Stiehl Zeit,

hol dir den Verlust zurück aus all den Netzen der Vernetzung.

Stiehl Zeit,

sag Netflix, Facebook, Instagram: Wir haben eine Rechnung offen.

Stiehl Zeit,

betrachte Kratzer in den Bänken der Bushaltestellen,

fotografiere Wolkenwanderung,

atme den Duft der Landviehexkremente.

Stiehl Zeit,

leg einfach auf, wenn wieder Unbekannte anrufen, die dich beschenken wollen,

leg dich hin, wenn keiner damit rechnet – Wenn eine Warteschlange im Supermarkt sich hinlegt, machen sie mindestens noch eine Kasse auf.

Leg dich auf die Lauer. Jage das Lächeln unsteter Passanten.

Leg dich an mit allem, was dir Arbeit macht, oder was manche heute Arbeit nennen: Erstellen, eintragen, abrufen, abspeichern.

Leg ein Wort ein für die Pausenclowns der Straße.

Stiehl Zeit, stiehl Licht, stiehl Atemzug

und wenn du nicht gerne ein Dieb bist,

schenk Zeit ein in Becher, die zu lange trocken waren,

aber nicht in dumpfbackige Datenflüsse.

 

1. Meditieren und sich dabei vorstellen, man schwämme in einem Topf voll Schokolade.

2. Versuchen, wie lange man ohne Unterbrechung pfeifen kann.

3. Sich im Supermarkt neben den Kassenbereich setzen und einfach nur zuschauen.

4. Den Müll runterbringen – auch wenn es gar keinen gibt.

5. Zu Walgesängen tanzen.

6. Das Fenster anhauchen und dann den Mond einkreisen.

7. Seine Rauhfasertapete streicheln.

8. Die Wolken filmen.

9. Tee kochen, warten, bis er abkegühlt ist, damit die Blumen gießen, neuen Tee kochen.

10. Deutsches Fernsehen.

Novemberlicht,

du zarter Silberstreif am im Fensterkreuz,

du beste Trägerin der Farbe grau.

Novemberlicht,

du kleines freches Oxymoron, ich meine: November – Licht? Wer hat sich das denn ausgedacht?

Das ist doch Betrug!

„Im November, da machen wir einfach auch mal tagsüber das Licht aus, da sehen die Leute mal, was sie an der Sonne haben.“

Novemberlicht,

du Schattenpriester, du Dunkelolm, du falscher Fuffziger, du nasser Sack!

Novemberlicht,

was müssen wir tun, um dein Gemüt aufzuhellen?

Magst du Cookies?

Ist es, weil wir so viel Kürbissuppe essen und du ausgerechnet die nicht magst?

Novemberlicht,

es tut uns wirklich leid, dass du in der Jahreszeitenschule so gemobbt wurdest.

Aber was können denn wir dafür?

Wir tasten uns um die Mittagszeit durch kaum erkennbare Straßen, nur um dann festzustellen, dass das der Hausflur ist.

Wir stoßen ständig mit Menschen zusammen, die wirklich schlechte Laune haben.

Viele Menschen verlieren ihre Arbeit, weil sie den Weg dorthin nicht finden oder gar nicht mehr aufstehen.

Novemberlicht,

bist du einsam?

Wie wärs denn, wenn du eine Beziehung mit dem Juli anfingst?

Ach so, verstehe.

Hattest du schon.

Novemberlicht,

andere Monate haben auch schöne Tage.

Ja, ok, vielleicht ist das einfach dein Style.

Du willst uns sagen: Zu Hause ist es auch schön.

Kauft euch eine Wärmelampe.

Lest ein Buch.

Novemberlicht,

mach doch mal Urlaub.

Ich trink im Andenken an dich auch noch bei 40 Grad eine schöne Tasse Tee.