Lampenfieber hatte ich ewig nicht. Heute doch ein bisschen. Mein erster Auftritt vor Publikum seit zweieinhalb Monaten stand an. Vielleicht war ich auch deshalb etwas überfordert vom Chaos des Vormittags. Der Sohn hatte mich schon rüde geweckt und rannte die ganze Zeit schreiend durch die Wohnung.

Es wurde etwas besser mit einem Pixie-Buch Vorlesemarathon. Die Mutter hatte dankenswerterweise für Nachschub gesorgt. Geschichten über Müllautos und Traktoren beruhigen einfach.

Nur die Tochter wollte sich nicht beruhigen. Sie beschloss, einfach mal gar nicht zu schlafen bis zum Nachmittag. Schließlich durfte sie mit Bruders Lego spielen. Duplo-Legosteine von einer grünen Platte reißen und rumwerfen. Das war ihr Ding.

Der Sohn schaute sich noch ein gelbes Auto an und sagte: „Das ist kein Taxi, das ist ein Dixie.“ Wenn er meint. Später passierte etwas Magisches. Alle wurden ruhig. Warum? Ich hängte Wäsche auf. Wäsche aufhängen finden beide super.

Und dann ging der Rest der Familie auf den Spielplatz. Ich durfte zum Balkontheater. Mein Lampenfieber war unberechtigt. Es war wie immer. Auch wenn ich es lange nicht gemacht habe, scheint es doch mein Beruf zu sein. Die Leute auf der Wiese und dem Balkon waren sehr dankbar und ich glücklich mal einen Teil der Kolleginnen und Kollegen wieder zu treffen. Es ging um Hölderlin, Wiedersehen im Western, Wiedersehen im Musical, Wiedersehen bei Schiller und Homeschooling.

Als ich beschwingt wieder heimkehrte, wurde ich vom Sohn filmreif begrüßt mit: „Da ist unser Papa!“ Da kann ich ihm auch verzeihen, dass er jetzt um halb elf nach wechselnden Versuchen beider Elternteile immer noch nicht schläft.

Heute kaufte ich groß ein für die Familie, das Wochenende und alles, was noch kommen mag. Wenn die Leute den Einkaufswagen sehen, denken die sicher: „Der ist aber spät dran mit hamstern.“ Nach dem Supermarkt war noch ein Besuch im Baumarkt dran.

Der Sohn durfte heute ein bisschen hämmern. Ich hatte im Kaufrausch auch gleich noch eine Säge eingepackt, bis mir wieder einfiel, dass das Kind doch erst zweieinhalb ist, aber ich genoss es einfach so, draußen unterwegs zu sein. Es beruhigte mich etwas, dass neben den Hämmern gerade ein Junge im Schulalter über seiner kleineren Schwester eine Axt aus dem Regal zog. Also gleich zwei Sägen mitgenommen.

Das Hämmern löste einen kleinen Begeisterungssturm aus. Nicht nur beim Sohn, sondern auch bei der Tochter, die jeden Hammerschlag lachend in ihrer Wippe kommentierte. Der Sohn fand es toll, immer mehr Nägel im Holz verschwinden zu sehen. Vor allem, wenn der Papa sie reinschlug. Nach dreißig Nägeln, sägte ich ihm zur Entspannung noch ein bisschen was vor.

Die kleine Schwester spuckte irgendwann noch ihren Schnulli aus. Der Sohn sagte: „Sie hat ihren Schnulli rausgebläst und zu uns geschmisst.“ Vielleicht hat das Hämmern ein bisschen das Sprachzentrum beeinträchtigt.

Zum Abendessen bewies der Sohn doch wieder Scharfsinn. Ich fragte ihn: „Soll ich dir das Fischstäbchen durchschneiden?“ Er zerteilte es mit seinem Löffel und sagte: „Durchlöffeln!“

„Zu den Kühen. Und den Pfauen.“ war die Antwort, als ich meinen Sohn fragte: „Wo sollen wir heute hingehen?“ Und kurze Zeit später ergänzte er noch: „Und auf den Spielplatz.“ Ich fragte mich noch, ob es für beides reichen würde, aber auf jeden Fall ging es zum Schwärzlocher Hof, den wir seit die Spielplätze wieder offen sind, etwas vernachlässigt hatten.

Dort angekommen stellten wir fest: „Der Spielplatz ist offen!“ So hatten wir heute eine unschlagbare Kombination aus Bauernhof und Spielplatz. Wir suchten die Pfauen, von denen gerade nur einer da zu sein scheint, suchten wieder die Pfauen, kletterten, schaukelten und suchten wieder die Pfauen.

Die Gastronomie hatte auch wieder geöffnet und so war es ordentlich voll. Kurz beschlich mich ein Gefühl wie: „Aber was machen denn all die Leute auf unserem Hof?“ So sehr war mir der stille Ort mit seinen Tieren ans Herz gewachsen. Jetzt werden dort, wie wir sehen konnten, schon wieder Hochzeiten gefeiert.

Man kommt sich schon etwas schäbig vor, wenn man halb verdreckt vom Spielplatz, mit Krümeln bedeckt und einem nörgelnden Kind durch so eine Hochzeitsgesellschaft navigieren muss, aber so hatte das Brautpaar vielleicht schon eine Vision von seiner Zukunft.

Der Sohn gab heute noch einige Weisheiten von sich. Mittags erklärte er mir: „Nudeln, die man gekauft hat, kann man essen.“ Beim Essen fragte er mich: „Bist du angeschnallt?“ Zwischendurch quietschte er. Ich fragte ihn, was hast du gesagt?“ Er quietschte und sagte: „Das hab ich gesagt.“

Auf die Frage: „Und, was hast du heute so gemacht?“ antwortete er: „Ich habe ein Schwätzchen gehalten.“ Gegen Abend durfte er dann noch mit Gemüse aus Holz spielen, das seine Mutter ihm mitgebracht hatte. Wir spielten fortan das, was wir beim Improtheater als schlechte Routine bezeichnen würden, aber wir taten es mit Begeisterung. Das klang dann so:

„Hallo, ich möchte bitte eine Karotte!“

„Ja, hier! Sonst noch etwas?“

„Ja! Noch eine Gurke!“

„Super! Was noch?“

„Ein Radieschen!“

„Okay! Was noch?“

„Kräuter!“

„Hier! Mehr habe ich leider nicht.“

„Kein Problem, Sie können mein Gemüse haben!“

„Gut, dann hätte ich gerne eine Tomate.

„Jawohl! Was noch?“

Und so ging das dann noch eine Weile weiter…

„Hallo, ich bin ein Gabelstapler!“ „Ja, guten Morgen, ich freue mich auch, dich zu sehen.“ „Er hat eine Kiste aufgeladen.“ Das war heute der ganz normale Morgendialog zwischen dem Sohn und mir. Nachdem er angezogen war, sagte er noch: „Meine Augen sind nass.“, was wohl als Scherz zu verstehen war, so wie er kicherte.

Den Rest des Tags verbrachte ich alleine mit der Tochter. Während ich noch einen wichtigen Film drehen musste, machte sie das, was sie schon kann: Sich beschweren oder vor Freude jauchzen. Von der Lautstärke her kommt es aufs selbe raus.

Außerdem sieht es so aus, als würde die Kleine so langsam krabbeln lernen. Es wird also wieder Zeit, die Wohnung abzusichern. Nicht so einfach, wenn man auch noch einen Sohn hat, der die ganze Zeit verschluckbare Kleinteile in jedem Winkel der Wohnung verteilt.

Wir machten das Beste aus dem Tag. Die Tochter durfte wippen, während ich Film dreht und ist jetzt vielleicht auch ein bisschen auf der Tonspur. Zum Einschlafen sang ich ihr Jazz-Standards vor. Als das nichts half, noch ein bisschen Johnny Cash. Beim „Folsom Prison Blues“ schlief sie dann ein.

Wir schafften es sogar noch, einkaufen zu gehen. Auf dem Heimweg erzählte sie mir eine wirklich lange Geschichte. Sie plapperte pausenlos. Ich bin wirklich gespannt, wie das wird, wenn sie sprechen kann.

Schließlich kehrten auch Mutter und Sohn wieder heim. Der Sohn hatte tagsüber ein bisschen geschlafen und war nun fit genug, um die Wohnung einzureißen. So ungefähr hörte sich das an, was er so machte. Vor allem ließ er seine Holzente über den Boden rattern und klopfte mit dem Stab, an dem die Ente ursprünglich mal fest gemacht war, überall dagegen. Zwischendurch rannte er auch mit seinem Kopf gegen andere Familienmitglieder. In der Kita wurde uns früher mal gesagt, das sei normal und ein Zeichen der Zuneigung.

Der Sohn testete noch diverse Lichtschalter auf ihre Funktion, sagte: „Ich bin eine Mandelfrau.“ und später beim Verzehr von Mangostücken rief er ansatzlos: „Mangomolch“. Dann war es Zeit ins Bett zu gehen und zwei Stunden später war er dann auch schon eingeschlafen.

Heute Abend um halb sechs verließ ich zum ersten Mal das Haus. Den Tag davor verbrachte ich mit zwei kleinen Kindern zu Hause. Ich war fest entschlossen, raus zu gehen, aber ich schaffte es nicht, irgendwas war immer. Abgesehen von dieser Niederlage in Sachen Frischlufterfahrung war es aber ein ganz netter Tag.

Der Sohn erzählte: „Meine Schwester hat mir gestern beim Zähne putzen ‚Gute Nacht‘ gesagt. Des kann die. So…“ Dann machte er ein Geräusch, das wohl in der Sprache der Schwester ‚Gute Nacht‘ bedeutet. Kurze Zeit überraschte er mich beim Spülmaschine ausräumen. Ich hatte gerade ein Glas abgestellt, als von unten eine kleine Hand mir etwas in meine große drückte und sagte: „Hier, die Butterdose.“

Die kleine Schwester machte sich auch bemerkbar, indem sie den halben Tag mit den Füßen auf den Boden bumperte. Eine andere Vokabel fiel mir dafür nicht ein. Der Sohn taufte seine Schwester neu, die er sonst hartnäckig als „Unkraut“ bezeichnet und sagte: „Sie ist ein kleines Bumperle.“

Meine Tochter stellte später fast Rekorde im Wippen auf, als ihr das Bumpern zu langweilig geworden war. In ihrer Kinderwippe, die eigentlich eine Art Baby-Sitz ist, schaukelte sie so forsch, dass ich mir Sorgen machte, sie könnte heraus katapultiert werden.

Der Sohn spielte mit mir Memory. „Memory spielen“ heißt für ihn, wir drehen wahllos Karten um, bis wir zwei gefunden haben, die zusammen passen. Wie oft man eine umdreht und wer das wann macht, ist völlig egal. Außerdem studierten wir ausführlich einen kleinen PLaymobil-Katalog, den ich ungefähr zehn Mal vorlesen musste. Bisher kam der Sohn noch nicht darauf, dass man die Sachen darin auch kaufen kann. Ich lasse ihn mal in dem Unglauben. Nebenbei erfuhr ich noch vom Hasen Parri, der bei den Indianern wohnt. Ich durfte ihn mit imaginärem Gras füttern.

Abends wurde ich dann abgelöst, entschwand schwebend ins Tai Chi und kam noch schwebender zurück. Die Mutter fragte den Sohn: „Warum hast du deiner Schwester die Socken ausgezogen? Sie braucht doch Socken.“ Er sagte: „Sie hat jetzt nackige Wollsocken, die man gar nicht sieht.“