Der Tag endete mit einer Ernüchterung. Ich dachte ja, ich könnte schon ein bisschen schauspielern, schließlich mache ich das ja auch beruflich. Insofern fand ich meine Performance als Gespenst ganz ok, als ich „Buh – buh!“ rufend durch die Wohnung lief. Mein Sohn machte die Illusion schnell zunichte mit einem leicht zweifelnden Blick und der Frage: „Bist du eine Kuh?“

Schon beim Essen war die Rollenverteilung aus seiner Sicht klar. Nachdem wir ihm erklärt hatten, dass wir erst noch zu Ende essen wollten und erst danach gespielt würde, sagte er: „Jetzt reicht’s mal hier! Hört auf mit Essen!“ Als ihm dann einfiel, dass es vielleicht noch Nachtisch geben könnte, hatte sich das aber schnell wieder erledigt.

Nachmittags baute er ein Flugzeug. Aus der Couch, allen seinen Spielsachen, seiner Schwester und mir. Wobei er uns gnädigerweise noch eine Statistenrolle zugestand und sagte: „Ihr seid Flugbegleiter!“ Wir hätten davor besser nicht zehn mal das Pixie-Buch über den Flughafen lesen sollen.

Mittags waren wir in der Stadt unterwegs. Ich habe seit Wochen endlich wieder eine Buchhandlung betreten. Sah alles aus wie immer. Wir gingen schnell weiter, weil ich nicht wusste, wie sehr wir im Dreiergespann als Virenschleuder angesehen werden. Es war auf jeden Fall mehr los als beim letzten Stadtbesuch. Und es gab deutlich mehr Maskenträger. Ich weiß immer noch nicht, wo ich eine Maske herbekomme. Selber eine zu nähen könnte eine interessante kreative Erfahrung sein, aber ich glaube nicht dass dabei eine tragbare Maske herauskommt.

Beim Frühstück führte der Sohn seine neuesten Formulierungskünste vor. Er betrachtete ein Stück Käsepapier und sagte mit großem Ernst: „Ich bin mir sicher, dass da ein Stück Weichkäse drin ist.“ War es nicht. Er begnügte sich dann damit ein Plastikpäckchen Frischkäse auszulöffeln. Pur.

Der Tag hatte schon verheißungsvoll angefangen. Mein Sohn rannte durch die Wohnung und rief: „Socken, wo bist du?“ Manchmal bin ich in letzter Zeit in einem Zustand, in dem es mich nicht wundern würde, wenn plötzlich ein sprechender Socken auftauchte.

Ich habe mal tief im Archiv gegraben und einen Text aus der Kategorie „Absurdes“ gefunden, der sehr schön in die Jahreszeit passt. Ich muss nur eine Warnung an Menschen aussprechen, die eher Texte mögen, die sich leichter erschließen: Das wird hier nicht der Fall sein. Er ist wirklich sehr absurd. Deshalb mag ich ihn.

Der Morgenhimmel über Alaska

Der Morgenhimmel über Alaska hatte ausgesprochen gute Laune. Schon lange war ihm nicht mehr ein klares Blau gelungen. Er schaute auf die Pyramiden unter sich herab und dachte ein bisschen an die gute alte Zeit der Eisbären zurück. Die Eisbären, was waren das für nette Gesellen gewesen. Er hatte ihnen gerne beim Curling zugesehen und die Oper „Whoaaa!“ hatte er mit Genuss gehört.

Nun waren die Menschen nach 8000 Jahren zurückgekehrt und schlimmer als je zuvor. In ihrer neuen insektengleichen Gestalt waren sie noch schwerer zu ertragen als in ihrer Affenform.

Was trieb diese Wesen dazu, sich für die Krone der Schöpfung zu halten? Wer hatte sie glauben lassen, alles Andere um sie herum habe keine Seele?

Der Himmel schüttelte seine Ausläufer im Paralleluniversum. Das Telefon klingelte. Der Grand Canyon war dran. „Alter, ich habe dir doch mein Panoptikum geliehen, oder?“ „Ja, stimmt, sorry. Ich schick es dir mit einem Vampir zurück.“ „Mit einem Vampir?“ „Neues System. Große Pakete müssen jetzt immer von einem Vampir zusammengehalten werden. Die Da-Vinci-Reform, du weißt schon.“ „Was dieses Walross sich da wieder ausgedacht hat! Na gut, Hauptsache, das Panoptikum kann immer noch tanzen.“ „Ich pack ihm noch ein paar neue Schuhe ein, dann verhungert es nicht auf der Reise.“ „Ok, danke dir, schöne Nordlichtfeier.“ „Ja, danke, Karthago.“ „Karthago!“

Der Morgenhimmel räkelte sich noch ein wenig. Als das olympische Feuer wie üblich die Ablösung einläutete, hatte er sich schon wieder in den den Andromeda-Nebel zurückgezogen.

Ich lese in letzter Zeit ein bisschen Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ und bin immerhin schon im dritten Band dieses Jahrhundertroman-Mammutwerks angekommen. Warum tu ich mir das an? Einen Roman lesen, der die Memoiren eines Typen wiedergibt, der sein Leben lang nur von einem Salon in den anderen zog, am Strand spazierte und seine Beziehungen verkomplizierte? Es ist die Sprache. Diese langen Sätze, die jeder einzeln eine philosophische Abhandlung sein könnten. Ich denke, ich sollte auch mal ausprobieren, so zu schreiben:

Ich saß vor meinem Schreibtisch, jenem alten Relikt aus Kindertagen, als mein Blick auf die neu erstandene Uhr fiel, die ich mich gekauft hatte, um nicht mehr ständig auf mein Mobiltelefon zu schauen und dachte: Die Zeit, sie geht dahin, steht still, mal lang, mal kurz und rinnt aus den Seiten meines Kalenders wie der Sirup der Ewigkeit, von dem wir Menschen nur Tropfen kosten dürfen, bis auch wir zum Tropfen werden, der im Ozean des Universums aufgeht.
Daneben ein paar Knopfzellen, Batterien, die Münzen gleichen und stets nur im falschen Format vorhanden sind, wie unsere Lebensenergie, das Temperament, das gerade dann ruht, wenn es toben sollte und wütet, wenn Ruhe angebracht.
So schien auch mein Kopf mir ein Akku zu sein, dessen Ladung die Zeit aufbrauchte, um sie im nächsten Moment unverhofft wieder mit Strom zu füllen, wie ein Tintenfass, in das ich die Feder tauchen konnte, mit der ich meine Biografie fortschrieb, um sie sogleich Wirklichkeit werden zu lassen.
Und in jenem Moment wurde ich wieder der Zeiger der Uhr gewahr, des Sekundenzeigers, der vorwärts sprang und Unaufhaltsamkeit rief, während ich mit den Zeilen hier dem Ewigen ein Scherflein abgerungen hatte, das nun frei von mir als Flaschenpost des Geistes durch die Virtualität schwamm wie ein Walfisch, der gerade erst geboren war.

Und noch eine neue Kategorie: Ich gebe seit einiger Zeit ein Seminar über Storytelling an der Uni Tübingen. Jetzt will ich auch hier mal ein bisschen Einblick geben in meinen Werkzeugkasten.
Eine der simpelsten Methoden, um in kürzester Zeit zu einer Geschichte zu kommen, nenne ich den GG-Trick. Sicher wissen die meisten, dass man für eine Geschichte große Gefühle braucht. Was man aber auch braucht, ist ein Thema, also einen Gegenstand. Und das ist der GG-Trick: Gefühl – Gegenstand.
Diese simple Kombination erzeugt immer den Ansatz zu einer Story, vor allem wenn man sie kreativ einsetzt. (Einen Rest Kreativität braucht man also auch mit so einem Trick, das kann ich niemandem nehmen.)
Nehmen wir zum Beispiel Eis. Wir alle mögen Eis. Man könnte also Eis mit Spaß kombinieren, aber das wäre ja langweilig. Also kombinieren wir Eis mit Angst. Wir erfinden eine Figur, die Angst vor Eis hat. Und schon haben wir die Geschichte: Sie kriegt Panik, wenn Eis in ihrer Nähe ist, der Sommer ist die schlimmste Jahreszeit für sie, als Kind war sie mal aus Versehen in einem Kühlhaus eingesperrt. Irgendwann verliebt sie sich in den Eismann und muss ihre Angst überwinden, sie stellt sich todesmutig dem Verspeisen einer Kugel Schokoladeneis.
Oder nehmen wir ein anderes Beispiel: Waschmaschine – verrückt. Die Waschmaschine spielt verrückt, weil sie sich zu viel gedreht hat, haha. Sie lässt Kleidungsstücke verschwinden, ändert die Farbe und geht nicht mehr auf. Der Waschmaschinentherapeut muss kommen, er redet mit ihr über ihre Kindheit, wie Vater Waschmaschine ihr zu früh den Turbowaschgang beigebracht hat etc.
Was geht noch? Natürlich die Liebe. Ladegerät und Smartphone lieben sich, aber sie können nur zusammen sein, wenn beim Smartphone der Akku leer ist. Es wird von den Menschen ausgenutzt. Smartphone und Ladegerät überlegen, was sie tun könnten, um öfter zusammen zu sein. Dann kommen sie darauf: Sie müssen den Akku von Smartphone so manipulieren, dass er immer schneller leer wird. Die Menschen wundern sich, warum sie das Smartphone immer häufiger aufladen müssen. Smartphone und Ladegerät freuen sich. Sie können jetzt immer öfter zusammen sein. Und schließlich gehen sie für ihre gemeinsame Liebe in den Tod…
Okay, ich gebe zu, nicht jede dieser Geschichten ist die ganz große Literatur, aber wenn man geschickt damit umgeht, funktioniert der GG-TRick und es kommt eine Story dabei heraus.

Heute möchte ich eine neue Kategorie hier einführen: Empfehlungen. Nicht immer nur den eigenen Kram verbreiten, auch mal vorstellen, was ich liebe. Ich beginne mit einem Youtube-Kanal, der mich Literatur hat neu entdecken lassen: The Bookchemist. Dieser Mensch spricht über Bücher wie ich es gerne tun würde und es ist sehr unterhaltsam.
Ich habe mir schon unzählige dieser Videos angeschaut und allein zu sehen, vor welchem chaotischen Hintergrund, in welchem T-Shirt, mit welcher Art von Augenringen man ihn diesmal sieht, ist immer eine freudige Überraschung.
Der Bookchemist ist Doktorand in Literaturwissenschaft, dem Akzent nach Italiener und spricht natürlich Englisch. Passenderweise ist sein Spezialgebiet postmoderne und postpostmoderne Literatur.
Ich kann mir vorstellen, dass das nicht bei jedem Begeisterung auslöst, aber ich verspreche: Es lohnt sich. Zum einen kann dieser Mensch wirklich großartig über Literatur sprechen und zum anderen ist er geradezu die Karikatur eines Nerds.
Für den Unterhaltungsfaktor ist also in jedem Fall gesorgt. Wenn man auf der Suche nach den wirklich abgefahrenen Büchern ist, oder sich einfach nur freuen will, was für großartige Spinner es auf dieser Welt gibt, sollte man sich das mal anschauen.
Selbst wenn ich die Bücher, die er empfiehlt nie alle lesen würde, fühle ich mich nach seinen Videos immer erfüllt von einem Expertenwissen, das auch mir diesen leicht arroganten Ausdruck aufs Gesicht zaubert, den er zur Perfektion gebracht hat.