Pausenpost: Haikus

Der Pausenpost: Ein kurzer Text zwischen zwei anderen Aktivitäten. Da ich wenig Zeit habe zur Zeit, schreibe ich nun kurz, was mich beschäftigt. Zum Beispiel: Haikus.
Die Zeit läuft weiter
Ich schreibe dagegen an wie
Sand im Stundenglas
Eine schöne Form. Sollte man viel öfter im Leben machen.
Statt in der Schlange stehen und sich ärgern, schreiben:
Ich stehe in der
Schlange und ärgere mich
ah, es geht weiter
Ich finde das Leben ist grundsätzlich zu arm an sinnlosen Beschäftigungen.
Während wir versuchen, möglichst sinnvoll zu existieren, aus allem viel rauszuholen, verpassen wir das Beste: Den zufälligen Blödsinn.
Ich sitze am Schreib
tisch und zähle die Silben
der Haikus, wie gut.
Selten bessere Pausen gehabt.

2019 – Jahr der Möglichkeiten

2019 is coming, ein Jahr für mich, ein Jahr für dich und für alle, die uns kennen.
Ich werde vielleicht wieder mehr Zeit haben und habe jetzt Zeit, zu wünschen:
Ein schönes neues Jahr! Ein Jahr, in dem man endlich die Serie finden wird, die alle anderen ersetzt.
Ein Jahr, in dem die Politik sich überraschenderweise zum Guten wendet und Kim Jong Un mit Donald Trump, Erdogan und Putin eine WG in einem unterirdischen Bunker aufmacht.
Ein Jahr, in dem wir alle unsere Feinstaubbelastung senken, indem wir öfter Staubsaugen, überall. Wir treffen uns in extra präparierten Staubräumen, in denen wir es ordentlich surren lassen.
Ein Jahr, in dem eine neue Eissorte auf den Markt kommt: Fukuyama. Es wird großartig.
Ein Jahr, in dem ich schlechte Gewohnheiten ablege, zum Beispiel, nichts hier zu schreiben. Ich werde das Nichtschreiben wieder mehr in anderen Bereichen einsetzen. Dafür wird hier sicher mehr Quatsch auftauchen. Das Nichtschreiben zu lassen, hat seinen Preis.
Ein Jahr, in dem sicher eine großartige Botschaft steckt wie: „Tragt mehr dezente Hüte!“
Ein Jahr, das alle anderen übertreffen wird, zumindest nach dem Gesetz der mathematischen Induktion.
Ihr seht, ich bin noch nicht ganz wach und ich werde es selten sein. Aber ich werde weiter Meldung machen, weil diverse Social-Media-Kanäle mir Nachrichten schicken, dass ich Inhalte posten soll. Das wird sicher nicht aufhören. Wobei, wer weiß? Vielleicht gehen alle Portale unter und es bleibt nur eines übrig: Das zu unseren Herzen.

Weihnachten – High Noon

Der Tag des Tannebaums naht und alle zählen die Tage. Wieder werden wir alle uns begegnen an einem Fest der Liebe, das diesen Namen nicht zu Unrecht trägt: Liebe kann schön und furchtbar sein.
In den Fußgängerzonen wedeln Menschen mit Geldscheinen, um von Händlern mit möglichen Geschenken beworfen zu werden. Backöfen schmelzen durch anhand der Plätzchenmassen, die man mit ihnen produziert.
Die Stadt ist ein einziger Markt, wenn man überall Glühwein trinken würde, wo man Glühwein trinken kann, wäre man schon tot. Ständig sind Feiern und Treffen und Jubiläen, Menschen marodieren in Grupen durch Theater und Restaurants.
Eine großartige Zeit. Das letzte Gefecht von Kultur und Gesellschaft. Alle wollen es noch einmal wissen. Wollen wissen, wem sie noch keine Karte geschrieben haben und wen sie an Weihnachten noch treffen könnten.
Andere bauen Mauern aus Kissen und Decken vor ihrer Tür auf, wappnen sich für den Sturm, mit dem sie nichts zu tun haben wollen und gerade dadurch so viel mehr zu tun haben.
Ich frage mich jede Weihnachten, ob ich das jetzt furchtbar oder ganz großartig finden soll. Ich denke, es ist eine Art Initiationsritual, das uns alle noch menschlicher macht, als wie schon sind. Es kehrt die guten und schlechten Seiten gleichermaßen nach außen: Gesangskünste, Tischsitten, Tannenbaumbehängungsstrategien… Wenn man das alles durchlaufen hat, kann das neue Jahr auf jeden Fall kommen.
Und außerdem ist es ja auch ein religiöses Fest, aber dafür bin ich kein Experte…Wir sehen uns unterm Weihnachtsbaum oder in der Fußgängerzone…

Der verdammte November

Der verdammte November ist vorüber. Der November, der mich echt an meine Grenzen brachte. Der November, der sagte: Ich habe mir eine Menge für dich überlegt… Es war ein guter November.
Ein November, den man in der Steppe an einer Bar trifft, der von alten Gefechten im Präriesand erzählt und einen dann mitnimmt auf ein neues Abenteuer. Und die ganze Reise über denkt man: November – auf wessen Seite stehst du? Und ganz am Ende, wenn man dann mehr tot als lebendig, aber dennoch lebendig in die Abendröte reiten darf, erkennt man: Er war die ganze Zeit auf meiner Seite.
Diesen November stellt man niemandem als Freund vor. Er ist der Typ, den man braucht, aber nicht gerne hat. Der in all seiner Härte aber ein gutes warmes Herz in sich trägt. Einer, der selber ein Pferd reitet, das alle anderen schon erschossen hätten.
Ob es wohl Leute gibt, deren November anders aussieht? Ein November, der durch den Regen tanzt? Kann ich mir nicht vorstellen. Mein November wäre zu schwer dafür. Aber vielleicht gibt es da draußen Leute, deren November sogar Drinks am Strand serviert. Den würde ich auch gerne mal treffen.
Ich denke, auf lange Sicht bleibe ich meinem November treu. Ich habe viel von ihm gelernt.

Schreiben wie Proust

Ich lese in letzter Zeit ein bisschen Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ und bin immerhin schon im dritten Band dieses Jahrhundertroman-Mammutwerks angekommen. Warum tu ich mir das an? Einen Roman lesen, der die Memoiren eines Typen wiedergibt, der sein Leben lang nur von einem Salon in den anderen zog, am Strand spazierte und seine Beziehungen verkomplizierte? Es ist die Sprache. Diese langen Sätze, die jeder einzeln eine philosophische Abhandlung sein könnten. Ich denke, ich sollte auch mal ausprobieren, so zu schreiben:

Ich saß vor meinem Schreibtisch, jenem alten Relikt aus Kindertagen, als mein Blick auf die neu erstandene Uhr fiel, die ich mich gekauft hatte, um nicht mehr ständig auf mein Mobiltelefon zu schauen und dachte: Die Zeit, sie geht dahin, steht still, mal lang, mal kurz und rinnt aus den Seiten meines Kalenders wie der Sirup der Ewigkeit, von dem wir Menschen nur Tropfen kosten dürfen, bis auch wir zum Tropfen werden, der im Ozean des Universums aufgeht.
Daneben ein paar Knopfzellen, Batterien, die Münzen gleichen und stets nur im falschen Format vorhanden sind, wie unsere Lebensenergie, das Temperament, das gerade dann ruht, wenn es toben sollte und wütet, wenn Ruhe angebracht.
So schien auch mein Kopf mir ein Akku zu sein, dessen Ladung die Zeit aufbrauchte, um sie im nächsten Moment unverhofft wieder mit Strom zu füllen, wie ein Tintenfass, in das ich die Feder tauchen konnte, mit der ich meine Biografie fortschrieb, um sie sogleich Wirklichkeit werden zu lassen.
Und in jenem Moment wurde ich wieder der Zeiger der Uhr gewahr, des Sekundenzeigers, der vorwärts sprang und Unaufhaltsamkeit rief, während ich mit den Zeilen hier dem Ewigen ein Scherflein abgerungen hatte, das nun frei von mir als Flaschenpost des Geistes durch die Virtualität schwamm wie ein Walfisch, der gerade erst geboren war.