Zwischen den Welten

IMG_20180916_134115
Zurzeit schwebe ich zwischen den Welten. In vielerlei Hinsicht. Tag und Nacht, Schlafen, Wach sein, Bühne, Heimkino, Schreibtisch Drogeriemarkt. Es ist ein ständiger Grenzübertritt.
Wie Dschuang Dsi frage auch ich mich, was nun real ist: Der Traum, der mir erscheint wie Wirklichkeit oder umgekehrt. Schon die Erwähnung von Dschuang Dsi zeigt, dass ich vielleicht einfach mal ein bisschen schlafen müsste. Schlaf ist relativ geworden für mich.
Je älter ich werde, desto weniger kann ich selber genau sagen, wann ich überhaupt wirklich geschlafen habe. Früher schlief ich eine Nacht durch und es fühlte sich an, als hätte ich Jahre in einer anderen Welt verbracht. Jetzt gleicht mein Schlaf dem Verzehr eines Döners: Es ist schon ok, aber man bringt es auch schnell hinter sich, um nicht zu viel von der niedrigen Qualität mitzubekommen.
Durch den Schlafmangel aus Gründen des Familienzuwachses erscheint aber auch die Realität oft eher wie ein Traum derselben. Immer öfter sage ich mir: Aber so ein Supermarkt, so ein Ort, an dem man sinnlos durch die Gänge fährt, um Müllbeutel in der richtigen Größe zu finden – so etwas gibt es doch gar nicht. Diese Konsumwelt ist nur eine Einbildung meiner kranken Phantasie. Oder diese Staus – das kann doch nicht echt sein. Kein normaler Mensch würde eine Stunde lang am Leonberger Dreieck stehen, nur um eine Strecke zurückzulegen, die ohne Stau in zwanzig Minuten zu bewältigen wäre. Das ist alles nur Einbildung.
Und dann sehe ich das Gras durch den Asphalt brechen und denke mir: Doch, das ist echt – und schlafe ein.

Fahrradständer und Nazis

IMG_20180828_131322
An diesen Fahrradständern komme ich oft vorbei, wenn ich es eilig habe. Diese Ständer sind mein Leben gerade: Eine Reihe noch zu erledigender Dinge. Vielleicht müsste ich mal meine Festplatte defragmentieren. So sehe ich Fragmente, Spuren von verschiedenen Ichs, die alle einem Zeitplan hinterherhecheln, den sie nicht erfüllen können. Und dann ist irgendwo immer noch irgendwas mit Nazis.
Sorry, dass ich das jetzt erwähne, aber genau so fühlt es sich an. Irgendwo ist irgendwas, mit dem man sich auch noch mehr beschäftigen müsste. Schreiben, Vater sein, Werbung machen, auftreten und irgendwas gegen Nazis.
Es liegt bestimmt am Internet. Das ist doch die beste Entschuldigung heutzutage: Mangelnde Konzentrationsfähigkeit, Kapitalismus, Nazis – da ist alles das Internet schuld.
Und vielleicht stimmt das sogar. Wenn das Internet so etwas ist wie ein Abbild der Welt, dann wird man die Schuldigen in diesem Bild sicher irgendwo finden. Auf jeden Fall gibt es dort eine Menge Nazis.
Jetzt wird das so ein Nazi-Artikel. Dabei wollte ich über Fahrradständer schreiben. Wenn man sich nämlich vor diese Ständer stellt und auf die Knie geht und dann hindurchschaut, dann sieht man die Welt. Und dann sind die Ständer auf einmal großartig egal. Dann zählt nur die Straße, die dahinterkommt.
Hoffentlich ohne Nazis.

Wenn die Gondeln Träume tragen

Gondel Winter
Dieser Ausblick offenbarte sich mir jüngst, als ich es wagte, mit einer Gondel einen Gipfel in Österreich zu erklimmen. Ich schwebte den Berg hinauf, wobei es hier eher so aussieht, als schwebte ich ihn hinunter.
Tatsächlich sieht man hier ja gar nicht, wo die Gondel einen hinträgt und auch die Gondel selbst sieht man nicht, nur aus der Anwesenheit der nächsten und dem gespannten Gondelseil kann man schlussfolgern, dass man sich wohl in einer solchen befände.
Das Leben erschließt sich vor allem aus dem, was man außen sieht. Ich sehe den Weg vor mir und schließe, ich müsste irgendwoher gekommen sein. Ich hänge an einem Seil, wobei ich mir nie sicher sein kann, ob ich wirklich daran hänge, oder nicht auch auf den Hängen des Berges unterwegs sein könnte.
Und die Welt? Sie erwartet einen in gebieterischer Kälte voller Erhabenheit. Der Gipfel scheint zugleich Bedrohung und Ziel zu sein.
Sicher wäre es nicht so verwirrend, den Gipfel zu Fuß zu erklimmen. Nur wäre es sehr viel beschwerlicher. Beim Kampf mit den Elementen verlöre man den Genuss der Aussicht und gewänne dafür einen Kragen voll Schnee.
Da gleite ich doch gerne ganz komfortabel durch die Lüfte und bin perspektivisch verwirrt.
Das Leben des modernen Menschen – ein gespanntes Seil über eisige Klüfte in Erwartung des Unglaublichen.

Der Baum aus der Unterwelt

DSC00015
Dieser Baum begegnete mir vor ein paar Tagen auf dem Heimweg. Er hat die Stadt betreten, um endlich reinen Tisch zu machen. Nun erwartet er neben dem Anwohner-Parkplatz-Schild das entscheidende Duell…
Die Häuser um ihn her kauern im Schatten seiner Macht. Die Tiefe, aus der er sich emporschwang, beherbergt sicher noch Dunkleres als ihn.
Ja, dieser Baum war mir wie der Einbruch des Wahnsinns in die Ordnung der Stadt. Das Leben, das in seiner Urgewalt alles Kleingeistige überwältigt. Ein Ding, das sich in keine Form pressen lässt, dessen Verzweigungen Anfang und Ende nur erahnen lassen, ein Etwas, das sich nicht begrenzen lässt.
Nur weiß ich auch: Dieser Baum ist in unserer Welt kein Protagonist. Er fristet das Dasein eines Abgehängten, dem man gerade noch sein Fleckchen Erde gönnt.
Während unsere Häuser uns alles sind, ist der Baum uns nichts. Wir sehen unser Leben grau werden im Mauerwerk.
Der irre Baum könnte die Rettung sein. Das, was sich der reinen Funktionalität entzieht. Was vielleicht nicht einmal nützlich ist, sondern schaurig schön. Das Lied der Regentropfen könnte der Ruf zum Abenteuer sein.
Also, mein Rat, bevor ich vollends dem Pathos verfalle: Guckt mal Bäume an, das hilft.

Der Gleitschirm

IMG_20180311_132249
Als ich heute morgen aus dem Fenster schaute, offenbarte sich mir der Anblick eines Gleitschirms. Oder vielmehr eines Gleitschirmfliegers. Wobei man von ferne natürlich nicht weiß, ob der Gleitschirm auch wirklich bemannt ist, er könnte ja auch ferngesteuert sein, mit einer Gleitschirmdrohne zum Beispiel.
Der Gleitschirm durchmisst die Weite der Luftströmungen, die Viefalt der Atmosphäre und tut nichts, als sich ihren Auftrieb zunutze zu machen. Ein bescheidenes Konzept der Fortbewegung, verglichen mit all den Fliegern, die einen Verbrennungsmotor benötigen.
Vielleicht sollte man so leben: Sich auf die Luftsrömung des Schicksals verlassen und gleiten. Nur muss man damit leben, dass es immer unmerklich ein bisschen tiefer geht.
Bei all der Versunkenheit in dieses Bild der Ruhem fiel mir aber auch ein, wie es sich wohl anfühlen muss, das Ding zu steuern. Wenn ich da oben säße, oder hinge, wäre ich ein von Adrenalin überschwemmtes Nervenbündel. Von anmutigem Gleiten könnte da keine Rede sein.
Und genau so könnte es sich wiederum mit meinem Dasein verhalten: Während ich mich in Panik verliere, wirkt es von außen, als gleite ich anmutig durch Wattewölkchen.