Der Sohn weckte mich. „Milch! Eine Milch!“ Danach konnte ich noch ein bisschen schlummern. Milchsnoozen sozusagen. Die Tochter wusste beim Frühstück gar nicht, was sie wollte. Später stellte meine Frau fest, woran es lag: Die Zähne kommen so langsam zum Vorschein. Das wird ein Spaß in den nächsten Tagen.

Die Kinder durften aufs Land zu den Großeltern. Meine Frau und ich hatten Zeit für unsere Schreibtische und für uns. Ich schrieb ein Gedicht über Ferien auf dem Bauernhof für die Reimpatrouille. Nach der Hälfte der Zeit begannen wir auch schon, die Kinder zu vermissen.

Wir fuhren am späten Nachmittag los, um die Kinder wieder abzuholen. Ich durfte zum ersten Mal einen echten SUV fahren. Er wackelt ein bisschen mehr, wenn es windet. Ansonsten machten alle kleineren Autos ehrfürchtig Platz. Aber vielleicht lag das auch an meinem Fahrstil.

Angekommen bei den Großeltern trafen wir auf vier kleine Kinder. Die Cousins hatten auch noch vorbeigeschaut. Die Geräuschkulisse ähnelte einer Großbaustelle. Wir gingen noch Kuchen essen, um uns vom ersten Schock mit Zucker zu erholen.

Das Abendessen drohte zunächst auch, in Chaos und Geschrei unterzugehen, aber irgendwie kriegte der Sohn sich wieder ein. Ich hatte zuvor mit ihm ein Buch über die Tiere der Welt vorgelesen. Der Opa wies mich netterweise darauf hin, dass die Namen auf der Seite neben den Abbildungen standen. Ich hätte sonst keine Ahnung gehabt, wie ein Kreuzschnabel aussieht, ein Fischotter oder ein Narwal.

Der Sohn kann die Namen der Tiere so erschreckend gut, dass ich mir manchmal einbilde er könne vielleicht schon lesen, ohne es jemandem erzählt zu haben. Zum Nachtisch gab es Melonen, die der Sohn dem restlichen Abendessen vorzog. Auf der Heimfahrt schliefen beide Kinder binnen Sekunden ein. Nur zu Hause dauerte es noch etwas. Der Sohn musste sich noch Filme über Lastwagen und die Müllabfuhr anschauen.

Von der Hitze geweckt standen wir alle gar nicht ganz so spät auf, wie wir vorgehabt hatten. War aber auch ganz gut so, weil wir wieder familiären Besuch erwarteten. Der Sohn hatte erstaunlichen Appetit. Er aß ein ganzes Ei, wollte noch mehr und bestellte bei mir sogar noch Marmeladenbrot, auch wenn er das dann nicht mehr aß. Wir taten alles, um ihn davon abzulenken, dass das Knuspermüsli alle war.

Kurz darauf klingelte es an der Tür und Neffe samt Eltern und Oma stolperten aus den Hitzewolken in unsere noch kühle Wohnung. Wir stellten fest, dass der Neffe und die Tochter sich exakt gleich anhören, wenn sie sich beschweren. Irgendwann wusste niemand mehr, welches Kind jetzt gerade am Rumnörgeln war.

Am Nachmittag wagten wir uns todesmutig nach draußen in die Stadt. Nun bildeten wir einen dreiteiligen Kinderwagentross und wurden von Studierenden genau so belächelt, wie ich selber solche irren Familien früher belächelt habe. Wir stärkten uns mit Falafel und Smoothies. Der Wasserspielplatz im Herzen der Altstadt war für den Sohn genau das Richtige. Er goss und wusch all sein Sandelzeug, lieh sich sich bei einem anderen Kind eine Wasserpistole aus, mit der er uns erfrischte.

Später gingen wir einen Spieplatz weiter, wo die Tochter sich so lange beschwerte, bis sie auch mal endlich im Sand spielen durfte. Immerhin kann sie jetzt sitzen und Sand aus Gefäßen ausleerem, wenn der große Bruder sie ihr vorher auffüllt.

Unsere Wege trennten sich. Neffe und Familie gingen ins Hotel. Die Oma ging zum Zug. Mutter und Kinder gingen vor nach Hause und ich ging mit dem zweiten Kinderwagen einkaufen. Ich gehe sehr gerne mit dem Kinderwagen einkaufen. Es ist praktisch, weil man alles einfach reinschmeißen kann. Nur die Passanten betrachten einen mit Blicken, die sagen: „Der arme Irre. Wenn man sich Kinder wünscht, aber keine hat, fährt man irgendwann eben Kohlrabi spazieren.“

Beim Abendessen beschwerte sich die Tochter in einem fort. Kein Essen war gut genug. Bis sie Wasser bekam. Wasser trinken ist ihre neueste Entdeckung. Der Sohn sagte: „Ich will Halloumi-Käse und sonst gar nichts!“ Er bekam seinen Käse und aß sogar noch etwas Gurke. Er fragte: „Hast du einen Gurkentee?“ Ich verneinte.

Vor dem Schlafen gehen durfte der Sohn dank seiner Hartnäckigkeit noch Wasserfarben malen. Es entstand große Kunst. Zum Beispiel ein komplett orangener Regenbogen. Außerdem war es ihm ganz wichtig, dass nach jedem Bild das Wasser erneuert wurde. Daran erkennt man einen wahren Meister.

„Ich will soooo viele Puzzles machen!“ sagte der Sohn nach dem Aufwachen. Ich ließ ihn eines machen. Das reichte. Er hatte gute Laune. In der Kita ging er zum ersten Mal seit der Pause wieder ohne Tschüss zu sagen zu seiner Gruppe. Es war ein entspannter Morgen.

Ich baute eine Art Garderobenschrank auf. Damit ist es erst mal wieder genug mit Schränke aufbauen bei 30 Grad. Dafür hat unsere Wohnung jetzt völlig neue Maße. Der Sohn ist noch sauer, dass die Möbel nicht wie gewohnt stehen, aber er gewöhnt sich dran.

Die Tochter kann jetzt sitzen. Das ist natürlich toll, nur kann sie dabei jetzt auch umkippen. Jetzt beginnt also so langsam die Hinfall-und-Antsoß-Zeit. Man sieht immer in Zeitlupe, ich in doppelter Zeitlupe: „Ah, das könnte schief gehen.“ Und dann gibt es kurz Tränen.

Nachmittags war ich beim Frisör. Zwischendurch kam jemand rein und fragte: „Was kostet es, wenn man sich nur ein Haar schneiden lassen will?“ War wohl eine verlorene Wette oder ein Junggesellenabschied oder Corona-Spätfolgen.

Mutter, Sohn und Tocher holten mich ungeplant vom Frisör ab. Und fünf Minuten später schlug die Stimmung beim Sohn um. Er bekam den Tobsuchtsanfall des Jahrtausends, der von kurzem Atemholphasen und Esspausen unterbrochen wurde. Er wäre wohl lieber nach Hause gegangen. Wir waren aber noch Kinderklamotten shoppen.

Der Sohn zahlte es uns auf seine Weise heim und lief zwanzig mal in den Laden und wieder raus. Der Laden hat so eine schöne Glocke, die immer losgeht, wenn jemand reinkommt. Die Verkäuferin meinte nur müde: „Kein Problem. Wenn es mich nervt, mach ich sie aus.“ Sie war abgebrüht. Wir nicht.

Wir trafen den Neffen samt Familie, gingen am Marktplatz essen. Der Sohn erkundete so intensiv die Umgebung, dass wir im Wechsel mit ihm Spaziergänge durch die Stadt zum nächsten Kran oder Spielplatz unternahmen und in Schichten aßen. Es dauerte zu Hause auch nur noch zwei Stunden, bis er schlief. Vor lauter Hitze merkte ich nichts davon, auch wenn ich es war, der ihn ins Bett brachte.

Nachdem der Sohn in der Kita war, heute ein bisschen Drama bei der Tochter. „Wie? Du willst jetzt hier frühstücken? Ich will frühstücken!“ sollten ihr Kommentare, glaube ich, bedeuten. „Wie? Nur Brot? Und was noch? Irgendwas Neues vielleicht? Ich gehöre nicht zu diesen Langweilern, die jeden Tag das Gleiche essen!“ Zum Glück kam die Mutter heim und nahm sie mit zu den Großeltern.

Ich hatte den Rest des Tages eine Mission: Einen Schrank aufbauen. Zum Glück war ich nicht allein. Meine Helfer waren super. Nach zweieinhalb Stunden stand der Schrank. Leider fiel mir erst nach ihrer Abfahrt auf, dass der Schrank doch besser an die Wand geschraubt werden sollte. Er kippte um, wenn man die mittlere Schublade aufmachte.

Ich dachte mir: Kein Problem, bohr ich halt schnell zwei Löcher. Ich hatte die Rechnung ohne unsere Betonwände gemacht. Wir haben zwar eine Schlagbohrmaschine, aber so viel Schlag hat sie dann doch nicht. Ich schaffte es, eine Schraube einzudübeln, auch wenn das Loch drum herum eher wie ein Krater aussah. Das zweite Loch hatte ich so verhauen, dass ich eine größere Schraube samt größerem Dübel nehmen musste. Nur passte das ganze nicht mehr so Recht zum Halteloch im Schrank In einem echten MacGyver-Moment schaffte ich es, mit selbst ausgeschnittenen Pappunterlegscheiben, das Ganze halbwegs zu stabilisieren. Es hielt.

Direkt danach holte ich den Sohn aus der Kita. Und direkt danach bekamen wir Besuch. Ich lernte endlich meinen Neffen in Persona kennen. Dank Corona hatte dieses Treffen etwas auf sich warten lassen, auch wenn der Kleine jetzt schon ein halbes Jahr alt ist. Die meiste Zeit schlief der Neffe. Nach dem Erwachen stellte ich fest: Er ist sehr entspannt. Könnte mein Lieblingskind werden, aber vielleicht liegt das auch nur daran, dass er jünger ist als meine.

Mutter und Tochter kehrten heim. Wir aßen zu Abend. Der Sohn erzählte mir noch stolz, dass er einem Mädchen in der Kita Tee über den Kopf geleert hatte und dann Pause machen musste. Er machte noch die Erzieherin nach: „Lass das! Lass das!“ Ich musste mich um Ernsthaftigkeit bemühen, als ich ihm erklärte, dass das gar nicht ok war.

Die Tochter ging ins Bett. Der Sohn rannte durch die Wohnung und sagte: „Ich bin ein Renner!“ Und dann demonstrierte er, dass er mit seinem Kinderakkuschrauber schon Plastikschrauben in Plastikholz schrauben kann. Vielleicht baut er dann einfach den nächsten Schrank auf.

„Will nicht in die Kita. Will Puzzle machen.“ So begann der Tag. Schon das Ausziehen des Schlafanzuges hatte den Sohn an den Ran der Tobsucht gebracht. Ich war fast an dem Punkt zu sagen: Okay, dann bleibst du halt zu Hause. Aber irgendwie schafften wir es doch noch zur Kita. Und siehe da: Kaum hatten wir die Tür durchschritten, war der Sohn bester Laune und fand gerade noch so Zeit der Tochter und mir beiläufig zum Abschied zu winken.

Die Tochter protestierte wie immer, als ich versuchte, alleine zu frühstücken. Ich gab ihr Brot. Das war ihr zu langweilig. Nudeln waren dafür der Renner. Sie verputzte den ganzen Teller, oder sagen wir zumindest den Teil der Nudeln, der wirklich in ihrem Mund ankam.

Später schaute ich mit ihr die neuste Folge der „Reimpatrouille Corona“, zu der ich auch ein Filmchen beisteuern durfte. Am besten gefielen ihr ein Clip über das Saufen und den Kölner Karneval und eine Bob-Dylan-Imitation. Da ist der Grundstein für eine solide Pubertät ja schon gelegt.

Ich bekam noch etwas Ablösung und konnte Rückmeldungen an Studierende über ihre Kurzgeschichten schreiben. Zwischendurch holte ich den Sohn aus der Kita ab. „Heute hat er den ganzen Tag Kamillentee gekocht. Aus Sand und so.“ sagte die Erzieherin. Das ist doch mal eine pädagogisch sinnvolle Information.

Bald darauf kam auch schon die Mutter nach Hause und fasste das Chaos bei ihrer Ankunft sehr gut zusammen: „Es ist wie in so einer amerikanischen Comedy-Serie.“ Als einer der schrulligen Protagonisten dieser Serie ging ich noch zum Tai Chi und als ich heimkam, waren die Kinder schon eingeschlafen.