Morgengedicht

Der Morgen ists, wenn wir verdrängen,
wie unsre alten Wangen hängen,
wie grau die Wolken sich nun färben,
die Blätter an den Bäumen sterben.
Wenn wir erinnern: Es gab gestern
und ein Duell naht wie im Western
mit dem Tag, der nun beginnt,
an dem man selbst wie alles spinnt.
Dann wird uns selber jetzt auch klar,
dass eigentlich schon Mittag war.

Frag mich bloß nicht nach dem Weg!

Heute wieder passiert: Eine Studentin fragt mich nach dem Weg zum Bahnhof. Ich weiß nicht, ob das bei anderen auch so ist, aber ich werde wirklich oft nach dem Weg gefragt. Vielleicht weil ich einigermaßen harmlos aussehe.
Wenn ich dann zur Wegbeschreibung ansetze, ändert sich der Eindruck immer. Ich neige dazu, dann in eine Art atemlosen Vortrag auszubrechen, wo es jetzt lang geht, wobei ich immer rechts und links verwechsle, also jeden zweiten Halbsatz verbessern muss mit: „Und dann recht, nein links, also links, ja links, oder nein rechts!“. Außerdem beschreibe ich die örtlichen Gegebenheiten gerne genau. „Da ist so ein Spielplatz und dann kommt ein Glascontainer und dann dieses verbeulte Schild und dann muss man rechts, nein links…“
Am Ende der Beschreibung bin ich mir immer sicher, dass die Person nur noch schnell weiter will und auf jeden Fall nochmal jemand nach dem Weg fragt, weil es so konfus war. Es tut mir echt leid. Geografie und räumliche Orientierung sind einfach nicht meine Stärke. Wobei ich mich selber selten verlaufe. Ich weiß ja, wo das verbeulte Schild, der Spielplatz und der Baumstumpf sind, an denen ich vorbei muss.
Andererseits finde ich es toll, dass Menschen überhaupt noch nach dem Weg fragen, anstatt immer nur auf ihr Smartphone zu schauen. Vielleicht denken sie auch: „Ah, der sieht verrückt aus, mal schauen, was er für eine Wegbeschreibung zu bieten hat.“ Das wäre sowieso mal eine Idee: Einfach Leute nach dem Weg fragen. Wahllos. Und dann alle Beschreibungen nebeneinander legen. Man könnte seine Stadt ganz neu kennen lernen. Und die Menschheit. Und den Unterschied zwischen links und rechts.

Fahrradständer und Nazis

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An diesen Fahrradständern komme ich oft vorbei, wenn ich es eilig habe. Diese Ständer sind mein Leben gerade: Eine Reihe noch zu erledigender Dinge. Vielleicht müsste ich mal meine Festplatte defragmentieren. So sehe ich Fragmente, Spuren von verschiedenen Ichs, die alle einem Zeitplan hinterherhecheln, den sie nicht erfüllen können. Und dann ist irgendwo immer noch irgendwas mit Nazis.
Sorry, dass ich das jetzt erwähne, aber genau so fühlt es sich an. Irgendwo ist irgendwas, mit dem man sich auch noch mehr beschäftigen müsste. Schreiben, Vater sein, Werbung machen, auftreten und irgendwas gegen Nazis.
Es liegt bestimmt am Internet. Das ist doch die beste Entschuldigung heutzutage: Mangelnde Konzentrationsfähigkeit, Kapitalismus, Nazis – da ist alles das Internet schuld.
Und vielleicht stimmt das sogar. Wenn das Internet so etwas ist wie ein Abbild der Welt, dann wird man die Schuldigen in diesem Bild sicher irgendwo finden. Auf jeden Fall gibt es dort eine Menge Nazis.
Jetzt wird das so ein Nazi-Artikel. Dabei wollte ich über Fahrradständer schreiben. Wenn man sich nämlich vor diese Ständer stellt und auf die Knie geht und dann hindurchschaut, dann sieht man die Welt. Und dann sind die Ständer auf einmal großartig egal. Dann zählt nur die Straße, die dahinterkommt.
Hoffentlich ohne Nazis.

Social Media und Faulheit

Ich habe wirklich lange nichts mehr geschrieben hier. Das hat Gründe. Oberflächlich betrachtet, könnte man sagen: Ich war einfach zu faul. Bei näherer Betrachtung würde ich sagen: Ich war zu beschäftigt. Ich bin da bei, einige neue Projekte vorzubereiten, über die ich noch nicht so viel verraten will.
Außerdem lese ich mal wieder viel über Marketing und Social Media. Da steht dann immer: Man muss regelmäßig posten. Und dann bekomme ich immer ein schlechtes Gewissen, weil ich so lange nichts gepostet habe. Ich bin mir aber nicht sicher, ob die Qualität meiner Beiträge steigen würde, wenn ich ständig etwas veröffentlichen würde. Vielleicht habe ich da auch einen überzogenen Anspruch.
Was auch immer in diesen Büchern und Blogs steht: Man soll den Menschen etwas geben. Nicht immer nur erwarten, dass alle das egozentrische Geschreibsel lesen, das man so absondert, sondern den Menschen etwas geben, womit sie etwas anfangen können.
In diesem Sinne möchte ich allen sagen, die das hier vielleicht lesen und manchmal selber von Zweifeln und Gewissensbissen befallen werden: Ihr seid nicht allein. Zumindest ein anderer hat dieses Problem auch.
Und ich finde, diese Zweifel sind auch wertvoll. Das Netz ist viel zu voll von Datenmüll, der nur verbreitet wird, weil alle glauben, ständig etwas posten zu müssen. Wenn gerade wir, die wir das manchmal vielleicht zu wenig tun, mit unserem hohen Anspruch an uns selbst und unsere Texte häufiger etwas von uns geben, kann diese Welt eine bessere werden.

Wo geht die Reise hin?

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Diese Frage stelle ich mir oft in dieser Zeit. Ich befinde mich an einem Punkt der Weichenstellung und kann noch nichts dazu sagen. So wie auch diese Artikel hier auf nichtssagende Weise vielseitig sind.
Oft frage ich mich, ob die Frage, wo es hingeht, sich nicht immer stellen müsste. Es ist ja so: Man weiß nie, was passiert. Oder wie Wittgenstein sagte: „Dass die Sonne morgen aufgehen wird, ist eine Hypothese; und das heißt: wir wissen nicht, ob sie aufgehen wird.“
Genau genommen könnte jederzeit alles passieren. Die Frage, wo es hingeht, was man tun soll, stellt sich nur manchmal mehr oder weniger. Sie steht dann auf einmal im Raum wie ein unpassendes Möbelstück, das man all die Jahre ignoriert hat.
Ich weiß nur eines: Es wird etwas mit Sprache zu tun haben. Die Wörter gehen mir nicht aus. Ich könnte zum Beispiel einen super Roman schreiben über den Tag, an dem die Worte ausgingen. Der Anfang ginge so: „Und dann gingen auf einmal allen die Wörter aus…“ Der Rest schreibt sich dann von selber.
Man könnte auch sagen: Ist doch albern, sich diese Fragen zu stellen und daraus so ein Ding zu machen. Im Supermarkt verfällt man ja auch nicht in philosophische Betrachtungen darüber, welche Schlange man wählen soll. Wobei, wenn ich es mir recht überlege, könnte das schon sein.
Ich sollte einkaufen gehen….