Der Morgen war wie jeder Morgen, an dem man versucht, alleine mit zwei Kindern aufzustehen. Ich konnte immerhin im Stehen mit der Kleinen umgeschnallt frühstücken, weil der kranke Sohn im Bett noch seine Milch trank. Bis ich ins Bad konnte, verging noch eine Stunde.

Wir schafften es, früh das Haus zu verlassen. Vorher hatte die Tochter noch ihren großen Moment. Sie wollte mich wohl trösten oder so, auf jeden Fall versuchte sie lachend, mir ihren Schnuller in den Mund zu stecken.

Auf dem Spielplatz bot der Sohn seine letzten Kräfte auf, um nochmal alles aus dieser Spielmöglichkeit herauszuholen. Er rutsche an die zwanzig Mal. Vielleicht auch, weil er ein anderer Junge ihm verboten hatte zu rutschen. So aus Prinzip. Auf der Rutsche fand er einen Stein und sagte, als hätte er ihn gerade wieder gefunden: „Ah, mein Rutschstein!“

Nach dem Ausflug schwanden dann die Kräfte beim Sohn. Und bei mir. Wir beide lagen im Wohnzimmer auf dem Teppich, während die Tochter uns quietschend umrundete und ich ihr mit letzter Kraft Spielzeug abnahm, das für sie noch zu klein ist.

Der Sohn litt wie ein Mann an seiner Erkältung. Die Beeren, die ich ihm anbot durften nicht zu kalt sein. Er aß sie so oder so nicht. Bevor er sich nochmal hinlegte, fuhr er wie ein trauriger Ritter mit seinem kleinen Besen bewaffnet langsam über den Lenker hängend auf dem Dreirad durch die Wohnung.

Beim Abendessen war er so durcheinander, dass er einfach aufstand, zur Wohnungstür ging, um ins Treppenhaus zu entschwinden. Ich fragte, was er denn dort draußen wollte: „Taschentücher holen.“

Heute nach der Heimfahrt von den Großeltern stiegen wir bei uns aus dem Auto. Ich öffnete die Autotür, um meinen Sohn und schaute in ein verrotztes Gesicht: Da schwante mir, dass es wohl nichts werden würde mit der Kita morgen. Später zu Hause dann Gewissheit: Schnupfen, Temperatur. Wir feiern also unser ganz privates Lockdown-Comeback. So wie es schon in Vor-Corona-Zeiten war, wenn das Kind krank wird.

Ich war ja schon verwundert, dass wir die erste Kita-Woche ganz ohne Infekt überstanden haben. Ansonsten war der Tag aber sehr schön. Morgens warf der Sohn Staubflusen zu seiner Schwester ins Bett und sagte: „Sie ist eine Seerobbe. Ich muss sie füttern.“

Den Nachmittag verbrachten wir dann bei den Großeltern, wo es guten Kuchen gab und vor allem ein Highlight für den Sohn: Eine selbst gezogene Gurke. Er ist ein echtes Gartenkind und kann Radieschen, Schnittlauch und Salat im Beet benennen.

Die Tochter hatte ihren großen Moment, als wir wieder zu Hause waren. Sie kommt so langsam überall hin, wo sie will und schnappte sich auch gleich etwas äußerst Wertvolles: Papas Winterschuhe. Die wollte ich eigentlich schon seit dem Winter in den Keller bringen. Jetzt haben sie einen neuen Lebenszweck gefunden.

Passend zu Tag 112 habe ich gerade eine Feuerwehrauto-Geschichte erzählt. Es war das Feuerwehrauto Chrr, das eine Spritze und eine Leite hatte, das war meinem Sohn ganz wichtig. Das Feuerwehrauto Chrr rettete viele Menschen aus einem Hochhaus, indem es seine Leiter ausfuhr, sie hinabklettern ließ und gleichzeitig mit seiner Spritz das Feuer löschte. Als alle ihm dankten, sagte Chrr: „Kein Problem Leute, ich bin ein Feuerwehrauto.“

Die Geschichte fand ich spannend. Der Sohn schlief allerdings innerhalb von fünf Minuten ein. Er hatte auch einen tollen Tag. Durfte in der Innenstadt in Tübingen auf dem Wasserspielplatz spielen. Der Wasserspielplatz besteht aus einem Trampolin, Steinen und Wasser. Ich weiß nicht, wer die seltsame Idee hatte, einen Spielplatz aus Steinen zu bauen. Eine befreundete Mutter brachte es gut auf den Punkt: „Ich glaube, die Kinder haben sich daran gewöhnt. Sie verletzen sich nicht mehr so oft.“

Der Tag begann im gewohnten Rhythmus. Es war also nichts mit ausschlafen. Der Sohn wachte früher auf als die ganze Woche über, wo das für die Kita ganz nützlich gewesen wäre und die Tochter sowieso. Sie kaute zum Frühstück eine Brezel. Der Sohn aß ein Ei.

Nach dem Frühstück durfte der Sohn ein Paket auspacken, was die Tochter zum Anlass nahm, sich heimlich Pappestückchen zu stibitzen. Danach fuhr ich fort, um im Sudhaus zum Jubiläum der Wüsten Welle aufzutreten.

Wir trafen uns später auf besagtem Wasserspielplatz wieder. Ich ging mit dem Sohn noch kurz einkaufen und war zu müde, seinen Forderungen zu widerstehen. Deshalb kauften wir außer Windeln noch zwei Baby-Löffel, ein Pixi- Buch und eine Atemmaske für Kinder.

Die Tochter spielte nach dem Abendessen intensiv mit dem Netz am Balkon. Und dann ging es auch schon ab ins Bett und um die Feuerwehr.

Der Sohn stand ganz ok auf, in der Kita dann das Drama. Er brüllte noch, als ich ging. Ich war mir nicht sicher, ob nicht gleich ein Anruf von der Kita kommt, dass ich ihn wieder holen soll. Es kam aber nichts. „Wenn du weg bist, ist es in zwei Minuten vorbei.“ Das sagen sie immer und es scheint zu stimmen. Irgendwann in diesen Tagen musste das ja mal passieren.

Vormittags spielten wir Ball mit der Tochter. Sie ist noch begeisterter davon, als es ihr Bruder schon war. Ein echtes Wurftalent. Zum Aufstehen hatte sie auch schon ihren Schnuller aus dem Bett geworfen.

Meine Frau und ich bauten das Kinderbett auf. Ist so ein faltbares Reisebett. Ich bin schon häufiger an diesen Dingern verzweifelt. Ich mache es immer falsch. Man könnte auch einfach mal ein Schild anbringen, auf dem steht: „Erst die Seitenteile einrasten, dann den Boden runterdrücken, nicht umgekehrt!!!“ Ich war schon drauf und dran, das Ding aus dem Fenster zu schmeißen.

Die Tochter versuchte in der Abendsonne den Schatten ihres Spielzeugs zu fangen. Ich kochte Risotto. Der Sohn hatte den Tag in der Kita überlebt. Er brüskierte mich als Poet mit der zusammenhangslosen Feststellung: „Das Gedicht muss man absperren!“ Aber es beschreibt die Realität eines Künstlers gerade sehr genau. Wäre eine neue Kunstform für diese Zeit: Das abgesperrte Gedicht.

Kurz vor dem Schlafen gehen sagte der Sohn noch: „Ich bin geimpft. Jetzt impf ich meine Schwester.“ Er wollte ihr sicher was Gutes tun. Wir waren alle müde und gingen in unterschiedliche Geschwindigkeiten ins Bett.

Der Sohn hatte es schwer mit Aufstehen heute. So wie ich. Wir sind beide noch nicht im Kita-Rhythmus angekommen. Während Mutter und Tochter durch das frühe Aufwachen der Kleinen schon vor Energie sprühten, waren wir eindeutig im Morgenmuffel-Modus. Der Sohn sagte nur Dinge wie: „Nicht aufstehen…Geh weg…Eine Milch…Weiter schlafen.“

Irgendwie ging es dann. In der Kita nahmen sie es zum Glück nicht so genau mit der Ansage, dass man auf jeden Fall bis halb neun da sein muss. Der Sohn durfte auch etwas später noch zum Frühstück. Wir waren auch nicht die einzigen mit solchen Problemen.

Ich war später mit der Tochter alleine und legte sie schlafen ins große Bett. Als sie wieder aufgewacht war, kam ich gerade noch rechtzeitig, um sie daran zu hindern, aus dem Bett zu rollen. Die Kleine kann sich immer mehr bewegen. Das stellte sie auch unter Beweis, indem sie zu meinen Schuhen rollte und begann, sie anzunagen.

Inzwischen beherrscht sie so eine Art Sternschritt im Liegen. Sie kann sich mit der Hand anschucken und in alle Richtungen drehen. „Sternschritt“ hieß das bei uns früher im Basketball in der Schule, wenn man sich auf einem Fuß um die eigene Achse gedreht hat, indem man den anderen Fuß versetzte.

Wir holten den Sohn aus der Kita ab. Er war bester Laune, betrachtete seine Schwester und ihre Mütze und sagte: „Sie hat eine Eulen-Mütze an!“ und fügte stolz hinzu: „Sie ist meine Schwester!“

Wir verbrachten noch zwei Stunden auf dem Teppich im Wohnzimmer, wo die Tochter in verschiedene Richtungen rollte, während der Sohn mit Holztieren spielte: „Hallo Enten, was macht ihr? Wir wollen im Zoo schwimmen und dann spielen wir da Elefant!“

Die Mutter kehrte heim, wir aßen Cous-Cous-Salat. Die Tochter zerlegte Brot. Alle waren müde. Der Sohn ordnete zum Runterkommen noch die Küchenhandtücher neu. Und dann schliefen die Kinder wunderbar früh ein.