es nur der Ausflug in eine Absurdität, die sich selbst genügt, während unser Leben, dieser Alltag auf ganz andere Art und Weise absurd sein kann. Das Genießen von absurder Kunst ist vielleicht eine radikalere Herangehensweise an den Satz von Rilke: „Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein. „

Wo geht die Reise hin?

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Diese Frage stelle ich mir oft in dieser Zeit. Ich befinde mich an einem Punkt der Weichenstellung und kann noch nichts dazu sagen. So wie auch diese Artikel hier auf nichtssagende Weise vielseitig sind.
Oft frage ich mich, ob die Frage, wo es hingeht, sich nicht immer stellen müsste. Es ist ja so: Man weiß nie, was passiert. Oder wie Wittgenstein sagte: „Dass die Sonne morgen aufgehen wird, ist eine Hypothese; und das heißt: wir wissen nicht, ob sie aufgehen wird.“
Genau genommen könnte jederzeit alles passieren. Die Frage, wo es hingeht, was man tun soll, stellt sich nur manchmal mehr oder weniger. Sie steht dann auf einmal im Raum wie ein unpassendes Möbelstück, das man all die Jahre ignoriert hat.
Ich weiß nur eines: Es wird etwas mit Sprache zu tun haben. Die Wörter gehen mir nicht aus. Ich könnte zum Beispiel einen super Roman schreiben über den Tag, an dem die Worte ausgingen. Der Anfang ginge so: „Und dann gingen auf einmal allen die Wörter aus…“ Der Rest schreibt sich dann von selber.
Man könnte auch sagen: Ist doch albern, sich diese Fragen zu stellen und daraus so ein Ding zu machen. Im Supermarkt verfällt man ja auch nicht in philosophische Betrachtungen darüber, welche Schlange man wählen soll. Wobei, wenn ich es mir recht überlege, könnte das schon sein.
Ich sollte einkaufen gehen….

Wenn die Gondeln Träume tragen

Gondel Winter
Dieser Ausblick offenbarte sich mir jüngst, als ich es wagte, mit einer Gondel einen Gipfel in Österreich zu erklimmen. Ich schwebte den Berg hinauf, wobei es hier eher so aussieht, als schwebte ich ihn hinunter.
Tatsächlich sieht man hier ja gar nicht, wo die Gondel einen hinträgt und auch die Gondel selbst sieht man nicht, nur aus der Anwesenheit der nächsten und dem gespannten Gondelseil kann man schlussfolgern, dass man sich wohl in einer solchen befände.
Das Leben erschließt sich vor allem aus dem, was man außen sieht. Ich sehe den Weg vor mir und schließe, ich müsste irgendwoher gekommen sein. Ich hänge an einem Seil, wobei ich mir nie sicher sein kann, ob ich wirklich daran hänge, oder nicht auch auf den Hängen des Berges unterwegs sein könnte.
Und die Welt? Sie erwartet einen in gebieterischer Kälte voller Erhabenheit. Der Gipfel scheint zugleich Bedrohung und Ziel zu sein.
Sicher wäre es nicht so verwirrend, den Gipfel zu Fuß zu erklimmen. Nur wäre es sehr viel beschwerlicher. Beim Kampf mit den Elementen verlöre man den Genuss der Aussicht und gewänne dafür einen Kragen voll Schnee.
Da gleite ich doch gerne ganz komfortabel durch die Lüfte und bin perspektivisch verwirrt.
Das Leben des modernen Menschen – ein gespanntes Seil über eisige Klüfte in Erwartung des Unglaublichen.