Ich habe mal tief im Archiv gegraben und einen Text aus der Kategorie „Absurdes“ gefunden, der sehr schön in die Jahreszeit passt. Ich muss nur eine Warnung an Menschen aussprechen, die eher Texte mögen, die sich leichter erschließen: Das wird hier nicht der Fall sein. Er ist wirklich sehr absurd. Deshalb mag ich ihn.

Der Morgenhimmel über Alaska

Der Morgenhimmel über Alaska hatte ausgesprochen gute Laune. Schon lange war ihm nicht mehr ein klares Blau gelungen. Er schaute auf die Pyramiden unter sich herab und dachte ein bisschen an die gute alte Zeit der Eisbären zurück. Die Eisbären, was waren das für nette Gesellen gewesen. Er hatte ihnen gerne beim Curling zugesehen und die Oper „Whoaaa!“ hatte er mit Genuss gehört.

Nun waren die Menschen nach 8000 Jahren zurückgekehrt und schlimmer als je zuvor. In ihrer neuen insektengleichen Gestalt waren sie noch schwerer zu ertragen als in ihrer Affenform.

Was trieb diese Wesen dazu, sich für die Krone der Schöpfung zu halten? Wer hatte sie glauben lassen, alles Andere um sie herum habe keine Seele?

Der Himmel schüttelte seine Ausläufer im Paralleluniversum. Das Telefon klingelte. Der Grand Canyon war dran. „Alter, ich habe dir doch mein Panoptikum geliehen, oder?“ „Ja, stimmt, sorry. Ich schick es dir mit einem Vampir zurück.“ „Mit einem Vampir?“ „Neues System. Große Pakete müssen jetzt immer von einem Vampir zusammengehalten werden. Die Da-Vinci-Reform, du weißt schon.“ „Was dieses Walross sich da wieder ausgedacht hat! Na gut, Hauptsache, das Panoptikum kann immer noch tanzen.“ „Ich pack ihm noch ein paar neue Schuhe ein, dann verhungert es nicht auf der Reise.“ „Ok, danke dir, schöne Nordlichtfeier.“ „Ja, danke, Karthago.“ „Karthago!“

Der Morgenhimmel räkelte sich noch ein wenig. Als das olympische Feuer wie üblich die Ablösung einläutete, hatte er sich schon wieder in den den Andromeda-Nebel zurückgezogen.

Liebe mich! Das scheint die Botschaft unserer Zeit zu sein. Das fällt mir gerade zwischen zwei Atemzügen wieder ein. Immer mehr scheint unser Leben, oder zumindest das von vielen, die ich kenne, sich darum zu drehen, geliebt zu werden.
Klar, man kann sagen: War das nicht schon immer so? Sehnten nicht auch die Bauern auf den Feldern des Mittelalters sich nach jemandem, der bemerkte, das sie arbeiteten? Ich denke, sie waren froh zu überleben. Schon gut, dass wir nicht mehr so ums Überleben kämpfen müssen, aber warum dieser irrsinnige Wunsch nach Bestätigung, dem ich ja auch nachgehe, indem ich das hier schreibe?

Liebe in kleinen
Dosen aus dem Cloud-Regal.
Wir sind da – echt jetzt.

Ich existiere
nur durch andere, deren
Blick und Klick mich schafft.

Liebe mich! Es ist ein zu großes Wort. Wirklich geliebt werden wollen wir nicht. Das würde ja heißen, jemand will sein Leben mit uns teilen. Es ist nur dieser kleine Kick, den man spürt, wenn die Userzahlen steigen, wenn unter dem Bild eine größere Zahl von Daumen und Herzen steht. Es heißt: Wir finden das gut, was du da machst. Und damit auch irgendwie dich. Und wir belügen uns automatisch. Wir glauben es. Dabei war ja immer nur das Bild gemeint.
Wir müssten es schaffen, uns auch noch diese Zuneigung einzubilden. Insofern wäre die alte Idee von Berkeley interessant: Was, wenn wir uns all diese Follower, Freunde, oder wie auch immer unsere Internet-Gruppe nun heißt, wenn wir uns all diese Wesen nur einbilden?

Ich klicke hier, ich klicke da,
ich like und du schreist: Hurra!
Hurra! schallt es von mir zurück.
Ja, so einfach ist das Glück.