Heute morgen mal eine Variation. Der Sohn schaute mich an und sagte: „Du bist ein Yak!“, anstatt zu sagen, was er sei. Kurze Zeit später sagte er: „Ich bin ein Schreitier!“ Wobei das Schreitier nicht schrie, sondern eher blubbernde Geräusche machte und seinen Schlafanzug kaute.

Mein Vormittag war wieder von virtueller Seminar-Arbeit geprägt. Neun kleine Bildschirme starrten mich an. Auf manchen sah man sogar jemand. Der Gesangsunterricht war lustiger. Schon gemein, wie mein Gesangslehrer trotz Latenz und Störgeräuschen immer noch hört, wenn ich daneben liege.

Der Sohn machte beim Nachmittagsimbiss interessante Entdeckungen: „Oh, ein kleiner Kürbis!“ sagte er, als seine Mutter ihm eine Aprikose präsentierte. Ich fragte ihn: „Na? Wie schmeckt’s?“ Er antwortete: „In der Kinderfabrik.“ Ich verstand den Zusammenhang nicht, aber ich erfuhr, dass wir eine Kinderfabrik in der Wohnung haben, die sich beim zweiten Kühlschrank befindet. Jetzt muss ich nur noch rausfinden, wo dieser zweite Kühlschrank ist.

Und dann erlebte ich noch etwas Besonderes, lang nicht Dagewesenes: Ich war beim Frisör. Tonnen von Haaren durfte ich da lassen. Zuerst musste ich natürlich meine Hände desinfizieren und den Meldezettel ausfüllen. Und die Frisörin etwas aufheitern, die sichtlich genervt war. Sie sagte: „Jetzt kommen sie alle! Dachten alle: Ach, ich warte noch ein bisschen und jetzt tauchen sie alle auf!“ Und natürlich: „Na, Sie haben auch selber an Ihren Haaren rumgeschnitten, hä?“

Ich schwebte durch die Stadt, wo langsam eine allgemeine Biergarten-Saison eröffnet wird, so wie es aussieht. An jeder Ecke hockte jemand oder eine Gruppe mit etwas Abstand zu anderen mit einem Bier in der Hand. Ich glaube, das wird noch sehr lustig auf den Straßen diesen Sommer. Wenn Ende Juni jetzt auch noch wirklich die Kitas aufmachen sollten, reih ich mich ein.

Der Sohn sagte noch Abends: „Du hast mein Feuerwehrauto gebaut.“ Ich versuchte, ihm zu erklären, dass so ein Playmobil-Feuerwehrauto in der Fabrik zusammengebaut wird. Das fand er noch besser. Ansonsten war er unheimlich brav. Selbst das wöchentliche Bad lief ohne Geschrei ab. Das übernahm dafür seine Schwester.

„Hihi, ich bin ein Lachgespenst!“ – so eröffnete der Sohn den Montag. Nach dem tollen Tag gestern, konnte der heute erstmal nicht besser werden. Wir kämpften uns durch einen Vormittag voller Wutanfälle. Unter anderem, weil der Sohn unbedingt den „Affen-Film“ sehen wollte. Leider wussten beide Eltern nicht, was gemeint war.

Mittags war ich mit den Kindern auf dem Spielplatz. Das besserte die Laune. Der Sohn kann inzwischen klettern, dass mir schwindelig wird. Er warf Sand in eine Röhre und sagte: „Ich will den ganzen Tag hier Sand rein machen.“ Der ganze Tag dauerte dann eine halbe Stunde, während der er murmelnd zwischen verschiedenen Röhren und Eimern hin und her kletterte: „Des passt noch rein und des…des sind die Flocken…in die Glocken…“

Beim Bäcker durfte er sich was zu essen aussuchen: „Ich will a Weckle – ohne Körner!“ Das bekam er. Die Tochter bekam zu Hause Brei. Schon ihr Bruder war früher eher schwer zu füttern, aber sie hat zusätzlich die Gewohnheit, einem den Löffel wegzunehmen und dann kräftig zu schütteln. Ich sah nach kurzer Zeit aus wie ein abstraktes Karotten-Kunstwerk.

Der Sohn kletterte während der Fütterung auf den Tisch vor uns, quiekte und kreischte: „Sie hat den Papa dreckig gemacht!“ Ich hatte mir eine Pause verdient und die Kinder durften in guter Begleitung auf den Spielplatz. Der Sohn kletterte noch mehr und kam mit leicht blutiger Nase zurück. Es war also ein voller Erfolg.

Zu Hause kochte der Sohn noch etwas mit Knete. Und er erklärte auch, warum das möglich war: „Wir haben tatsächlich neue Knete gekauft!“ Tja, die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, sagt Wittgenstein. Ich fragte noch, was der Sohn aus Knete kochte. Er sagte: „Papasilie“.

Beim Abendessen flippte er noch komplett aus. Baute vorher Höhlen aus unseren Matratzen und lieferte zum Schluss die perfekte Erklärung für sein Verhalten: „Ich bin doch schon groß und klein.“

Als mein Sohn die Riesenschildkröte über sich hinweg schwimmen sah, hatte ich kurz Angst, er könnte vor Begeisterung einen Anfall bekommen. Was war passiert? Von Anfang an. Der Tag begann mit dem versuch, mit zwei Kindern das Haus zu verlassen. Was sich einfach anhört, erweist sich regelmäßig als Ding der Unmöglichkeit.

Vor allem wenn man zu einer bestimmten Zeit das Haus verlassen will, um zu Besuch an den Bodensee zu fahren. Wir verpassten unsere geplante Abfahrtszeit nur um 20 Minuten. Rekord.

Die Autofahrt war völlig unspektakulär, niemand schrie oder hatte auf einmal Hunger. Angekommen trafen wir unseren hoch geschätzten Gastgeber, der sich über Enkelbesuch freute und gingen ins Sea-Life, eine Art Ansammlung von Aquarien. Für Erwachsene ist es sicher ganz nett, sich ein paar exotische Fische anzuschauen. Für einen Zweijährigen war es offenbar unglaublich.

Der Sohn war schon von den heimischen Karpfen die ganz am Anfang der Ausstellung kamen so geplättet, dass ich kurz überlegte, ob ihn der Rest nicht überfordern könnte. Wir lustwandelte an den Aquarien vorbei, die der Sohn mit einem eigens auleihbaren Hocker besichtigen konnte und sagten Dinge wie: „Guck mal, ein Zackenbarsch.“

Die Fische waren schon unglaublich, aber ganz am Ende kamen dann auch noch Eselspinguine. Und die wurden dann auch noch gefüttert. Genauer gesagt waren es Eselspinguine und der älteste von ihnen hier „Sir Edward“. Danach flanierten wir am Konstanzer Hafen entlang. Der Sohn war hin und weg von den Booten, „die sogar Rettungsringe“ an Bord hatten.

Auf dem Spielplatz, auf dem übrigens von Social Distancing nicht die Rede sein konnte, fand die Begeisterung ihren Höhepunkt und es wurde geradezu philosophisch. Ich schuckte meinen Sohn in der Schaukel an und er sagte: „Ein Mensch sitzt in der Schaukel.“

Beim Besuch zu Hause wurden wir großartig bekocht. Der Sohn spielte und erfand spontan die Yogafigur „Erde lachen“: Die Tochter quietschte vor Begeisterung über alles den halben Wohnblock zusammen. Selbst als der Sohn sich am Stuhl anstieß, sagte er nur auf die Frage „Ist es schlimm?“ – „Es blutet nicht.“

Es gäbe noch viel mehr zu erzählen, aber mir fehlen etwas die Worte. Wir kamen gut wieder zu Hause an, nach einer Heimfahrt, die die Hinfahrt an Ruhe noch übertraf. Zu Hause lernte ich noch etwas. Ich schaute ins Yakari-Pixie-Nuch und sagte: „Ah, ein Waschbär.“, aber mein Sohn verbesserte mich: „Das ist doch kein Waschbär. Das ist ein Katzchenfrettchen.“ Mit dieser Erkenntnis kann man doch schlafen gehen.

Der Tag begann damit, dass ich das Bad halb unter Wasser setzte. Hat auch Nachteile so eine Dusche ohne Schwelle. Wenn da der Abfluss ein bisschen verstopft ist, läuft das Wasser schön ungehindert ins Bad. Es passte zum Wetter.

Ich kämpfte mich durch den Regen in die Stadt, um ein bisschen einzukaufen. In engen Läden bekam ich Mordfantasien, wenn die Leute zu lange irgendwo rumstanden und ich wegen der Abstandsregel nicht vorbei kam.

Die Stimmung war schlecht. Schon vorher haben sich Leute ja gerne über irgendwas beschwert. Jetzt kann man sich über noch mehr beschweren: Dass die Wagen desinfiziert werden, dass sie nicht desinfiziert werden, dass sie nur drei Mal am Tag desinfiziert werden, dass jemand zu viel Abstand hält, dass jemand zu wenig Abstand hält…

Zu Hause hellte sich meine Stimmung etwas auf, als ich den Sohn auf dem Balkon traf. Meine Frau war die Kleine stillen und sagte: „Hast du kurz ein Auge auf ihn?“ Ich warf einen Blick auf den Balkon, der Sohn hatte einen Stock in der Hand. Ich fragte: „Was machst du?“ Er antwortete sehr schnell: „Ich mach nix! Ich mach keinen Quatsch!“

Er stocherte mit dem Stock durch die Gegend, warf einen Blick auf die Erdbeerpflanze und sagte: „Ich will kleine Erdbeeren!“ Eine war tatsächlich gewachsen, aber das reichte nicht. Zum Glück hatte ich Erdbeeren mitgebracht. Der Sohn setzte sich an den Tisch. „Das sind große Erdbeeren. Ich will kleine Erdbeeren!“ Nichts zu machen. Der Sohn atmete tief durch und aß den Rest von seinem Mittagessen: Einen Löffel Pesto pur.

Beim Abendessen entdeckte die Schwester feste Nahrung für sich. Wir versuchen es schon ein paar Tage. Heute hat es wohl klick gemacht. Sie verputzte ihren Karottenbrei und protestierte, sobald der Löffel eine Sekunde zu lang von ihrem Mund entfernt wurde. Bin gespannt wie das später bei ihr wird mit den Erdbeeren.

Der Sohn puzzlete sich durch den Morgen. Er kommentierte sein Spiel: „Hier ist der Junge mit dem Papagei, hier wurde die Gans gestohlen, hier ist die Kamera.“ Wo die Kamera ist, das wüsste ich in letzter Zeit gerne auch manchmal.

Nach den üblichen Vorverhandlungen brachte ich den Sohn zum Anziehen. Als wir den Pulli über den Kopf zogen, blieb er kurz stecken. Nach erfolgreicher Befreiung sah er an seinem Pulli hinunter und sagte: „Hihi, ich war da drin.“

„Drinnen scheint gerade ein Thema zu sein. Ich ging mit ihm die Treppe hinunter, um seinen neuen Stuhl aus dem Auto zu holen. Er besah sich die Treppe und sagte: „Das ist eine Drinnen-Treppe. Die ist drin.“ Es gibt auch Draußen-Treppen. Zum Beispiel die in unserem Hof, die er gerne hinunter hüpft. Uns wäre es lieber, wenn er immer nur die letzte Stufe hüpfen würde, aber er hüpft bei jeder Stufe. Begründung: „Ich muss doch hüpfen!“

Wir hatten wieder ein bisschen frei, um zu arbeiten. Ich durfte mich durch eine Präsentation über Archetypen kämpfen. Beim Punkt: „Geliebte“ hatte ich kurzzeitig ein Bild des Bachelors eingefügt, aus der gleichnamigen Reality-Show, ich beließ es dann aber doch bei der berühmten Szene aus Titanic. Weiß nicht, ob die Studierenden meinen Humor teilen.

Sohn, Tochter und Begleitung kehrten vom Spielplatz wieder zurück. Wir fragten, wie es war. Er sagte: „Da war eigentlich niemand, den ich kenn.“ So übernahm es die Mutter, mit den Kindern noch zum Sandkasten im Hof zu gehen, während ich mich weiter ins Präsentieren hineinsteigern konnte.

Beim Essen kam der Sohn auf einmal auf mich zu, kletterte auf meinen Schoß und flüsterte mir ins Ohr: „Hallo, hallo, hallo.“ Eine ganz spezielle Geste der Zuneigung, die er von seiner Mutter gelernt hat. Er ging verblüffend schnell ins Bett, nur seine Schwester war äußerst unzufrieden. Ich nahm sie auf den Schoß, flüsterte ihr „Hallo, hallo, hallo.“ ins Ohr und dann war alles gut.