Die Zeit ist eine Serie

Woran liegt es, dass wir immer mehr Serien schauen? Ich denke, die Serie ist die ideale Steigerung des Films. Während die Traumfabrik Hollywood einen nur für eine begrenzte Dauer von anderthalb bis drei Stunden fesseln konnte, können Serien das theoretisch unendlich. Eine Serie wird ja gerade zu einer Serie dadurch, dass das Ende niemals wirklich absehbar ist. Und wenn es doch ein Ende gibt, ist es meistens enttäuschend. Natürlich muss man manchmal auf die nächste Staffel warten. Aber in der Zwischenzeit kann man ja eine andere Serie gucken.
Wer im Glashaus sitzt soll nicht mit Steinen werfen und natürlich bin ich selber dieser neumodischen Sucht mehr als nur ein bisschen verfallen. Trotzdem beunruhigt mich die Omnipräsenz des Themas. Inzwischen kann man auch jedes Gespräch zu einer endlosen Aufzählung machen, indem man einfach auf Serien zu sprechen kommt. Und in diesen Gesprächen bin ich eher jemand, der die Hälfte der genannten Titel noch nicht kennt. Es muss also Menschen geben, die einfach gar nicht mehr schlafen, anders kann ich mir das nicht erklären.
Serien haben ihre genialen Seiten, sie erweitern herkömmliche Erzählschemata, oder sagen wir besser, sie verwenden die alten Muster in komplexerer Form. Außerdem haben sie durchaus neue Figuren eingeführt wie Meth kochende Chemielehrer und neurotische Superhelden. Aber ein grundsätzliches Dilemma lösen sie nie: Sie stehlen Zeit. Kein Mensch schaut Serien, indem er Woche für Woche nur eine Folge schaut, auch wenn man bei manchen Serien versucht, das wieder einzuführen. Letztendlich läuft es immer darauf hinaus, dass man einfach noch länger dranbleibt.
Was soll das? Was ist der Vorteil? Wir müssen uns nicht mehr jede zweite Stunde Film neu aussuchen, sondern können für zehn Folgen am Stück an einer Geschichte dranbleiben. Wir müssen uns kein Abendprogramm mehr ausdenken. Wir freuen uns darauf, krank zu sein, weil wir dann keine Ausrede mehr brauchen, um 10 Stunden durchzubingen. Das ist vielleicht der kleine Schönheitsfehler, der Serien von dem Verdacht befreit, ein perfektes Produkt des Kapitalismus zu sein: Sie könnten auch dazu führen, dass irgendwann niemand mehr arbeiten geht. Wer also eine echte Revolution anzetteln möchte, müsste nichts anderes tun, als die perfekte Serie zu schaffen.
Im Prinzip ist es nach wie vor die simple Herrschaft des Fernsehens, die hier regiert. Serien sind nichts Anderes als das Video in „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace, das einen dazu verdammt, es immer weiter zu sehen, bis man stirbt.
Wir sterben nicht, aber das Leben draußen rückt in immer weitere Ferne. Und wenn wir draußen sind, muss auch die Natur konsumierbar sein. Die wahre Herausforderung für uns Menschen liegt darin, mit Dingen umzugehen, die sich nicht konsumieren lassen. Oder deren Konsum uns schlichtweg überfordert. Liebe und Tod kann man nur in Maßen genießen. Ironischerweise wird die Natur, die wir mehr und mehr vergessen, vielleicht genau die existentielle Erfahrung liefern, die wir so nötig haben, wenn sie komplett außer Kontrolle gerät. Tsunamis, Hurrikans, Herbststürme. Das wäre dann die Rückkehr des guten alten Katastrophenfilms. Und natürlich ein super Motiv für Instagram.

Knut – ein Mörder?

Jeder große Star wird irgendwann von den eigenen Allüren eingeholt, nun ist das auch Knut, dem putzigen Eisbärchen passiert. Knut hat etwas Unglaubliches getan: Er hat einen Fisch getötet. Nein, noch viel schlimmer: Es waren sogar mehrere Fische. Das erinnert jetzt schon sehr an einen der alltäglichen Fälle, wenn das Babykrokodil, das man aus dem Urlaub mitgebracht hat, zu einem großen Alligator ausgewachsen ist und dann von der verständnislosen Frau Mama im Klo runtergespült wird, weil es ihr den Arm abgebissen hat. Hört sich unwahrscheinlich an, ist aber so.

So wie man den Allogator hier für seine eigene Natur bestraft, ergeht es nun auch Knut. Man ist entsetzt, weil ein Eisbär das getan hat, was er tun muss: Essen besorgen. Ungläubig schüttelte manch Zoobesucher den Kopf, als er hörte, dass sogar Menschen sich manchmal Nahrung besorgen, manche nicht einmal auf der Jagd, sondern perverserweise in einem Supermarkt.

Da kann man nur hoffen, selbst auf der richtigen Seite zu stehen und sich von all diesem vermeintlich natürlichen ekelhaften Verhalten distanziert zu wissen. Essen war früher und entspricht einfach nicht mehr dem Anspruch unserer modernen Gesellschaft. Es verursacht Mundgeruch und nutzt die Zähne ab. Vertrauen wir lieber auf die Nahrungseinheiten, die wir uns intravenös mittels des Footshooters verabreichen können. Wir essen keine Tiere, wir bringen ihnen bei, Monopoly zu spielen. Knut kann von Glück sagen, dass man das neue Niedlichkeitsgesetz noch nicht auf ihn angewandt hat, demzufolge jedes Tier, das dem Status der Putzigkeit entwachsen ist, sofort neutralisiert werden muss.

Der große Wandel III

Ole von Beust sitzt in seinem Büro und saugt an seiner Siegerzigarre. Mag sein, dass er die absolute Mehrheit verloren hat, aber er wird weiter regieren, und zwar mit den Grünen.

Der Gefreite Gerstensemmel steht bewegungslos in der Landschaft. Während seine Kameraden mit Gewehr im Anschlag über den Boden robben, gibt er sich einer völlig neuen Erkenntnis hin: Er hat eigentlich gar keine Lust dazu, auf jemanden zu schießen.

Bushido stapft durch Berlins dreckige Straßen. Es ist ein wenig mühsam, weil er es nicht mehr gewohnt ist, zu Fuß zu gehen und ein bisschen Angst hat er auch, weil überall so finstere Gestalten durch die Gegend ziehen, bei denen es sich vielleicht um echte Gangster handelt, die nicht nur darüber rappen, Leute zu verprügeln, sondern es wirklich machen.

Ole von beust versucht sich den Grünen anzunähern. Nachdem er ein bisschen, versucht hat zu stricken und seinen Mitarbeitern gesagt hat, sie dürften ab jetzt babsidemokratisch darüber abstimmen, wer die Kaffeekasse verwaltet, wobei natürlich klar ist, dass man jetzt nur noch Fair-Trade-Kaffee kauft, versucht er jetzt verzweifelt einen Joint zu bauen. Entnervt bittet er einen Praktikanten, ihm zu helfen. Weiterlesen „Der große Wandel III“