Der Baumstamm mit dem Katzenauge

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Dieses Bild habe ich vor ein paar Monaten gemacht und jetzt sprang es mir gerade aus meinem Mobiltelefon heraus ins Auge der Erinnerung. Das Katzenauge weist dezent auf das Ende des Baumstamms hin, wahrscheinlich, um einen Zusammenstoß zu verhindern. Der moderne Mensch braucht solche Hinweise. Ist es doch alles andere als normal, Baumstämme im öffentlichen Raum anzutreffen.
Baumstämme dürfen zur Zier Fußgängerzonen mit ihrem Erscheinen bereichern. Treten sie anders auf, sorgen sie schnell für Irritation. Man nehme einmal an, so ein Baumstamm beträte auf einmal eine Bäckerei. Der Baumstamm könnte ja gar nicht am normalen Betrieb der Bäckerei teilnehmen. Er wäre außerstande, ein paar Brötchen zu bestellen. Mit etwas Phantasie könnte man sein erscheinen noch interpretieren als den Konsum von Sauerstoff mit Brötchengeruch.
Auch das wäre natürlich allerhand, bzw. aller-Ast. Der Brötchenduft ist ja quasi umsonst. Wenn jetzt aber so ein Baumstamm sich jetzt aber in einer Bäckerei breitmacht, muss er dann nicht zumindest ein bisschen Platzmiete abdrücken? Muss er nicht. Der Baumstamm ist als Baumstamm ja immer ästhetisch. Gibt es einen Zusammenhang, in dem ein Baumstamm hässlich anzusehen wäre? Vielleicht, wenn er sich als Fabrikschlot verkleidet, oder wenn er eine zerrupfte Perücke trägt. Wahrscheinlich wäre auch das eher erheiternd.
Ich finde, dieser Baumstamm sieht auch ein bisschen aus wie die Schnauze eines Nilpferds. Das Katzenauge wäre dann das Nasenloch. Dann ergäbe das Katzenauge auch Sinn. Schließlich ist ein Nilpferd ja noch außergewöhnlicher im öffentlichen Raum als ein Baumstamm.

Warum überhaupt schreiben?

Warum überhaupt schreiben? Diese Frage stelle ich mir oft. Ich schreibe eigene Texte seit den bewegten Tagen meiner Jugend. Das sagt wohl so ziemlich jeder, der schreibt. Glaubt man gewissen Philosophen, besteht die Welt sogar in erster Linie aus „Geschriebenem“. Erst das Fixieren in einer Art von Schrift erzeugt demnach etwas, das wir Wirklichkeit nennen können. Man kann sich darüber streiten, ob das stimmt. Es gibt aber einen Hinweis darauf, welche Funktion das Schreiben für uns haben kann.
Das Schreiben hilft dabei, sich seine Welt zu konstruieren und gleichzeitig wird mir durch mein Schreiben erst sichtbar, wie ich meine Welt konstruiere. Das Schreiben zwingt mich, meine Gedanken in einer Reihenfolge zu bringen. Erst hier wird aus den Assoziationen eine Spur, der man folgen kann.
Nur warum tue ich das? Woher dieses Bedürfnis, sich immer wieder des eigenen Denkens zu versichern? Das hat ein Dozent uns schon am Anfang meines Philosophie-Studiums gefragt. Eine simple Antwort wäre vielleicht: Weil ich es kann. Andere machen vielleicht lieber ständig Fotos von sich, weil sie das können. Das ist eine andere Art, sich selbst zu reflektieren.
Die zweite Antwort wäre: Weil ich es nicht kann. Vielleicht sind Andere sich ihrer Sprache derart sicher, dass sie sich nicht weiter mit ihr beschäftigen müssen. Aber was heißt hier Andere? Alle schreiben ja irgendwie.
Schreiben, wie ich es begreife, ist ja eher kreatives Schreiben, ein Schreiben, das Mitteilung macht von den Geschichten, die ich mir ausdenke, von dem speziellen Blickwinkel auf die Welt, dessen Farbe ich für wertvoll halte.
Das mag narzisstisch sein. Doch wie sagte jemand mal so schön: You got to get in to get out. Dem Narzissmus entrinnt man vielleicht nur, wenn man sein Schreiben eben nicht für sich behält, wenn man den Spiegel, in dem man sich sieht, öffentlich macht.
Das Schreiben ist mein Anker in der Welt, auch wenn es oft den Anschein macht, als sei ein Schreibender der Welt abgewandt. Ich glaube, durch das Schreiben gewinnt man eine Welt. Und vielleicht bleibt man damit nicht allein.

Kunst und Geld I

„Ich muss ja auch davon leben!“ Diesen Satz sagen wir Künstler allzu gerne, wenn wir unsere Gagenforderungen begründen. Und es stecken einige traurige Wahrheiten in diesem Satz. Zum einen: Man muss von seiner Kunst leben. Muss man das? Kafka hat nicht von seiner Kunst gelebt. Das Geld, das er mit Büchern verdient hat, war nicht der Rede wert. Das Meiste wurde wohl nach seinem Tod erwirtschaftet. Dennoch hat wohl kaum ein Künstler so von der Kunst gelebt wie Kafka. Seine Nächte waren erfüllt vom atemlosen Schreibmarathon des Besessenen. Gar nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn er damit aufgehört hätte.
Nur lebte Kafka in einer Zeit, in der man gar nicht unbedingt erwartet hat, dass ein Künstler von seiner Kunst lebt. So kommt es mir zumindest vor. Heutzutage hat man doch das Gefühl, wenn jemand sich Künstler nennen will, dann muss er oder sie auch davon leben können. Nicht ganz unlogisch. Man sagt ja auch nicht: Ich bin Schreiner! Und arbeitet in Wirklichkeit bei der Post.
Andererseits ist doch der Anspruch von Kunst, auszubrechen aus dem Zwang des Marktes. Warum muss mit etwas Geld verdient werden, das doch ein kleines Universum für sich selber sein soll, Ausdruck des Absoluten in Miniatur? So kommt es auch, dasss man mit seiner Kunst auch nicht allzu beliebig Geld verdienen darf. Wenn man Werbe-Spots dreht, darf man höchstens Schauspieler sein. Unvorstellbar, dass Gerhard Richter das neue Logo von H & M malt, um einfach Geld zu verdienen. Dabei wäre das vielleicht sogar ganz nett. Würde sicher interessant aussehen.
Man muss aber auch von seiner Kunst leben, weil man ja Kunst macht und nebenher nur schwer etwas Anderes machen kann. Es sei denn, man ist Kafka, aber der ist auch jung gestorben. Oder man beschränkt seine Kunst auf einen gewissen Zeitraum. Das wiederum gilt aber vielen dann nur als Hobby, was man gemeinhin auch als minderwertig ansieht.
So macht man dann eben doch Kunst, die Geld verdienen soll. Nur eben nicht gleich für H & M, sondern für kleinere unbekannte Unternehmen, wo es keiner mitbekommt. Oder man versucht einfach direkt, seine Kunst zu verkaufen. Nur wird sie dann zum Produkt und muss die gerade herrschenden Gesetze des Marktes erfüllen. Da macht man dann auch gerne Dinge mit seiner Kunst, die man selber gar nicht mehr gut findet, die aber Absatz garantiert.
Andererseits: Warum darf die Kunst nicht einfach schnöde kapitalistisch und kulturindustriell sein, um als wahre Kunst zu gelten? Sind die Erfinders der Bitcoins nicht auch irgendwie Künstler? Vielleicht mehr als Andere? Schließlich geht es bei ihnen nur noch um Geld. Das ist doch auch eine Art von Performance.
Ich weiß nicht. In mir schlummert trotz allem immer die Sehnsucht, Ausdruckstanz mit Rindenpercussion zu inszenieren. Oder mal ein Stück aufführen, bei dem niemand zuschauen darf. Und dann dafür extrem subventioniert werden. Ich verwickle mich in Widersprüche… Für die Kunst ist das sicher ein gutes Zeichen…
To be continued…

Werbung für sich selber machen

Nichts hasse ich mehr, als Werbung für mich selber zu machen. Als Künstler ist man einen Großteil seiner Zeit damit beschäftigt, sich anzupreisen. Ständig muss man verkünden: „Ich habe ein neues Projekt! Ein neues Buch! Einen neuen Auftritt! Und jetzt: Überraschung gibt es ein Comeback des alten Projekts/ Buchs/ Auftrittes, das ist ja noch viel toller! Und jetzt zeige ich euch mal die Sachen, die nur so mittel sind, das ist sowieso das Geilste! Und außerdem bin ich gerade total existent!“
Ich weiß: Anders geht es nicht. Die Leute müssen ja irgendwie erfahren, dass es einen gibt. Das allerschlimmste ist: Die meiste andere Werbung funktioniert bei mir gar nicht. Ich gehe so gut wie nie zu irgendeiner Veranstaltung, weil ich genau da hin will. Ich gehe zu einer Veranstaltung, weil ich Zeit habe. Das ist alles. Wenn ich frei habe, schaue ich in die Zeitung und überlege, an welchen Ort ich gehen will, wo irgendwas Kulturelles passiert. Und im Prinzip ist es mir egal, was es ist.
Also, ich will schon etwas sehen, was galaktische Qualitäten hat, aber ich weiß auch, dass sich hinter einer spektakulären Ankündigung oft Scheiße verbirgt und der lapidare Kommentar: „Kurt und seine Freunde machen Kunst.“ sich manchmal als die abgefahrenste Veranstaltung entpuppt, die ich je gesehen habe.
Vielleicht ist das auch das Problem: Ich finde es völlig ok, wenn das, was ich da sehe schlecht ist. So lange es auf eine Art schlecht ist, die echt einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlässt. Es gibt aber eben sehr viele Leute, die auf eine ganz nette Art unterhalten werden wollen, ohne postmodernes Kunstverständnis.
Diese Werbung! In dunklen Stunden wünsche ich mir eher so ein sozialistisches Modell von Kultur. Es gibt das zu sehen, was da ist. Man kann eine Karte fürs Theater kaufen, aber was da kommt, weiß man nicht, einfach Kunst, weil man ja ein Recht auf Kunst hat. Irgendwelche Leute führen irgendwas auf, weil irgendwer entschieden hat, dass sie jetzt die Künstler für den Abend sind. Punkt.
Das Problem bei einem solchen Modell wäre natürlich: Wer wählt dann die Künstler aus? Da müsste man dann trotzdem eine Form von Eigenwerbung betreiben. Und die wäre vielleicht noch viel anstrengender als die heutige.
Dann wurschtel ich mich vielleicht doch besser weiter so durch. Ich könnte alternativ auch alles schlecht machen: „Das ist echt das übelste Programm, das ich je gemacht habe! Da würde ich bestimmt nicht reingehen!“ Vielleicht strömen dann die Massen. Oder ich bekomme zumindest Besuch von Kurt und seinen Freunden.

Über die Unmöglichkeit, Musik zu machen

Mein Leben lang versuche ich Musik zu machen. Als Kind bin ich bei unseren Nachbarn immer ein bisschen Gitarre und Schlagzeug spielen gegangen. Und ich war echt gut. Alle waren mega-begeistert. Kein Wunder, ich war ja auch erst drei oder so.
Dann habe ich ab der Grundschule 13 Jahre lang klassische Gitarre gelernt. Das war durchaus schön, ich durfte mit einem Gitarrenquartett und einem Jugendorchester Stücke aus der Renaissance spielen. Irgendwann hat mich meine Lehrerin sogar an ihre Laute gelassen. Und so eine Laute ist echt ein wertvolles Instrument.
Es war nur etwas frustrierend, weil ich zwar super spielen konnte, aber eben nur Stücke aus Renaissance, Barock und Romantik, was am Lagerfeuer oder im Pausenhof wirklich niemand hören will.
Ich habe natürlich auch gelernt, wie man Stücke begleitet, aber in meiner speziellen Situation saß ich vor so einem Song wie das ewige „House of the Rising Sun“ und dachte: Echt jetzt? Diese immergleichen Akkorde soll ich jetzt fünf Minuten lang spielen? Es kam mir wirklich total blödsinnig vor, so Musik zu machen.
Im Studium habe ich dann gar nicht mehr gespielt und war mit anderen Dingen beschäftigt. Erst danach habe ich wieder zur Klampfe gegriffen. Ich hatte das ganze Klassik-Zeug verlernt und war nun endlich in der Lage, mich daran zu erfreuen, ein Drei-Akkord-Lied spielen zu können.
Ich hege große Hoffnungen, dass ich irgendwann wieder in dem Zustand ankomme, in dem ich mit drei Jahren war. Natürlich werde ich das nie wieder sein. Ich habe ja nicht alles vergessen. Aber vielleicht kann ich einen Zustand gebildeter Naivität erreichen. Etwa so wie Wittgenstein im Tractatus sagt: Die Leiter wegwerfen, nachdem man sie hinaufgestiegen ist. Und wieder runter. Zumindest in meinem Fall.