Müßiggang

An einem wunderschönen Sonntagnachmittag saß Gundolf Möchtegern in einem schnuckeligen Café und ließ sich ein schmackhaftes Heißgetränk durch die Kehle laufen. Hingebungsvoll gab er sich dieser nachmittäglichen Stunde hin, in der er wie die meisten anderen nichts zu tun hatte. Doch nach einiger Zeit des sinnierenden Dahinschauens meldete sich sein schlechtes Gewissen.

Möchtegern war ein tüchtiger Mann und der Müßiggang pflegte nach einiger Zeit stets die Furcht bei ihm hervorzurufen, völlig dem Nichtstun zu verfallen und nie wieder den Weg zurück in seine alte arbeitsame Existenz zu finden.

Nervös begann er seine Tasse, den Zuckerstreuer und die Karte auf seinem Tisch in eine strenge Ordnung zu bringen. Er beruhigte sich ein wenig, doch schon bald überkam ihn von Neuem die alte Furcht. Als sein Augenlid schon nervös zu zucken begann, stand er Erleichterung suchend auf und begann auch einzelne Stühle im nur mäßig besuchten Café ordentlich an die Tische zu rücken. Die wenigen übrigen Gäste begannen sein Treiben mit einer geweissen Belustigung zu verfolgen, was auch Möchtegern bald bemerkte und sich infolgedessen wieder artig auf seinen Stuhl setzte und so tat, als wäre nichts geschehen.

Dieses Nichts, das nicht geschah war aber eben das Problem und so blieb ihm schließlich nichts anderes übrig, als zumindest noch einen Café beim eilig herbeieilenden Kellner zu bestellen, dem er aufgrund seiner sinnvollen Aufgabe fast unverhohlen neidisch nachblickte. Wie es manch übler Zeitgenosse schon aus Prinzip immer zu tun pflegt, begann nun Möchtegern, die Arbeit des Kellners zu überwachen und es dauerte nicht lange, bis er einen Fehler entdeckte:

„Sie haben den Rand der Tasse berührt!“ platzte es aus ihm heraus, als der Kellner beim Servieren eines weiteren Kaffees an einem anderen Tisch versehentlich den Rand der Tasse berührte, den der Gast nun nicht mehr ohne Auschluss jeglicher Gesundheitsgefahr mit seinen Lippen berühren konnte. Im selben Augenblick räusperte Möchtegern schon eine heiseres „Verzeihung.“ in den Raum, da er merkte, dass aller Augen ob der verbalen Entgleisung nun auf ihn gerichtet waren. Mancher schüttelte den Kopf und Möchtegern blieb nichts anderes, als den Vorgang der Errötung seiner bleichen Wangen schwitzend zu ertragen.

Einen viel zu großen Schein auf dem Tisch hinterlassend stolperte er schließlich grußlos ins Freie. „Was dachte ich mir nur?“ flüsterte er wiederholt vor sich hin, während er erschüttert den altbekannten Kurven seines Heimwegs folgte. Vor Scham zitternd verkroch sich der vom Müßiggang Irregeleitete in seinen Kissen und sehnte sich schlaflos dem nächsten Morgen entgegen, der ihn in den Alltag seiner normalen Tätigkeit entließ. Gleich am nächsten Morgen nahm er eine zusätzliche Stelle als Museumswächtervertretung für den Sonntag an, um nie wieder in eine solche Situation zu geraten.

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