Schuhe kaufen

Ich brauche neue Schuhe. Meine alten haben inzwischen das Loch an der einen Stelle, das jeder meiner Schuhe nach lächerlichen fünf Jahren Tragezeit bekommt und Regen für mich zu einer echten Bedrohung werden lässt. Klar, sagt man da, geh doch einfach Schuhe kaufen! Aber so einfach ist das nicht. Ich wohne in einer kleinen Studentenstadt, in der ordentliche Schuhe ungefähr so leicht zu finden sind wie eine Saftbar in der Sahara.

Meistens läuft der Versuch, Schuhe zu kaufen, hier immer nach dem selben Muster ab: Nach einer langen Phase der Resignation und Verzweiflung beschließt man, nun doch auszuziehen um den Schuhkauf zu wagen, auch wenn die Erfolgsaussichten geringer sind als die von Dieter Bohlen, wenn er sich selber mal bei DSDS zum Casting vorstellen würde.

Man betritt das erste Schuhgeschäft, nachdem man es irgendwie geschafft hat, nicht gegen das Schaufenster zu kotzen. Sofort stürmen vier Schuhverkäuferinnen auf einen zu mit der Frage, ob sie einem helfen können, weil sie völlig aus dem Häuschen geraten sind darüber, dass sich mal so was Exotisches wie ein Kunde in ihr Geschäft verirrt hat. Man schafft es dann gerade noch: „Nein danke, ich guck nur.“ zu sagen, anstatt: „Ja klar können Sie mir helfen! Haben Sie einen Müllcontainer, wo wir diese ganzen Schuhe reinschmeißen können, die ihre Regale verschandeln?“

Man beherrscht sich. Man sagt sich, auch ein blindes Huhn auf Krücken findet mal etwas, das man mit viel Phantasie als Korn bezeichnen könnte und sucht nach dem einen Paar Schuhe, das in diesem Haufen erbärmlicher Fußtüten ein stilles Aschenputtel-Dasein führt. Aschenputtel ist ein Märchen über eine Schönheit, die unter hässlichen Stiefschwestern leben muss, das Schuhgeschäft ist kein Märchen, das hier ist die kalte harte unerbittliche Wirklichkeit, in der Aschenputtel kurz nach der Geburt von ihren Stiefschwestern erstickt worden wäre und in der es vor allem keine schönen Schuhe gibt.

Das wäre ja auch zu viel verlangt von so einem Schuhgeschäft, nicht nur wahllos irgend einen Haufen fußähnlicher Ledertaschen anzubieten, sondern auch noch so etwas wie eine geschmackvolle Auswahl zu treffen. Es heißt ja schließlich „Schuhgeschäft“ und nicht „Schuhgalerie“ oder „Schuhmuseum“. Wo kommen wir denn da hin, wenn jeder solche Ansprüche stellt? Am Ende muss der Apfel, den man im Supermarkt kauft, dann auch noch einen besonderen Geschmack haben, oder was? Die armen Schuhläden sind schließlich nicht gebaut worden, um die dekadenten Wünsche irgendwelcher Zwangsneurotiker zu befriedigen, die die ganze Zeit etwas von „Schönheit“ stammeln, als wenn dieses leere Wort tatsächlich irgendeine Bedeutung hätte, sondern um die Fußsohlen der hart arbeitenden Bevölkerung zu schonen, damit sie noch härter arbeiten kann.

Ich sollte mich in Bescheidenheit üben und dankbar sein, dass ich in solchen Geschäften überhaupt geduldet werde, sollte dankbar sein, dass ich überhaupt das Geld habe, um irgenwas kaufen zu können, sollte dankbar sein, dass ich überhaupt existiere. So langsam bleibt mir auch keine andere Wahl mehr, als einfach blind ins Schuhregal zu greifen, weil mein rechter Schuh an der Ferse schon wieder so abgelaufen ist, dass mein Gang noch seltsamer aussieht als sonst, weil ich nur noch auf den Zehenspitzen laufen kann.

Wenn alle Stricke reißen, nagel ich mir eben ein Stück Autoreifen unter den Fuß und humple damit durch die Gegend, immer den Spruch der alten Schuhgeschäftsveteranen auf den Lippen: „There is no buisness like shoe buisness!“

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