Baustelle

Ich wohne neben einer Baustelle. Ein ganzes Jahr lang durfte ich bewundern, wie Bagger mit monströsen Riesenschaufeln, die jeden mutierten Monstermaulwurf vor Neid erblassen lassen hätten, jeden Stein pulverisierten, der noch unschuldig auf der Brachfläche nebenan lag. Die nächsten Monate durfte ich das stetige Wachsen und Gedeihen eines neuen Gebäudekomplexes beobachten, Stein für Stein. Mancher Stein fiel auch mal auf den Boden und machte ein hässliches Geräusch, das ich aber gar nicht mehr hörte, weil meine Ohren schon halb taub waren von dem Geräusch der Planierraupen, die unser Haus erzittern ließen wie Espenlaub bei Windstärke 12. Das hatte durchaus auch seine Vorteile: Ich habe ein ganz neues Verhältnis zur Bausubstanz meiner eigenen Behausung entwickelt und weiß jetzt, dass die Bruchbude zwar äußerlich aus mehr Rissen als geschlossener Oberfläche besteht, aber mit Sicherheit jedes Erdbeben überstehen dürfte. Morgens grüßen die Bauarbeiter fluchend vom Gerüst und dürfen meinen Schlafanzug bewundern und ab und zu klingelt mal einer, um im Telegrammstil nach dem Motto: „Schwarzer VW? Schwarzer VW?“ zu fragen, ob mir das Scheißauto gehört, das da mal wieder im Weg steht und ich darf dann zum tausendsten Mal antworten, dass ich überhaupt kein Scheißauto besitze. Manchmal denke ich noch wehmütig an die Zeit vor der großen Baustelle, da befand sich neben unserem Haus noch ein Schrottplatz, der einen morgens fröhlich mit dem Entladen des Altmetallcontainers weckte, aber das ist eine andere Geschichte…

3 Comments

  1. Ich bin vor den Planierraupen in die Unibibliothek geflüchtet. Drei mal darfst du raten was hier vorm Fenster vorbeifährt – ne Planierraupe!

  2. Es ist der Planierraupenfluch, der Dich befallen hat! Es gibt nur einen Ausweg: Du musst im fernen Land der Planierraupen [hinter den 7 Baustellen] einkehren und sämtliche Planierraupen-Kokons in die Luft sprengen. Sind alle Kokons vernichtet, hast Du es geschafft! Viel Erfolg!

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