Zwischen den Welten

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Zurzeit schwebe ich zwischen den Welten. In vielerlei Hinsicht. Tag und Nacht, Schlafen, Wach sein, Bühne, Heimkino, Schreibtisch Drogeriemarkt. Es ist ein ständiger Grenzübertritt.
Wie Dschuang Dsi frage auch ich mich, was nun real ist: Der Traum, der mir erscheint wie Wirklichkeit oder umgekehrt. Schon die Erwähnung von Dschuang Dsi zeigt, dass ich vielleicht einfach mal ein bisschen schlafen müsste. Schlaf ist relativ geworden für mich.
Je älter ich werde, desto weniger kann ich selber genau sagen, wann ich überhaupt wirklich geschlafen habe. Früher schlief ich eine Nacht durch und es fühlte sich an, als hätte ich Jahre in einer anderen Welt verbracht. Jetzt gleicht mein Schlaf dem Verzehr eines Döners: Es ist schon ok, aber man bringt es auch schnell hinter sich, um nicht zu viel von der niedrigen Qualität mitzubekommen.
Durch den Schlafmangel aus Gründen des Familienzuwachses erscheint aber auch die Realität oft eher wie ein Traum derselben. Immer öfter sage ich mir: Aber so ein Supermarkt, so ein Ort, an dem man sinnlos durch die Gänge fährt, um Müllbeutel in der richtigen Größe zu finden – so etwas gibt es doch gar nicht. Diese Konsumwelt ist nur eine Einbildung meiner kranken Phantasie. Oder diese Staus – das kann doch nicht echt sein. Kein normaler Mensch würde eine Stunde lang am Leonberger Dreieck stehen, nur um eine Strecke zurückzulegen, die ohne Stau in zwanzig Minuten zu bewältigen wäre. Das ist alles nur Einbildung.
Und dann sehe ich das Gras durch den Asphalt brechen und denke mir: Doch, das ist echt – und schlafe ein.

Kabel sind gefährlich

Gestern Nacht schaute ich beim schreiben so auf meinem Schreibtisch herum und stellte fest: Wenn ich eines besitze, sind es Kabel. Ich habe ein Smartphone-Ladekabel, zwei Kamera-Ladekabel, mehrere Kopfhörer mit Kabeln, Boxen, die man mit einem Kabel an den Rechner anschließt, mehrere USB-Kabel, mit denen man wiederum Festplatten, MP3-Player oder so anschließen kann, außerdem diverse Kabel für Musikinstrumente und am Ende natürlich auch noch die guten alten Stromkabel.
Ich kann mich nicht an dem Moment in meinem Leben erinnern, in dem ich dachte: Wenn es eines gibt, das ich auf dieser Welt wirklich im Überfluss haben will, dann sind das Kabel! Nein, ich bekenne: Ich habe ein völlig langweiliges normales Konsumentenleben geführt. Und selbst die Geräte, die an den Kabeln hängen habe ich zu großen Teilen nur gekauft, weil man so etwas heute eben braucht.
Jetzt sitze ich hier und fummele aus dem Kabelhaufen, wobei man es eher einen Kabelwust nennen müsste, das eine Kopfhörerkabel heraus, mit dem ich am Rechner Musik hören kann. Es ist ja nicht so, als wären die Kabel universell einsetzbar, für jedes Gerät gibt es ein eigenes Kabel. Selbst wenn es sich um eigentlich universell einsetzbare USB-Kabel handelt, haben die gerne am kleineren Ende alle unterschiedliche Formen, damit man ja nicht auf die Idee kommt, die Kamera mit dem gleichen Kabel wie das Smartphone anzuschließen.
Dazu kommt noch: Kabel sind ja nicht etwa besonders ästhetische Gegenstände, sondern einfach nur abgrundtief hässlich. Meine sind fast alle schwarz, das finde ich immer noch besser als dieses Weiß, das nach drei Tagen immer aussieht, als hätte man es durch einen brackigen Tümpel gezogen. Ich habe einen Kollegen, der sich zumindest immer farbige Gitarrenkabel kauft, damit seine von Technik erfüllte Welt nicht ganz so trist ist. Mir fehlt die Zeit, ich bin damit beschäftigt, meine Kabel zu entwirren. Und ich bin zu faul, Kabelbinder zu benutzen.
Worüber beschwere ich mich? ich könnte der Technik entsagen und im Wald leben. Ich könnte alle Kabel durch bunte in Filz verpackte Kabelkunstwerke ersetzen. Ich haber bleibe ein postpostmoderner Konsument und beschwere mich lieber über den Abfall, den meine verschwenderische Existenz mit sich bringt. Da wäre es mir echt lieber, alles würde durch irgendeine Art Kraftfeld miteinander verbunden. Das würde dann wahrscheinlich Kabel in meinem Kopf wachsen lassen, aber die sind da, wie man sieht, ja ohnehin schon.

Kunst und Geld I

„Ich muss ja auch davon leben!“ Diesen Satz sagen wir Künstler allzu gerne, wenn wir unsere Gagenforderungen begründen. Und es stecken einige traurige Wahrheiten in diesem Satz. Zum einen: Man muss von seiner Kunst leben. Muss man das? Kafka hat nicht von seiner Kunst gelebt. Das Geld, das er mit Büchern verdient hat, war nicht der Rede wert. Das Meiste wurde wohl nach seinem Tod erwirtschaftet. Dennoch hat wohl kaum ein Künstler so von der Kunst gelebt wie Kafka. Seine Nächte waren erfüllt vom atemlosen Schreibmarathon des Besessenen. Gar nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn er damit aufgehört hätte.
Nur lebte Kafka in einer Zeit, in der man gar nicht unbedingt erwartet hat, dass ein Künstler von seiner Kunst lebt. So kommt es mir zumindest vor. Heutzutage hat man doch das Gefühl, wenn jemand sich Künstler nennen will, dann muss er oder sie auch davon leben können. Nicht ganz unlogisch. Man sagt ja auch nicht: Ich bin Schreiner! Und arbeitet in Wirklichkeit bei der Post.
Andererseits ist doch der Anspruch von Kunst, auszubrechen aus dem Zwang des Marktes. Warum muss mit etwas Geld verdient werden, das doch ein kleines Universum für sich selber sein soll, Ausdruck des Absoluten in Miniatur? So kommt es auch, dasss man mit seiner Kunst auch nicht allzu beliebig Geld verdienen darf. Wenn man Werbe-Spots dreht, darf man höchstens Schauspieler sein. Unvorstellbar, dass Gerhard Richter das neue Logo von H & M malt, um einfach Geld zu verdienen. Dabei wäre das vielleicht sogar ganz nett. Würde sicher interessant aussehen.
Man muss aber auch von seiner Kunst leben, weil man ja Kunst macht und nebenher nur schwer etwas Anderes machen kann. Es sei denn, man ist Kafka, aber der ist auch jung gestorben. Oder man beschränkt seine Kunst auf einen gewissen Zeitraum. Das wiederum gilt aber vielen dann nur als Hobby, was man gemeinhin auch als minderwertig ansieht.
So macht man dann eben doch Kunst, die Geld verdienen soll. Nur eben nicht gleich für H & M, sondern für kleinere unbekannte Unternehmen, wo es keiner mitbekommt. Oder man versucht einfach direkt, seine Kunst zu verkaufen. Nur wird sie dann zum Produkt und muss die gerade herrschenden Gesetze des Marktes erfüllen. Da macht man dann auch gerne Dinge mit seiner Kunst, die man selber gar nicht mehr gut findet, die aber Absatz garantiert.
Andererseits: Warum darf die Kunst nicht einfach schnöde kapitalistisch und kulturindustriell sein, um als wahre Kunst zu gelten? Sind die Erfinders der Bitcoins nicht auch irgendwie Künstler? Vielleicht mehr als Andere? Schließlich geht es bei ihnen nur noch um Geld. Das ist doch auch eine Art von Performance.
Ich weiß nicht. In mir schlummert trotz allem immer die Sehnsucht, Ausdruckstanz mit Rindenpercussion zu inszenieren. Oder mal ein Stück aufführen, bei dem niemand zuschauen darf. Und dann dafür extrem subventioniert werden. Ich verwickle mich in Widersprüche… Für die Kunst ist das sicher ein gutes Zeichen…
To be continued…

Genanalysen – Viel Quatsch und ein bisschen Wahrheit

Manchmal beschleicht mich eine alte Angst, die jüngst in ganz modernem Gewand daherkommt: Dass der Tag, ja selbst die Sekunde meines Todes schon seit meiner Geburt feststehen. Der Film Gattaca zum Beispiel, den ich nur empfehlen kann, zeichnet ein düsteres Bild von einer Zukunft, in der man bei der Geburt einfach einen Papierstreifen aus einem ominösen Gerät laufen, auf dem man genau lesen kann, welche Krankheiten der kleine Knirps da mit welcher Wahrscheinlichkeit in seinem Leben noch bekommen wird.

Ein US-Forscher sagt jetzt: Alles Quatsch! Wir haben überhaupt nicht die Daten zur Verfügung, um solche Voraussagen machen zu können. Zum einen, weil viele Krankheiten glücklicherweise doch so selten vorkommen, dass es statistisch unmöglich ist, irgendwelche pauschalen Aussagen aus ihrer Verbreitung zu ziehen, zum anderen weil die gleiche Krankheit vielleicht bei jedem Kranken völlig unterschiedliche genetische Ursachen hat.

Ganz abgesehen davon gibt es ja auch noch andere Ursachen für Krankheit, die mit Genen überhaupt nichts zu tun haben. Erkältungen zum Beispiel, die bekommt man noch, weil man sich ansteckt. Kurios, aber wahr. Es ist also totaler Quatsch eine Firma, die eignene Gene analysieren zu lassen, um dadurch etwas über bevorstehende Krankheiten zu erfahren. Erst wenn die Analysen sich neuer Mittel bedienen wird das vielleicht möglich sein.

Viel wichtiger als ein Blick auf zukünftige etwaige Krankheiten bleibt sowieso der auf die echte akute Krankheit, mit der viele Menschen zu kämpfen haben. Da geht es wohl weniger um Analysen, sondern darum, wie man sich fühlt. Hier findet sich eine Seite, die versucht, das zu kommentieren, ins Leben gerufen von Christof Schlingensief. Da weiß man gar nicht mehr, was man selber noch zu sagen hätte.