Liebe mich! Das scheint die Botschaft unserer Zeit zu sein. Das fällt mir gerade zwischen zwei Atemzügen wieder ein. Immer mehr scheint unser Leben, oder zumindest das von vielen, die ich kenne, sich darum zu drehen, geliebt zu werden.
Klar, man kann sagen: War das nicht schon immer so? Sehnten nicht auch die Bauern auf den Feldern des Mittelalters sich nach jemandem, der bemerkte, das sie arbeiteten? Ich denke, sie waren froh zu überleben. Schon gut, dass wir nicht mehr so ums Überleben kämpfen müssen, aber warum dieser irrsinnige Wunsch nach Bestätigung, dem ich ja auch nachgehe, indem ich das hier schreibe?

Liebe in kleinen
Dosen aus dem Cloud-Regal.
Wir sind da – echt jetzt.

Ich existiere
nur durch andere, deren
Blick und Klick mich schafft.

Liebe mich! Es ist ein zu großes Wort. Wirklich geliebt werden wollen wir nicht. Das würde ja heißen, jemand will sein Leben mit uns teilen. Es ist nur dieser kleine Kick, den man spürt, wenn die Userzahlen steigen, wenn unter dem Bild eine größere Zahl von Daumen und Herzen steht. Es heißt: Wir finden das gut, was du da machst. Und damit auch irgendwie dich. Und wir belügen uns automatisch. Wir glauben es. Dabei war ja immer nur das Bild gemeint.
Wir müssten es schaffen, uns auch noch diese Zuneigung einzubilden. Insofern wäre die alte Idee von Berkeley interessant: Was, wenn wir uns all diese Follower, Freunde, oder wie auch immer unsere Internet-Gruppe nun heißt, wenn wir uns all diese Wesen nur einbilden?

Ich klicke hier, ich klicke da,
ich like und du schreist: Hurra!
Hurra! schallt es von mir zurück.
Ja, so einfach ist das Glück.

Gerade ist es mal wieder passiert. Infolge der Veröffentlichung der Collections 1-5 darf ich mal wieder meine Passwörter erneuern. Angeblich waren welche davon irgendwo im Netz zu sehen – zumindest theoretisch. Ich bin noch nie gehackt worden, könnte es also ruhig angehen lassen und mir sagen: Nur weil jetzt jemand mein Passwort für irgendeinen Postkartenservice im Internet kennt, muss ich ja nicht gleich alles ändern, oder?
Aber ich bin ängstlich, nicht nur, was das angeht. Ich stelle mir vor, wie ich eines Tages diese eine Mail oder diesen einen Anruf bekomme, in dem jemand mir droht: Pass auf, Kienzler, wenn du uns nicht sofort eine Riesensumme überweist, dann erzählen wir allen Leuten, dass du letztes Jahr auf Amazon ein echt geschmackloses Meditationskissen gekauft hast.
Da könnte ich echt nicht umhin, was zu tun. Ich will ja nicht, dass so was öffentlich wird. Ich verstehe zwar nicht, warum Supergangster, die angeblich alle Daten klauen können, nicht einfach von meinem Konto abbuchen, aber vielleicht sind es ja auch nur gelangweilte Schüler, die sich ein Taschengeld verdienen wollen.
Jetzt sitze ich wieder hier und sauge mir Passwortideen aus den Fingern: Was hat meine Grundschullehrerin zu mir damals im Schwimmunterricht gesagt, was mich so traumatisiert hat? Wie lauten die Anfangsbuchstaben der Worte dieses Satzes? Und wie rechne ich die jetzt in Zahlen und Sonderzeichen um?
Und deshalb bin ich dafür, Passwörter abzuschaffen. Schluss mit diesem Quatsch. Nur noch Daumenabdrücke und Gesichtserkennung. Bis mir jemand meinen Daumen und mein Gesicht klaut, oder sie im 3D-Drucker kopiert.
Vielleicht sollte man seine Konten einfach gar nicht mehr schützen. Alles offen legen. Dann sehen die Gangster vielleicht, dass sich der Hack in den meisten Fällen gar nicht lohnt.
Es gibt natürlich noch eine andere Methode. Die betreibe ich schon seit Jahren. Immer, wenn ich mich irgendwo neu anmelde, vergebe ich ein tolles neues Passwort. Und vergesse es sofort wieder. Und drücke auf den tollen Link „Passwort vergessen“.

Woran liegt es, dass wir immer mehr Serien schauen? Ich denke, die Serie ist die ideale Steigerung des Films. Während die Traumfabrik Hollywood einen nur für eine begrenzte Dauer von anderthalb bis drei Stunden fesseln konnte, können Serien das theoretisch unendlich. Eine Serie wird ja gerade zu einer Serie dadurch, dass das Ende niemals wirklich absehbar ist. Und wenn es doch ein Ende gibt, ist es meistens enttäuschend. Natürlich muss man manchmal auf die nächste Staffel warten. Aber in der Zwischenzeit kann man ja eine andere Serie gucken.
Wer im Glashaus sitzt soll nicht mit Steinen werfen und natürlich bin ich selber dieser neumodischen Sucht mehr als nur ein bisschen verfallen. Trotzdem beunruhigt mich die Omnipräsenz des Themas. Inzwischen kann man auch jedes Gespräch zu einer endlosen Aufzählung machen, indem man einfach auf Serien zu sprechen kommt. Und in diesen Gesprächen bin ich eher jemand, der die Hälfte der genannten Titel noch nicht kennt. Es muss also Menschen geben, die einfach gar nicht mehr schlafen, anders kann ich mir das nicht erklären.
Serien haben ihre genialen Seiten, sie erweitern herkömmliche Erzählschemata, oder sagen wir besser, sie verwenden die alten Muster in komplexerer Form. Außerdem haben sie durchaus neue Figuren eingeführt wie Meth kochende Chemielehrer und neurotische Superhelden. Aber ein grundsätzliches Dilemma lösen sie nie: Sie stehlen Zeit. Kein Mensch schaut Serien, indem er Woche für Woche nur eine Folge schaut, auch wenn man bei manchen Serien versucht, das wieder einzuführen. Letztendlich läuft es immer darauf hinaus, dass man einfach noch länger dranbleibt.
Was soll das? Was ist der Vorteil? Wir müssen uns nicht mehr jede zweite Stunde Film neu aussuchen, sondern können für zehn Folgen am Stück an einer Geschichte dranbleiben. Wir müssen uns kein Abendprogramm mehr ausdenken. Wir freuen uns darauf, krank zu sein, weil wir dann keine Ausrede mehr brauchen, um 10 Stunden durchzubingen. Das ist vielleicht der kleine Schönheitsfehler, der Serien von dem Verdacht befreit, ein perfektes Produkt des Kapitalismus zu sein: Sie könnten auch dazu führen, dass irgendwann niemand mehr arbeiten geht. Wer also eine echte Revolution anzetteln möchte, müsste nichts anderes tun, als die perfekte Serie zu schaffen.
Im Prinzip ist es nach wie vor die simple Herrschaft des Fernsehens, die hier regiert. Serien sind nichts Anderes als das Video in „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace, das einen dazu verdammt, es immer weiter zu sehen, bis man stirbt.
Wir sterben nicht, aber das Leben draußen rückt in immer weitere Ferne. Und wenn wir draußen sind, muss auch die Natur konsumierbar sein. Die wahre Herausforderung für uns Menschen liegt darin, mit Dingen umzugehen, die sich nicht konsumieren lassen. Oder deren Konsum uns schlichtweg überfordert. Liebe und Tod kann man nur in Maßen genießen. Ironischerweise wird die Natur, die wir mehr und mehr vergessen, vielleicht genau die existentielle Erfahrung liefern, die wir so nötig haben, wenn sie komplett außer Kontrolle gerät. Tsunamis, Hurrikans, Herbststürme. Das wäre dann die Rückkehr des guten alten Katastrophenfilms. Und natürlich ein super Motiv für Instagram.

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An diesen Fahrradständern komme ich oft vorbei, wenn ich es eilig habe. Diese Ständer sind mein Leben gerade: Eine Reihe noch zu erledigender Dinge. Vielleicht müsste ich mal meine Festplatte defragmentieren. So sehe ich Fragmente, Spuren von verschiedenen Ichs, die alle einem Zeitplan hinterherhecheln, den sie nicht erfüllen können. Und dann ist irgendwo immer noch irgendwas mit Nazis.
Sorry, dass ich das jetzt erwähne, aber genau so fühlt es sich an. Irgendwo ist irgendwas, mit dem man sich auch noch mehr beschäftigen müsste. Schreiben, Vater sein, Werbung machen, auftreten und irgendwas gegen Nazis.
Es liegt bestimmt am Internet. Das ist doch die beste Entschuldigung heutzutage: Mangelnde Konzentrationsfähigkeit, Kapitalismus, Nazis – da ist alles das Internet schuld.
Und vielleicht stimmt das sogar. Wenn das Internet so etwas ist wie ein Abbild der Welt, dann wird man die Schuldigen in diesem Bild sicher irgendwo finden. Auf jeden Fall gibt es dort eine Menge Nazis.
Jetzt wird das so ein Nazi-Artikel. Dabei wollte ich über Fahrradständer schreiben. Wenn man sich nämlich vor diese Ständer stellt und auf die Knie geht und dann hindurchschaut, dann sieht man die Welt. Und dann sind die Ständer auf einmal großartig egal. Dann zählt nur die Straße, die dahinterkommt.
Hoffentlich ohne Nazis.

Der Shitstorm tobt, die Welle rollt,
fast schon egal, wer welchem grollt.
Du loggst dich ein und ziehst’s dir rein,
dann denkst du: Ach, ich armes Schwein,
die andern liked man, hier nur Hater
nur weg hier, zwei Sekunden später,
schaust du noch mal, ein Hoffnungsschimmer
und dann ist es noch viel schlimmer.
Da bleibt nur eins: Realität,
das Internet ist auf Diät.
Und du kommst runter in den Garten,
wo ungelikte Pilze warten,
die in den untern Erdgefilden
ihr eignes feines Netzwerk bilden.
So haust du nach der Online-Panne
nun endlich auch wen in die Pfanne.