Weil es gerade so läuft mit den absurden Texten, hier noch einer. Wie immer gilt die Warnung: Wer auf Logik, Zusammenhang und so steht, könnte enttäuscht werden. Allen Anderen viel Spaß.

Die Rezension

Als sie meinen Körper fanden, war ich schon tot. Inspector Rotbutton beugte sich über mich und sagte: Es hat ihn also doch erwischt. Olga stand neben ihm und zitterte. Sie konnte nicht wissen, dass sie einem meiner Mörder gegenüberstand.

Alles hatte mit Enduricon angefangen. Ich hatte nach langen Recherchen ein Exemplar dieses prophetischen Textes auftreiben können und eine Rezension darüber verfasst. Einen Tag nach Erscheinen meines Texte im Journal für die apokryphen Texte der Saab, klopfte es an meiner Tür. Draußen stand ein Rabe. Ich wusste, dass sie diese Tiere einsetzten, aber ich hatte nicht erwartet, wichtig genug zu sein, um selber von einem aufgesucht zu werden.

Der Rabe sagte: „Sie haben ein Exemplar des Enduricon gelesen. Demnach kennen Sie die Botschaft, dass alles Leben nur lebenswert ist, wenn man sich dem Moment hingibt.“

„Das ist korrekt.“ sagte ich. Widerspruch war zwecklos. Die Raben waren bekannt dafür, einen Wahrheitssensor im Schnabel zu tragen.

„Ich muss sie defokussieren.“ sagte der Rabe. Kurze Zeit später fand ich mich in einem Trancezustand wieder, der mich gleichzeitig träumen und meinen Alltag wach erfahren ließ. Defokussierung war eine eigenartige Bestrafung. Sie schenkte einem die Gnade der Trance und ließ einen am Leben scheitern. Das war die Rache des Komittees. Sie ließen einen an der eigenen Philosophie scheitern.

Olga verzweifelte an mir. Ich ließ alles fallen. Teller, Tassen, ich war abwesend, wenn sie mit mir sprach. Der Rabe hatte nur einen schwarzen Punkt an unserem Türrahmen zurück gelassen.

„Was ist mit dir?“ fragte Olga. „Das kommt alles nur von den Büchern, die du immer liest.“ sagte sie.

Ich war längst in einer Sphäre des Geistes, die weit über das Lesen hinausging. Olga fuhr in Urlaub. Sie hielt es nicht mehr aus. Ich verhungerte. Unfähig, mir noch eine Mahlzeit zuzubereiten, oder das Haus zu verlassen. Ich schaffte es gerade noch, einen letzten Hinweis zu hinterlassen.

Ich schrieb „Pi“ auf einen Zettel als Hinweis auf meine eigentliche Lebendigkeit. Nach meinem Tod wurde mir bestätigt, dass die Konstrukteure ihn gefunden hatte.

Olga war schön, als sie weinte. Dieses Bild nahm ich mit in die letzte Galerie.

Ich habe mal tief im Archiv gegraben und einen Text aus der Kategorie „Absurdes“ gefunden, der sehr schön in die Jahreszeit passt. Ich muss nur eine Warnung an Menschen aussprechen, die eher Texte mögen, die sich leichter erschließen: Das wird hier nicht der Fall sein. Er ist wirklich sehr absurd. Deshalb mag ich ihn.

Der Morgenhimmel über Alaska

Der Morgenhimmel über Alaska hatte ausgesprochen gute Laune. Schon lange war ihm nicht mehr ein klares Blau gelungen. Er schaute auf die Pyramiden unter sich herab und dachte ein bisschen an die gute alte Zeit der Eisbären zurück. Die Eisbären, was waren das für nette Gesellen gewesen. Er hatte ihnen gerne beim Curling zugesehen und die Oper „Whoaaa!“ hatte er mit Genuss gehört.

Nun waren die Menschen nach 8000 Jahren zurückgekehrt und schlimmer als je zuvor. In ihrer neuen insektengleichen Gestalt waren sie noch schwerer zu ertragen als in ihrer Affenform.

Was trieb diese Wesen dazu, sich für die Krone der Schöpfung zu halten? Wer hatte sie glauben lassen, alles Andere um sie herum habe keine Seele?

Der Himmel schüttelte seine Ausläufer im Paralleluniversum. Das Telefon klingelte. Der Grand Canyon war dran. „Alter, ich habe dir doch mein Panoptikum geliehen, oder?“ „Ja, stimmt, sorry. Ich schick es dir mit einem Vampir zurück.“ „Mit einem Vampir?“ „Neues System. Große Pakete müssen jetzt immer von einem Vampir zusammengehalten werden. Die Da-Vinci-Reform, du weißt schon.“ „Was dieses Walross sich da wieder ausgedacht hat! Na gut, Hauptsache, das Panoptikum kann immer noch tanzen.“ „Ich pack ihm noch ein paar neue Schuhe ein, dann verhungert es nicht auf der Reise.“ „Ok, danke dir, schöne Nordlichtfeier.“ „Ja, danke, Karthago.“ „Karthago!“

Der Morgenhimmel räkelte sich noch ein wenig. Als das olympische Feuer wie üblich die Ablösung einläutete, hatte er sich schon wieder in den den Andromeda-Nebel zurückgezogen.

Was das Schreiben und Lesen angeht, habe ich eine Schwäche: Ich liebe das Absurde. Es gibt nichts Schöneres für mich als eine Geschichte über einen Hydranten zu lesen, der auf Wanderschaft geht, um das olympische Feuer zu interviewen.
Mir ist klar, dass viele Menschen angesichts eines solchen Szenarios die Augenbrauen hochziehen und sagen: Okay, alles klar… und einen dann in die Kategorie „bekloppt“ einordnen.
Woher diese Lust am Abgefahrenen? Dieses Suchen des Abwegigen? Was mich begeistert an solchen Geschichten oder sagen wir besser Bildern ist gerade ihre Unkonventionalität. Ich habe eine Menge Bücher gelesen, Filme gesehen, Literatur studiert und was soll ich sagen: Ich kann nachvollziehen, warum man sich eine stringente Geschichte, ein klares Thema, eine Bezug zur Realität wünscht.
Ich aber suche eine Herausforderung in der Literatur. Etwas, das jenseits der ausgetretenen Pfade liegt. Sicher lese auch ich gerne mal ein normales Buch. So ein bisschen Realitätsbezug schadet bestimmt nicht. Den größten Eindruck auf mich machen aber die Bücher, die im Kopf einen Sturm von verwirrenden Bildern auslösen, die einen mir einem großen „Hä?“ zurücklassen.
Die Suche nach dieser Verwirrung, diesem Moment, in dem man wirklich gar nichts mehr versteht, ist gerade der Reiz dieser Geschichten. Seien es Kurzgeschichten von Borges, Romane von Pynchon, das große Wagnis „Naked Lunch“ von William S. Burroughs. – Diese Werke haben mir viel Freude und Verstörung gebracht.
Vielleicht ist es nur der Ausflug in eine Absurdität, die sich selbst genügt, während unser Leben, dieser Alltag auf ganz andere Art und Weise absurd sein kann. Das Genießen von absurder Kunst ist vielleicht eine radikalere Herangehensweise an den Satz von Rilke: „Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein. „