Ich bin vier!

Ich stand heute morgen an der Bushaltestelle, zu früh, man mag es kaum glauben, wo ich doch sonst fast über meine heraushängende Zunge stolpernd dem fast verpassten Bus hinterherzuhecheln pflege. Ich erwartete also das Gemeinschaftsgefährt mit dem interessanten Geruch, als auch schon ein solches zuckelnd um die Ecke bog. So weit alles Routine, nur war nirgends ersichtlich, um welche Buslinie es sich handelte, weil alle Anzeigetafeln ausgefallen waren, die ein Bus so mit sich rumzuschleppen pflegt, um über die eigene Identität Auskunft zu geben. „Das ist ja auch mal interessant.“ Meinte eine sympathische Dame neben mir mit einem süffisanten Lächeln, das wohl so etwas Originelles heißen sollte wie: „Ha, passiert also doch mal was Ungewöhnliches in dem kleinen Spießerstädtchen hier, oder zumindest etwas, was die ganzen Spießer, von denen ich hier umgeben bin, für ungewöhnlich und unerhört halten, außer dir natürlich, Baby, aber du bist ja auch kein Spießer.“

Schon wollte ich noch origineller erwidern, dass es sich auch um eine Kunstaktion handeln könnte unter dem Titel: „Die Suche nach dem eigenen Ich – Auch Busse sind Suchende.“, aber da hatte meine Schüchternheit mich schon dazu gebracht, mich abzuwenden und den nahenden Bus anzustarren.

Der Bus hielt, die vordere Tür öffnete sich, wir Wartenden starrten fragend in den Bus hinein und der Fahrer reagierte ganz souverän, indem er vier Finger in die Höhe reckte und dazu sagte: „Ich bin vier.“, was einen vorlauten Kommentator schon hätte veranlassen können, ihm dazu zu gratulieren, dass er aber einen großen Spielzeugbus fahren dürfe, doch der Fahrer präzisierte: „Ich bin die Vier! Die Vier bin ich.“ Woraufhin zu schließen war, dass er uns die Linie seines Busses mitteilte, woraufhin wir alle beruhigt einsteigen konnten.

Bei der nächsten Haltestelle wiederholte sich das Speil und ich durfte mit Freude beobachten, dass das ausgefallene Schild, die Kommunikation der Reisenden beförderte. So fragten die Wartenden nicht nur den Fahrer, sondern auch andere Businsassen: „Welcher is des?“ und diese gaben bereitwillig Auskunft, indem sie alle ihre Hände in die Luft streckten und im Chor flöteten: „Die Vier! Die Vier!“

So wurde ich Zeuge eines recht angenehmen Morgens, an dem Menschen miteinander in Kontakt kamen, die sonst vielleicht nie miteinander geredet hätten und fragte mich, ob man diesen Ausfall, nicht zur Regel machen sollte. In unserem hochtechnisierten Zeitalter könnte es doch durchaus von Vorteil sein, mal ein paar Dinge ausfallen zu lassen. Buslinienschilder, die Ansage, dass jetzt die nette Brezelverkäuferin im Zug ist, wobei diese Ansage fast zu schön ist, um sie ausfallen zu lassen, die komischen Durchsagen im Supermarkt, die Nummernanzeigen auf den Ämtern, die Ampeln, die Anzeige, wer jetzt gerade anruft, … wir würden wieder mehr miteinander sprechen…analog!…

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