Die Kastanie

Am 52.27. um exakt 26 Uhr fiel dem Medizinstudenten Rainer Maria Münzgroschen, der gerade aus einer Vorlesung über antike Kunst kam und sich allerlei Gedanken über die Vergänglichkeit von Granit machte, während er ein kleines Wäldchen im Hinterhof seines Mietshauses durchquerte, eine Kastanie auf den Kopf. Dieses Ereignis sollte sein Leben für immer verändern.

Er hatte ursprünglich geplant, nach dem Durchqueren des Wäldchens ganz zufällig über die schöne ihm bis dahin gänzlich unbekannte Nachbarin von nebenan zu stolpern, während sie gerade ihre der auf einmal geplatzten Einkaufstüte entpurzelnden Einkäufe auf dem Boden zusammensuchte, ihr beim gemeinschaftlichen Aufsammeln der Waren in die Augen zu sehen, zu bemerken, dass es sich um die Liebe seines Lebens handelte, ihr diese Einsicht mitzuteilen und nach ihrer Versicherung, dass sie genau so für ihn empfände, auf der Stelle eine Familie mit ihr zu gründen, die dann 11 Jahre später in einem dreckigen Scheidungskrieg enden würde, den einer von beiden nicht überlebte.

Doch die Kastanie, die seinen Kopf schmerzvoll erschütterte, machte ihm einen gehörigen Strich durch die Rechnung. Sie ließ ihn in einem Moment alles verlieren, was er eben noch erträumt hatte und dem Kopfschmerz schloss sich der Schmerz in seiner Seele an. Rainer Maria sank ohmächtig zu Boden und erinnerte sich seiner vergangenen Zukunft nur noch in den wirren Träumen, die seine Ohnmacht begleiteten, bis er von ein paar sein Gesicht streifenden Haaren geweckt wurde.

Ein wunderschönes Gesicht mit hohen Wangenknochen beugte sich besorgten Blickes über ihn und der zarte Mund, der dem Ganzen zur ästhetischen Vollkommenheit gereichte formte die Worte: „Hast du dir weh getan, kleiner Prinz?“ Rainer Maria rappelte sich auf, um vor der schönen Frau seine erwachsene zur Ohnmacht unfähige stolze Männlichkeit zu demonstrieren und so doch eher „König“ denn „kleiner Prinz“ genannt zu werden, überforderte damit seinen Kreislauf und sank sofort wieder zu Boden, wobei die fremde Schönheit seinen darniedersinkenden Kopf in ihrem Schoß bettete.

Als er die Augen erneut aufschlug, sah er wieder in das schöne Gesicht der schönen Frau, die nun nicht mehr „kleiner Prinz“ zu ihm sagte, sondern ganz einfach: „Du bist die Liebe meines Lebens.“ Dieser Satz gemahnte ihn an die gerade eben durch die Kastanie verlorene eigene Zukunft und da er sich sicher war, nun zumindest Teil der Zukunft einer anderen Person werden zu können und ihr den Verlust, den er gerade durchlitten hatte ersparen wollte, sagte er: „Und du bist die meine!“

So brach er auf in ein neues Leben, das keine Vorbestimmung mehr kannte, an seiner Seite die unbekannte Schönheit, die er vor lauter Glück erst nach zweit Tagen nach ihrem Namen fragte und ging mit ihr ins nächste Kino, um sich die Sneak-Prewiew anzusehen.

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