Warum ich so höflich bin

Ich bin ja ein sehr höflicher Mensch, ich frage mich oft, warum. Neulich zum Beispiel, ich brauchte beim Geld abzählen an der Kasse im Supermarkt etwas länger, bellte es aus der Schlange hinter mir: „Wird das heute noch mal was?“ und ich entschuldigte mich peinlich berührt und zahlte so schnell es ging, anstatt zu antworten, dass sich die Probleme, die der Betreffende da gerade an mir abreagiert, sich durch sein Geschrei auch nicht lösen lassen und dass er mal darüber nachdenken sollte, ob er vielleicht nur deshalb so viele Probleme hat, weil er mit anderen Leuten immer so umgeht wie mit mir gerade.
Warum bin ich so höflich? Klar, die gute Erziehung würden jetzt viele sagen, aber meine Erziehung bestand vor allem in einer fortwährenden lautstarken Auseinandersetzung zwischen meinen Eltern und mir und höflich war dabei keiner.
Wer weiß, vielleicht war ich in meinem früheren Leben ein Adliger am Hof Ludwig XIV., an dem jedes Niesen einer ausführlichen Kommentierung bedurfte, deren gelungene Ausführung einen in der Hierarchie aufsteigen ließ von jemand, den der König gar nicht kannte zu jemand der schon eines abfälligen Blickes würdig war. Stellt sich nur die Frage, warum ich dann heute auch zu Leuten höflich bin, die früher gar keine Menschen für mich gewesen wären.
Vielleicht bin ich auch einfach ein Spießer. Vielleicht bin ich nur so höflich, weil man das eben so macht, weil es um zwölf Uhr Mittagessen gibt, weil fünf Minuten vor der Zeit die wahre Pünktlichkeit ist. Aber gerade dann hätte ich doch dem Schreihals entrüstet entgegen schmettern müssen: „ Entschuldigen Sie, ich versuche gerade passend zu zahlen, was meine Pflicht ist als Kunde dieses Geschäfts, weil ich so den Aufwand klein halte und die Volkswirtschaft voranbringe. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder nur mit großen Scheinen bezahlte? Können Sie sich vorstellen, wie viel Zeit heutzutage in Wechselstuben verschwendet wird? Wissen Sie etwa nicht, dass unsere Banken gerade an der Börse ums Überleben kämpfen? Und überhaupt: Früher hätte so jemand wie Sie hier gar nicht einkaufen dürfen!“ Nein auch ein wahrer Spießer bin ich nicht.
Ich glaube, ich bin höflich, weil ich feige bin, weil ich Angst davor habe, was alles passieren könnte, wenn ich mal nicht höflich wäre. Wenn ich dem Idiot in der Schlange mal die Meinung sagen würde, hätte ich meine Ruhe, er hätte noch irgendwas gebrummelt und ich wäre als selbstbewusster Mensch aus dem Supermarkt gekommen. Wenn ich immer angemessen reagieren würde, wäre ich nicht mehr der nette höfliche Herr, der immer so freundlich ist, sondern eine echte Person. Jemand, an dem die Menschen sich reiben könnten, jemand, den sie lieben oder hassen…. Aber ich bleibe liebe höflich und sage: Entschuldigung, dass Sie diesen Text hier lesen mussten, lassen Sie sich davon nicht aufhalten…

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